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Rechtschreibung lernen: Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben

manche menschen schreiben gerne nur in kleinbuchstaben. vor allem in textnachrichten und sie lassen auch satzzeichen einfach weg eigentlich nervig oder? Kleinere und größere Faulheiten in der Rechtschreibung schleichen sich gerne ein, besonders am Smartphone, Tablet oder Computer. Nur ein Klick weniger und schon verzichten viele Schreiber auf die Umschalttaste und damit auf die Unterscheidung zwischen Substantiven und anderen Wortarten. Nach und nach schleifen sich diese Unachtsamkeiten ein und schwupps: Plötzlich fehlt dem einen oder anderen Wort im Bewerbungsschreiben oder der Mail an den Chef der nötige Großbuchstabe.


Kommas, das und dass - mir doch egal?

Auch wenn das eine klassische Argumentation ist, die manche Abiturienten nerven mag, weil Lehrer und Eltern sie ihnen ständig unter die Nase reiben, damit sie endlich „dass" und „das" unterscheiden lernen - es ist etwas Wahres dran. Nur ein Beispiel: 2016 scheiterte jeder dritte Bewerber bei der Polizei in Baden-Württemberg am Deutsch-Test. Schlechter Ausdruck oder fehlende Rechtschreibkenntnisse fallen auch zunehmend Personalverantwortlichen in Bewerbungsschreiben auf.


Entsprechend dürftig ist der erste Eindruck, denn: „Wir sind oft so gepolt, dass wir von der äußeren Form auf den Inhalt schließen", sagt die Leiterin der Dudenredaktion, Kathrin Kunkel-Razum, dazu. „Wenn es also im Text drunter und drüber geht, vermutet man schnell, dass es auch im Kopf des Autors oder der Autorin so ist."


Nun geht es bei einigen Bewerbungsvorbereitungen vermutlich tatsächlich drunter und drüber, dennoch ist es ungeschickt, wenn das Gegenüber das merkt. Doch für Kunkel-Razum geht es noch um etwas anderes und das hat sie mit der Dudenredaktion in der jüngst veröffentlichten Schrift „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben" festgehalten: Richtig geschriebene Worte zeigen Respekt gegenüber dem Empfänger. „Wenn ich völlig ohne Rechtschreibung schreibe, raube ich ihm Zeit", sagt die 58-Jährige. Immerhin war das auch für Konrad Duden einer der Gründe, das nach ihm benannte Rechtschreibwörterbuch zu schaffen: Wenn sich alle an die gleichen Regeln halten, liest es sich besser.


Falsche Satzzeichen sorgen für Verwirrung

Dass falsch gesetzte oder fehlende Satzzeichen durchaus für Verwirrung sorgen, ist vor allem Nutzern der sozialen Netzwerke bewusst. Dort kursieren immer mal wieder lustig gemeinte Beispiele wie:

Der Mann sagt, die Frau kann nicht Auto fahren. Der Mann, sagt die Frau, kann nicht Auto fahren. Es hat eben durchaus inhaltliche Konsequenzen, die Zeichensetzung zu ignorieren.

WhatsApp, SMS, Facebook, Snapchat

Viele scheint das aber nicht zu sorgen, bleibt doch oft der fahle Beigeschmack, dass dank WhatsApp-Nachrichten, SMS, Facebook, Snapchat und anderen Mobildiensten Grammatik und Rechtschreibung leiden - nicht nur bei jungen Leuten. Auch ältere Internet-User verlassen im Netz gern den Pfad des Dudens oder der Grammatikfibel. Ob wir aber in SMS-Nachrichten tatsächlich penibel auf richtige Kommasetzung und korrekte Groß- und Kleinschreibung achten müssen - darüber lässt sich streiten, auch mit Dudenredakteurin Kunkel-Razum. Ihr ist bewusst, dass in der digitalen Kommunikation andere Regeln herrschen: Emojis ersetzen Gefühlsbeschreibungen und Ausdrücke der mündlichen Sprache finden sich in schnell getippten Formulierungen. „Ich whatsappe auch jeden Tag", gibt Kunkel-Razum zu und lacht. „Aber man muss in der Lage sein, in den Situationen, in denen es um etwas geht, korrekt zu schreiben. Das kann eine Bewerbung sein oder aber in einem Bericht oder im Internet."


Die Rolle der Schulen

Dass das eben nicht immer gegeben ist, hat auch die Dudenredaktion festgestellt und im vergangenen Jahr die Diskussion um den Stellenwert der Rechtschreibung angestoßen. In ihrer Recherche hat Kunkel-Razum auch den grundlegenden Unterricht an deutschen Schulen beobachtet. Und nein, sie wolle den Lehrern nicht den Schwarzen Peter zuschieben, aber: „Das Einüben der Rechtschreibung spielt in den Schulen nicht mehr die Rolle wie vor 20 oder 30 Jahren", resümiert Kunkel- Razum. Die Schulen müssten so viel zusätzlich leisten - AGs, Ausflüge, Lernwerkstätten, Lesetag und dergleichen. Schließlich ist auch der Schultag endlich, sodass zwangsläufig irgendwo Abstriche gemacht werden müssten. „Dabei gehört Rechtschreibung zu den Grundqualifikationen", mahnt Kunkel-Razum.


