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Der neue Kurvenstar

An der wilden galicischen Küste hat das Madrider Büro Dosis de Arquitectura ein Ferienhaus gebaut, das Wellen schlägt. Dabei zeigt sich der Bau erstaunlich wandlungsfähig.

Immobilie? Von wegen! Bei diesem Haus wirkt nichts unbeweglich. Jede Mauer schlägt Wellen, selbst das Geländer legt sich in die Kurve. Ja, das ganze Haus scheint sich kontinuierlich zu wandeln – je nach dem, von welchem Winkel aus man auf es blickt. Vom Swimmingpool im Garten scheint es, als habe ein Ozeandampfer angelegt. Gewaltig schiebt sich der zweigeschossige Baukörper über den Rasen, überzogen mit einer Haut aus weißlackierten Aluminiumplatten. Betrachtet man den Erweiterungsbau dagegen vom Obergeschoss des Stammhauses, fügen sich die organisch geschwungenen, begrünten Dächer wie Puzzlestücke in die Gartenlandschaft. Doch ganz gleich aus welcher Perspektive: Die Casa V im galizischen Oleiros ist ein Haus von ungewöhnlichem Format.

„Ich bin offen für alles, aber kommt mir nicht mit einem Geranienhaus“, bat der Bauherr, als er sich an das junge Madrider Büro Dosis de Arquitectura wandte. Der pensionierte Bauingenieur wollte sein als Wochenddomizil genutztes Elternhaus erweitern, um so Platz für die Besuche seiner drei verheirateten Kinder und die fünf Enkel zwischen ein und 12 Jahren zu schaffen. Dabei sollte der Entwurf nicht nur seinen Ansprüchen genügen, sondern auch den ästhetischen Erfordernissen des Standortes. Das Haupthaus, ein klassisch moderner Bau mit klaren Linien und ineinanderübergehenden Wohnräumen von 1963, war seinerzeit in Spanien Avantgarde. Daneben musste der Neubau bestehen können.

Eine riskante Aufgabe, die Isabel Collado und Ignacio Peydro mit Chuzpe gemeistert haben. Die Architekten verzichteten auf falschen Historizismus oder Konkurrenzgebahren, suchten statt dessen eine Balance aus eigener Formensprache und Respekt vor dem Umfeld. Das Stammhaus interpretierten sie im Geist seines Erschaffers behutsam neu, mit einheitlich polierten Betonboden und weißem Holz an den Wänden. Esszimmer und Wohnbereich bekamen große Panoramafenster zum bisher kaum genutzten unteren Gartenbereich, in dem nun der rasante Kurvenstar liegt. Das flache Satteldach im Obergeschoss wurde angehoben, vor das Schlafzimmer ein Balkon gesetzt. Er nimmt nicht nur die organischen Formen des Neubaus vorweg, sondern verbindet den alten und neuen Baukörper wie eine Art Landesteg. Ans Geländer gelehnt, kann der Großvater die Enkel beim Toben auf dem benachbarten Rasendach beobachten, ohne selbst gestört zu werden. „Wir wollten mit unserem Entwurf den unterschiedlichen Bedürfnissen der drei Generationen Rechnung tragen“, sagen die Architekten.

So dehnt und spreizt sich der Neubau nicht um seiner selbst willen, sondern wirft seine Wellen allein zum Wohl der Gäste. Die Ausbuchtungen lassen die Schlafzimmer zu Mini-Appartments werden, mit jeweils mindestens drei teilweise verglasten Außenwänden. Im Obergeschoss haben die drei Elternpaare so eine willkommene Rückzugsmöglichkeit vom Familientrubel, inklusive Privatbalkon. Parterre freuen sich die Kinder über den kürzesten Weg nach draußen, zum Pool. Und im Gemeinschaftsraum an der äußersten Spitze können die Großen auch spätnachts noch plaudern, ohne schlafende Kinder zu wecken. Das Oval mit der großzügigen Glasfront ist durch einen Durchgang vom Untergeschoss getrennt.

Die weißen Innenräume selbst wirken durch das Fehlen von Ecken, Kanten, rechten Winkeln wie begehbare Leinwände. „Wir wollten, dass die Räume vom jeweiligen Benutzer zum Leben erweckt werden“, sagt Isabel Collado. Dort ein mitgebrachtes Buch, hier ein Sommerkleid – und die Stimmung des Raums ändert sich. So paradox es klingt: Gerade durch ihre ungewöhnliche Form nimmt sich die Architektur bescheiden zurück.

Das Bekenntnis zur Kurve zwang die Architekten, die mit David Chipperfield und Mansilla + Tuñón zwar renommierte Arbeitgeber, aber noch keine eigenen Projekte vorzuweisen hatte, ohne Netz und doppelten Boden zu arbeiten. Die wetterresistente Aluminiumfassade entwickelten sie selbst; die raumhohen Panoramafenster sind maßgefertigt. „Nach diesem Projekt haben wir das Wort 'unmöglich' ein für alle Mal aus unserem Vokabular gestrichen“, lacht Ignacio Peydro. So hat sich das Wagnis nicht nur für den Bauherrn gelohnt.