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Einkaufen auf Arabisch

Der Zuzug von Flüchtlingen macht sich in deutschen Lebensmittelregalen bemerkbar – Kardamom, Sesampaste & Co. verkaufen sich besser als je zuvor. Das könnte den Markt verändern, meint ein Experte.

An einer Kühltruhe klebt ein Zettel, auf dem Fotos von verschiedenen Fleischsorten abgebildet sind. Victoria Penekli deutet darauf, wenn ein Kunde sie mal wieder nicht versteht. „Manchmal tue ich so, als wäre ich ein Huhn“, sagt sie und flattert mit den Armen. Im türkisch-orientalischen Lebensmittelmarkt „Ceylan“ in Passau klappt die Verständigung mit Händen und Füßen. Denn seit einiger Zeit kaufen hier vor allem Menschen ein, die aus dem arabischen Raum stammen. Viele Syrer, die aus ihrer Heimat geflohen sind, suchen hier nach Lebensmitteln. Weil es sie sonst in Deutschland nicht gibt.

Auf die stärkere Nachfrage hat sich die Geschäftsführerin eingestellt. Vor zwei Jahren hat die Ukrainerin den Markt zusammen mit ihrem Mann, der aus der Türkei stammt, eröffnet. Damals noch mit hauptsächlich türkischen Waren. Mittlerweile verkauft sie über Viele Muslime essen nur Halal-Fleisch 1000 Produkte aus ganz verschiedenen Ländern – tellergroße Fladenbrote aus dem Iran, säckeweise Bohnen in verschiedenen Farben und Formen aus dem Libanon und Datteln aus Tunesien. In den vergangenen fünf Monaten hat sie das Sortiment vor allem mit arabischen Lebensmitteln angereichert. Sie schätzt, dass momentan 70 Prozent ihrer Kunden aus dem Nahen Osten stammen.

Der Zuzug von Flüchtlingen macht sich mehr und mehr in den Regalen deutscher Lebensmittelgeschäfte bemerkbar, bestätigt Wido Geis, Zuwanderungsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). „Es gibt zwar keine konkreten Zahlen, aber arabische Lebensmittel werden immer stärker nachgefragt“, erklärt der Experte. „Flüchtlinge gehen auch deshalb gerne in arabische Supermärkte, weil sie noch nicht gut Deutsch können und hoffen, dass sie sich dort verständigen können“, sagt Geis.

Um dem entgegenzukommen, hat der „CeylanMarket“ in Passau eine Dolmetscherin eingestellt. Jeden
Nachmittag erklärt diese den Kunden auf Arabisch, wie viel die Sesampaste kostet, in welchem Regal
der Kardamom steht und woher das Fleisch kommt, das sich in der Tiefkühltruhe in großen Plastiksäcken stapelt. Wichtig ist den muslimischen Kunden vor allem, dass es halal ist – also von geschächteten Tieren stammt, die beim Schlachten ausgeblutet sind.

Zwei syrische Männer fragen nach Lammfleisch. Das gibt es nur auf Bestellung, also gehen sie wieder. Viele Kunden, die hier einkaufen, sind anspruchsvoll. „Die kennen bestimmte Lebensmittel aus ihren Heimatländern − die wollen sie dann auch kaufen“, erklärt Victoria Penekli. Der Supermarkt hat sein Sortiment frühzeitig danach ausgerichtet. „Mein Mann hat vor zwei Jahren
erkannt, dass es eine Marktlücke gibt“, sagt Penekli.

Einen kleineren, exotischen Laden gibt es in der selben Straße nur eine Hausnummer weiter. In einem kleinen Raum stapeln sich Gemüsekisten neben dunkelhäutigen Schaufensterpuppen mit afrikanischen Perücken. Das Angebot im „Afromarket“ ist ausgefallen. Es gibt riesige getrocknete Fische und ostafrikanische Gemüsesorten. Hier kaufen Afrikaner, Deutsche und auch viele Syrer ein. Victoria Onobevbe hat das Geschäft gemeinsam mit einem Partner vor drei Monaten übernommen. „Es läuft gut“, sagt sie.

IW-Experte Wido Geis schätzt, dass in den nächsten Monaten weitere Geschäfte aufmachen werden,
die ausländische und speziell arabische Lebensmittel anbieten – vor allem in deutschen Großstädten. Supermarktketten reagieren bereits auf die neue Klientel. In Köln bietet die deutsche Handelskette Rewe beispielsweise Halal-Fleisch an. In Ostbayern hat sich der Flüchtlingszuzug hingegen – laut
IHK – noch kaum auf den Einzelhandel ausgewirkt. Zumindest nicht auf die Großkonzerne. „Wir
haben uns bei den Filialisten umgehört“, sagt Thomas Breinfalk, Branchenbetreuer Handel bei der IHK Niederbayern, auf Nachfrage der Heimatzeitung. „Dabei konnten wir aber noch keinen Trend feststellen.“
Für Victoria Penekli hingegen werden die ersten Veränderungen am Markt schon spürbar. Arabische Produkte verkauft sie mittlerweile günstiger als noch vor ein paar Monaten. „Wir haben einen neuen Händler gefunden“, sagt sie. „Es scheint mehr Konkurrenz zu geben.“

Dass der Preis arabischer Lebensmittel in Zukunft entscheidend sein wird, liegt für IW-Experte Wido Geis auf der Hand. „Flüchtlinge haben ja zunächst nur wenig Geld. Da müssen die Supermärkte ihre Preise anpassen“, erklärt er.

Gefeilscht wird auch gerne im CeylanMarket. Manchmal wedeln Männer mit einem Bund Petersilie in der Hand in Richtung Kasse und diskutieren lautstark mit Victoria Peneklis Mann über den Preis. „Manchmal gibt er nach“, sagt sie. Den deutschen Kunden würde das nie einfallen. Auch die machen einen immer größerenTeil der Kundschaft aus. Arabische Lebensmittel werden auch unter Deutschen immer beliebter. Hummus und Falafel sind längst Standard in den Imbissläden der Städte. „Viele deutsche Kunden lernen die Lebensmittel auf Reisen kennen und wollen sie dann auch zu Hause ausprobieren“, sagt die Geschäftsführerin. Auch ausgefallene Gewürze zum Kochen seien bei der deutschen Kundschaft beliebt.

In naher Zukunft erwartet Wido Geis einen weiteren Anstieg der Nachfrage nach arabischen Lebensmitteln. „Wenn die Familien der Flüchtlinge nachziehen, wird wohl noch mehr verkauft werden“, sagt er. „Die Frauen kochen vermutlich mehr als die Männer und gehen dementsprechend einkaufen.“
Auf lange Sicht werde die Nachfrage aber auch wieder weniger werden. „Wenn die Menschen erst lange genug in Deutschland leben und vor allem die Sprache beherrschen, werden sie immer häufiger in ganz normalen, deutschen Supermärkten einkaufen gehen“, vermutet der Experte.