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Von Frauen für Frauen

Kultur musichhwomen2

(Foto: Julia Segantini

Frauen werden in vielen Branchen benachteiligt, unter anderem in der Musik. Dabei geht es nicht nur um Geschlechterkonflikte unter Musikern, sondern das gilt zum Beispiel auch für die Bereiche Business und Journalismus. Musikfrauen präsenter zu machen und zu empowern ist deshalb das Ziel von musicHHwomen, eine Interessenvertretung von Frauen für Frauen. Zwei der Mitbegründerinnen, Andrea Rothaug und Katrin Hesse, haben der akduell erklärt, wie die Probleme und möglichen Lösungen aussehen.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass Frauen in der Musikbranche tatsächlich benachteiligt werden, soll sich von diesen Zahlen überzeugen lassen: Erhebungen des Verbandes unabhängiger Musikunternehmen (VUT) belegen, dass gerade einmal 7,4 Prozent der VUT-Mitglieder von Frauen geführt werden, während 5,5 Prozent der Mitgliedsunternehmen gemischte Teams in der Chefetage haben. Auch eine gemeinsame Studie der GEMA und des Jugendkanals Puls zeigte, dass die TOP 100 Single Charts gerade mal 26 Prozent weibliche Interpretinnen aufweisen und nur 15 Prozent der Komponierenden und Textschreibenden weiblich sind. Die GEMA fand weiterhin heraus, dass die 100 erfolgreichsten Radio Songs des Jahres nur einen Anteil von elf Prozent an weiblichen Interpreten aufweisen, darunter kein Lied, das von einer Frau allein komponiert wurde. Grund genug für die Hamburger Frauen von musicHHwomen im Juni vergangenen Jahres eine Interessenvertretung als lokale Database zu gründen. Die neue Datenbank wird zurzeit als bundesweites Netzwerk ausgeweitet. Das Team besteht aus sechs Mitarbeiter*innen, einem Vorstand, freien Mitarbeiter*innen und Künstler*innen. Derzeit befindet sich das Projekt noch am Anfang. Da die Fördergelder knapp sind, wird ein großer Teil von ehrenamtlichen Helfer*innen getragen.

Förderung verbessern

An erster Stelle steht für Andrea Rothaug, Mitbegründerin von musicHHwomen, die Ursachenforschung für die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. „Beim Job landen die meisten Frauen in sozialen und pädagogischen Berufen. Immer schlecht bezahlt. Männer steigen im Job auch gleich an höherer Stelle ein, Frauen klettern die Leiter länger hoch und sie landen in geringeren Positionen", bemängelt sie. Deshalb fragt sie sich: „Erreicht die kulturelle Künstlerförderung überhaupt die weiblichen Kreativen? Und: Klar ist, Wir müssen die Frauen nicht so lange fördern bis sie ins System passen, sondern auch das System selbst ändern!" Die Interessenvertretung wolle ein Arbeitsleben gestalten, an dem möglichst viele Frauen teilnehmen können. Auch Katrin Hesse, ebenfalls Mitbegründerin von musicHHwomen, sieht das Problem im Patriarchat. „Ob bewusst oder unbewusst: Viele Männer fördern andere Männer, was psychologische Gründe hat, weil man sich ähnlicher ist. Dabei vergessen sie die Frauen", vermutet sie. Aber auch die institutionelle Förderung der Politik und Kulturwirtschaft lasse zu wünschen übrig. Ein weiterer Faktor seien fehlende Vorbilder erfolgreicher Musikfrauen. „Hinzu kommt, dass der Sexismus in der dortigen Geschäftswelt noch deutlicher ausgeprägt ist, als in vielen anderen Wirtschaftszweigen, da hier das Bild der Sängerin aka Sexobjekt einfach noch zu präsent in allen Köpfen ist", erklärt sie. Auch sexuelle Übergriffe ausgehend von Künstlern, für die man arbeitet, sei keine Seltenheit.

Die Hilfe der Interessenvertretung sieht konkret so aus, dass Frauen individuell durch Weiterbildungs-, Beratungs-, Coaching- und Mentoringangebote gefördert werden. „Jede Musikfrau*, die sich als Frau definiert, kann sich an uns wenden. Wir sind in Hamburg lokal gestartet und erreichen unser Ziel, wenn wir 16 lokal verortete Netzwerke haben, die wie die musicHHwomen vor Ort agieren", erläutert Rothaug. Dazu entstehe derzeit eine bundesweite Datenbank für alle Musikfrauen aus den Bereichen Kunst, Business, Medien und Technik. „Jede Musikfrau kann sich schon jetzt eintragen, je mehr wir werden, desto größer die Welle. Berufseinsteigerinnen sind ebenso willkommen wie Profis, junge Studentinnen und ältere Ladies", so Rothaug. „Unabhängig davon, an welchem Punkt man sich befindet, unsere Community gibt jeder Musikfrau mehr Kraft und Wissen", bestätigt Hesse. „Egal, ob man als Anfängerin auf der Suche nach einem Proberaum ist oder ob man als erfolgreiche Künstlerin nicht für den Preis nominiert wird, weil wieder nur Männer ausgewählt wurden", führt sie aus. „Ziel ist es, dass die anderen Länder nachziehen und wir so für mehr Synergien sorgen können", so Hesse.

Durch persönliche Gespräche mit den Frauen habe sich vor allem eins gezeigt: „Auffällig war, dass viele die Schuld bei sich selbst gesucht haben", stellt Hesse fest. Die musicHHwomen lieferten daher Antworten auf Probleme, die aus der fehlenden Gender Equality in der Musikbranche resultieren.

Die konkreten Schwierigkeiten würden sich innerhalb der verschiedenen Zweige der Musiklandschaft unterscheiden. „Frauen werden gerne in der Popschublade gesehen", meint Hesse. Dort hätten sie es allerdings schwieriger, als Frau aus der Masse herauszuragen. Im Rap und Rock gebe es dagegen weniger Frauen, weshalb sie dort zwar eher herausstechen würden, dafür aber auch mehr kämpfen müssten, um ernst genommen zu werden. „Im Schlager haben es Frauen sicher einfacher als im Rap, jedenfalls auf der Bühne, doch schauen wir hinter die Kulissen, wird schnell deutlich, auch im Schlager ist die Majorität der Songs von Männern geschrieben", stimmt Rothaug zu. Neue Möglichkeiten würden nach Hesses Meinung heutzutage die sozialen Medien bieten. Jetzt hätten es Musikfrauen leichter, sich selbstbestimmt zu vermarkten, anstatt „ein auf Sexiness reduziertes Image von alten mächtigen Männern aufgedrückt zu bekommen". Trotz der vielen Hürden ist sich Hesse sicher: „Gemeinsam können wir mehr bewegen. Frauen arbeiten viel, auch unbezahlt, und die Gelder fließen oft woanders hin. Aber das kann und wird sich ändern. Je mehr Frauen sich zusammentun, desto mehr Sichtbarkeit und Relevanz werden wir erlangen."

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