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Review

Rezension: Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation.

In ganz Europa erstarken in den letzten Jahren die Unabhängigkeitsbewegungen, in Spanien vor allem in Katalonien und im Baskenland und bei der Debatte darüber geht es immer auch um Kultur und Identität. Ein interessanter Beitrag zu diesem Thema kommt aus Deutschland, vom in Berlin lebenden Basken Ibon Zubiaur. Ich habe „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“ (Berenberg Verlag, 20 Euro) für den Deutschlandfunk rezensiert:

Das unpersönliche „man“ im Titel ist kein Zufall. Ganz bewusst hat Ibon Zubiaur seinen Essay nicht „Wie ich Baske wurde“, sondern „Wie man Baske wird“ betitelt. Denn die nationale Identität, das macht der Autor bereits auf den ersten Seiten klar, wird einem Basken nicht in die Wiege gelegt, sondern ist ein komplexes Konstrukt:

Vermutlich wird es einige Leser überraschen, (…) dass für viele Menschen im Baskenland die scheinbar schlichte Behauptung „Ich bin Baske“ keineswegs verständlich ist. (…) Für viele ist dies nämlich keineswegs etwas, das man ein für alle Mal bei seiner Geburt erwirbt. Es wäre eher eine Qualität des Seins, die man sich erst verdienen muss. Mit Ansichten wie denen, die ich in diesem Essay vertrete, habe ich mich jedenfalls für einige meiner Landsleute immer wieder als falscher Baske entlarvt.

Ein echter Baske muss nicht nur baskischer Abstimmung sein und die Sprache, wenn auch nicht beherrschen, so doch zumindest erlernt haben. Er darf auch den herrschenden nationalistischen Diskurs nicht hinterfragen. Doch genau das tut der Wahlberliner Ibon Zubiaur: Mit feiner Spottlust und viel Selbstironie rechnet Zubiaur mit der „Re-Baskisierungspolitik“ im jungen, demokratischen Spanien ab. 1971 in Getxo bei Bilbao geboren, gehört der Autor zur ersten Generation, die ihre Ausbildung komplett auf Baskisch absolvieren konnte: einer Sprache, mit deren Normierung gerade erst begonnen worden war und für die Philologen willkürlich neue Begriffe erfanden.

Ich wurde von Kindheit an darin trainiert, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu schreiben. Freilich war es eine Fremdsprache, die mir als die eigentliche verkauft wurde. Dies, nicht das Experiment an sich, erscheint mir im Nachhinein erklärungsbedürftig. Und dies, nicht die Entlarvung der Willkür des ganzen Unternehmens, bildet das politische Moment meiner Aussage.

Ibon Zubiaur ist fester Verfechter der These, dass Nationen und Traditionen erfunden werden – das Baskenland besonders spät und mit abenteuerlichen Argumenten. Die Jahrtausende alte Ursprache? Größtenteils ein modernes Konstrukt, das trotz Förderung von immer weniger Menschen im Alltag tatsächlich verwendet wird. Die Unterdrückung durch Spanien und die Freiheitskämpfe im 19. und 20. Jahrhundert? Ein Mythos! Bei den Karlistenkriegen ging es in erster Linie um einen Konflikt zwischen Staat und Kirche; und auch Franco fand für seinen Bürgerkrieg im Baskenland viele Unterstützer. Die Fabel vom Urvater Aitor? Ein Übersetzungsfehler von Sabino Arana. Dem 1865 geborenen Begründer des baskischen Nationalismus gilt Zubiaurs besonderes Augenmerk. Seitenweise zitiert er aus dessen Frühwerk, in dem Arana die angeblich „faulen, feigen und stinkenden Spanier“ zu „Volksschädlingen“ stilisiert, vor denen die Basken um jeden Preis geschützt werden müssten.

Historischer Kern des baskischen Nationalismus ist weder die romantische Verteidigung einer alten Kultur noch die Rückforderung einer minorisierten Sprache, es ist ein nackter, biologischer Rassismus, der auffallende Parallelen mit dem deutschen aufweist.

Zubiaur interessiert sich nicht so sehr für die Frage, warum dieses Gedankengut gedeihen konnte, sondern für dessen Auswirkungen. In abgeschwächter Form wirkt Aranas Nationalismus noch heute nach: in der Mär vom besonderen baskischen Gen oder der Bereitwilligkeit, mit der auch die abstruseste Sprachpolitik akzeptiert wird.

Tatsächlich geht es um die Durchsetzung eines nationalistischen Wunschbildes, in dem das Baskenland eine differenzierte, exotische Gemeinde bildet. Was tun also, wenn die neue baskische Hauptstadt seit Jahrhunderten Vitoria heißt? Man macht einen baskisch klingenden Ort in der Nähe ausfindig und benennt die Stadt per Dekret in Vitoria-Gasteiz um. (…) Gegen die grassierende Legende, die aus den Basken ein uraltes, traditionsliebendes Völkchen machen will, zeigen diese in letzter Zeit eine frappierende Bereitschaft, ihre Traditionen zu Gunsten viel jüngerer Mythen und Wunschbilder auszublenden. Und (das) ist selten ein Zeichen souveränen Umgangs mit der eigenen Identität.

An einem souveränen Umgang mit der eigenen Identität mangelt es im heutigen Spanien nicht nur den Basken: Auch in Katalonien interpretiert man im Zuge der erstarkenden Unabhängigkeitsbewegung gern einmal die gesamte Neuzeit als Kapitel finsterster Unterdrückung; die Vorstellung gesamtspanischer Nationalisten, nach der Spanien eine 3000 Jahre alte Nation sei, ist nicht weniger fantasievoll. Stimmen wie die von Ibon Zubiaur, der durchaus selbstironisch, quasi aus „empathischer Distanz“ kritisiert, hört man in Spanien selten. Und auch in der deutschen Berichterstattung über Spanien und das Baskenland, mit seiner Konzentration auf den ETA-Terror, ist kaum Platz dafür. Auch das macht den fakten- und anekdotengespickten Essay lesenswert. Nachdem Zubiaur das Schulsystem, Sprach- und Geschichtspolitik seziert hat, widmet er das versöhnliche Schlusskapitel seines Büchlein dem Fußball: seinem Lieblingsverein Athletic Bilbao, der seit Gründung nur baskische Spieler beschäftigt.

Die wohl beliebteste Institution im Baskenland, diejenige, die auf die größte Unterstützung zählen kann und über alle politischen und sozialen Grenzen hinaus eine gemeinsame Identifikationsfigur bietet, ist nicht nur keine Verkörperung des baskischen Nationalismus, sondern zeichnet sogar mit ihrer integrationsfreudigen Politik den besten Weg für seine Auflösung. Das Geheimnis (…) liegt in einer Politik, die das Eigene bevorzugt, dieses aber nicht nach irgendeinem nebulösen Kriterium definiert, sondern nach der nachvollziehbaren Konvention der Ansässigkeit oder der Herkunft.

Ausgerechnet mit dem Fußball ein politisches Problem zu überwinden, das ist dann doch ein sehr spanischer Kniff – und vermutlich eine Lösung, der man in allen Ecken des zerrissenen Landes etwas abgewinnen kann.