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Blaues Blut, rotes Herz

TAZ AM WOCHENENDE 3./4.9.2016  Das „einzige nordkoreanische Café der westlichen Welt“ liegt im Erdgeschoss eines Wohnhauses im Bahnhofsviertel des spanischen Tarragona neben dem Gesundheitszentrum mit Drogenberatungsstelle. Touristen verirren sich selten hierher.

Wer aber absichtlich in die Carrer de Rebolledo kommt, wird enttäuscht. Das Pjöngjang-Café hat null Ambiente. Hinter der Milchglastür ist ein schlauchartiges Lokal mit langem Tresen, weißen Resopal­tischen und Barhockern von Ikea. Solche Bars gibt es viele in Spanien. Im Kühlschrank steht Hite-Bier, „Made in South Korea“, dem Klassenfeind, daneben Schweppes und Mineralwasser. Mehr Nordkorea ist nur auf den gerahmten Plakaten: Da recken Soldaten der glorreichen Armee heroisch das Maschinengewehr in die Höhe.

Um 16 Uhr nachmittags ist Alejandro Cao de Benós alleine in seinem Lokal. Tritt der erste Gast ein, nimmt er Haltung an, drückt den Rücken durch und stellt den Fernseher an. Auf dem Bildschirm in der Lounge-Ecke singt jetzt das Verdiente Staatliche Chorensemble das Loblied auf General Kim Jong Un.


Der General ist Koreas starker Geist. Der General ist Koreas pulsierendes Herz. Er führt die große Sache von Juche zum Ruhm. Er ist der große General Kim Jong Un.


Alejandro Cao de Benós de Les y Pérez, so der volle Name des Barbesitzers, ist Sonderbeauftragter des Komitees für Kulturelle Beziehungen mit ausländischen Ländern. So steht es auf der Visitenkarte. Er ist adeliger Abstammung und Präsident sowie einziges bezahltes Mitglied der von ihm gegründeten Korean Friendship Association. Da es genau so kompliziert ist, Lizenzen für eine Vereinsstätte zu beantragen wie für ein Lokal, hat er im Juli das Pjöngjang-Café eröffnet. Sein Ziel: der Welt die Wahrheit über die Demokratische Volksrepublik Korea zu verkünden. Der Männerchor singt:


Der General ist Klugheit aller Menschen. Der General ist ewiges Glück für uns. Er erbaut mit der Kraft der Liebe das Paradies. Er ist der große General Kim Jong Un.


„Die Volksrepublik ist das einzige Land der Erde, in dem Gerechtigkeit herrscht“, sagt der Sonderbeauftragte. Was mit den Berichten von Exekutionen, von Konzentrationslagern für Andersdenkende sei? „Zu 90 Prozent falsch, zu zehn Prozent Übertreibungen.“ Die fehlende Pressefreiheit? „Im Kapitalismus schreibt auch kein Journalist, was er denkt, sondern was der Verlag ihm befiehlt.“ Neuer Versuch: Wann hat er sich in Nordkorea verliebt? „Mit 16“, sagt Cao de Benós. Anfang der 90er war das. Spanien bereitete sich auf die Olympischen Spiele vor, in den Radios lief Technotronics „Pump up the Jam“. Die kommunistische Militärdiktatur war wohl das, was dem Mainstream am meisten entgegenlief.

Cao de Benós reiste nach Madrid, bat bei der nordkoreanischen Botschaft um Aufnahme in die Volksarmee. Soldaten habe man genug, beschied man ihm. Er solle lieber einen Kulturverein gründen. Geschätzte 150 Mal war er seither in Nordkorea – alleine, mit Touristen, mit Filmteams. Im Jahr 2002 wird er zum Sonderbeauftragten ernannt, der Titel wird für ihn erfunden. Einmal darf er für den Geliebten Führer Kim Jong Il singen. Jedes Mal, wenn er ins Flugzeug zurück nach Europa steige, blute ihm das Herz, sagt er. „Die Misere des Kapitalismus zu ertragen, ist mein Opfer für den Aufbau des Sozialismus.“

Im Fernsehen blühen hellrosa die Kirschbäume, Geigen schmelzen, Kinder singen:


Blau ist der Himmel, glücklich mein Geist. Alle Menschen leben versöhnt miteinander. Mein Land ist unendlich gut. Unser Vater ist Marschall Kim Il Sung. Unser Haus ist der Schoß der Partei.


Zwei grauhaarige Männer haben sich an den Tisch am Eingang gesetzt, gegenüber der Handbibliothek zu Konfuzianismus, Buddhismus und der nordkoreanischen Juche-Ideologie. Cao de Benós serviert Kamillentee und Zitronenlimo, setzt sich dazu. Das Gespräch dreht sich um Fußball und Politik. Das Problem der westlichen Linken, sagt er, sei die fehlende Disziplin. Die beiden nicken. Man müsse den Individualismus überwinden, sagt er, den westlichen Egoismus. In Nordkorea sei die Nation eine Familie, die Kims träfen Entscheidungen als fürsorgliche Väter. „Auch mein Vater hat Entscheidungen getroffen, die ich zunächst nicht verstanden, aber akzeptiert habe.“ Wieder nicken die beiden.

Ein dritter Gast hat seinen Laptop aufgeklappt. Der Informatiker ist Mitglied der Korean Friendship Association und nutzt das Lokal als Arbeitsplatz. Derzeit entwickelt er eine Verschlüsselungssoftware. Zwei Jahrzehnte hat er als Leibwächter gearbeitet, „mit dem Recht zum Waffengebrauch“, wie er betont. Erst in Rumänien, dann in Transnistrien. „Ein großartiges Land“, sagt er, klickt durch seine Fotogalerie: Panzer mit Soldaten in Uniform, Panzer mit Zivilisten. Ein Kriegerdenkmal mit ewiger Flamme. Dazwischen Bilder seiner Gastgeberin, hochschwanger. „Mir gefällt, wenn Menschen ihre Traditionen ehren. Ich war zwar noch nie in Nordkorea, aber ich glaube, dort ist es ähnlich.“


Im Fernsehen kommt jetzt die Moranbong-Band, Kim Jong Uns langbeinige Girl Group. Die zwölf Musikerinnen tragen pailettenbesetzte Fischschwanzkleider. Den Auftakt ihrer „World Famous Songs“ macht der italienische Gassenhauer „Soleado“.


Lalalalaaa, lalalalalaaaaa

lalalalaaa, lalalalalaaa


Wer zu Cao de Benós im Netz recherchiert, stößt in der überschaubaren Nordkorea-Fanzone bald auf kritische Stimmen. Ein Blogger wirft dem Genossen vor, er stelle Filmteams horrende Gebühren für Vermittlungsdienste in Rechnung und führe kaum etwas an die Volksrepublik ab: „Alejandro, übe Selbstkritik!“

Zuletzt geht es im Café zum Devotionalienschrein. In der Vitrine liegen Souvenirs: Aufnäher mit der nordkoreanischen Flagge für acht, Metallpins für zehn Euro. Am besten verkauft sich die Biografie. Nicht die von Kim Il Sung, sondern seine. Alejandro Cao de Benós: „Blaues Blut, rotes Herz“. „Viele wollen, dass ich ein Exemplar signiere“, sagt er, legt die Hände auf den Rücken und wippt in den Knien. Fast sieht der Sonderbeauftragte jetzt aus wie Kim Jong Un. Auf seinem 40 Quadratmeter großen Café-Territorium ist er der Größte.