Darüber, wie diese Grundqualifikationen vermittelt werden, gab es auch in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren viele Diskussionen. Sollen Kinder in der Grundschule erst einmal so schreiben dürfen, wie sie meinen? Ohne korrigiert zu werden? Soll Eltern und Lehrern egal sein, dass dabei ziemlich krude Sätze herauskommen? Oder sollen Lehrer die Schüler direkt verbessern und ihnen damit das Erfolgserlebnis des ersten geschriebenen Satzes nehmen?


„Lesen durch Schreiben"

Die Methode „Lesen durch Schreiben", die ursprünglich der Schweizer Jürgen Reichen erfand, steht bis heute stark in der Kritik. Dabei sollen die Kinder Wörter in ihre Lautkomponenten zerlegen und so aufschreiben, wie sie sie hören. Aus „Vater" wird dann schnell mal „Fata", denn das orthografisch korrekte Schreiben steht zunächst nicht im Vordergrund. Viele Bundesländer, wie etwa Baden-Württemberg und Hamburg, haben die Methode bereits verboten, NRW erwägt das ebenfalls. Dabei folgen nur die wenigsten Lehrer der Methode, wie Jürgen Reichen sie vorgeschlagen hatte, sagt Ilka Hoffmann, Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Die meisten Lehrer nutzen Elemente verschiedener Lehrmethoden", so Hoffmann. Dazu gehöre meist auch die sogenannte Anlauttabelle nach Reichen, die es den Kindern erleichtern soll, erste Sätze zu bilden. Für jeden Schüler sei das eben aber nicht geeignet, sagt Hofmann. Wenn Lehrer allerdings verschiedene Methodenelemente anwenden, könnten sie individueller auf das Lernniveau der Kinder eingehen.


Wie Kinder nun am besten richtig schreiben lernen, bleibt wohl erst einmal umstritten. Stichhaltige Studien gebe es dazu nicht, sagt Kathrin Kunkel-Razum von der Dudenredaktion.


Unabhängig von zu wenig Grammatikunterricht gibt es ohnehin regelmäßig Entwicklungen in unserer Sprache und damit auch in der Rechtschreibung.

Die größte Veränderung der jüngsten Vergangenheit war für viele die Rechtschreibreform 1996 - wir erinnern uns: Aus „daß" wurde „dass".


Keine stichhaltigen Studien

„Das hat für Verunsicherungen gesorgt", sagt Kunkel-Razum. Doch hier sei die Übergangsphase schon lange vorbei. Mittlerweile müsste man sich anderen Herausforderungen stellen. So würden etwa immer mehr englische Begriffe ins Deutsche integriert. Das betreffe vor allem Kinder, die immer früher und immer mehr Sprachen beherrschen sollen.


Doch das könne die Muttersprache beeinflussen, wie Kunkel-Razum beobachtet. Englische Wörter oder Redewendungen würden ins Deutsche übernommen, obwohl es sie in dieser Sprache gar nicht gebe. Solche Entwicklungen untersucht auch der Rat für deutsche Rechtschreibung und schreitet gegebenenfalls mit neuen Regeln ein. „Entwicklungen sind erst einmal gut", sagt Kunkel-Razum, die auch Mitglied im Rechtschreibrat ist. „Sprache ist etwas Dynamisches." Dennoch gebe es Neuerungen, die sie nicht gutheiße, zum Beispiel lange Substantive durch einen Bindestrich zu trennen. Mit der Begründung der besseren Lesbarkeit finden sich solche Ketten in vielen publizierten Texten. „Der große Vorteil der Zusammenschreibung ist, dass man erkennt, was zusammengehört", so die Wortexpertin. Das ergebe zwar durchaus Bandwurmwörter, „aber ich kann auf das Ende gucken und sehe, wo das Wort aufhört und dann worum es geht."


Land von Schiller und Goethe

Ob nun Bandwurmwörter, abgehackte SMS-Nachrichten oder ausgefeilte Prosa: Wir sind abhängig von unserer Sprache und dazu leben wir noch im Land von Schiller und Goethe. Allein ihnen zuliebe könnten wir mehr auf richtige Schreibung und Grammatik achten. Auch wenn wir uns nicht mehr im 18. Jahrhundert, befinden - es ist immer noch ein großer Unterschied, ob wir schreiben:

„Komm, wir essen Opa!" Oder: „Komm, wir essen, Opa."

Buchtipp Dudenredaktion/ Kathrin Kunkel- Razum: „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben", Duden, Februar 2018, 64 S., 8 Euro.
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