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„Im Schatten des Krieges": Journalistin Sarah Gliddens zeigt Kriegsalltag in Comics

Das Auto fährt durch eine hügelige Landschaft im Irak, im Hintergrund geht die Sonne hinter den Bergen unter, am Straßenrand sind vereinzelte Büsche zu erahnen. Die US-Amerikanerin Sarah Glidden malt ihre Szenen weich, geradezu simpel, vernachlässigt dennoch keine Details. Dabei arbeitet die Comic-Journalistin geduldig und mit Hingabe. In ihrem zweiten Buch „Im Schatten des Krieges - Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei" ist sie ihrem Stil treu geblieben, jedes einzelne Bild hat sie von Hand gezeichnet und mit Wasserfarbe veredelt - bei einem rund 300 Seiten starken Werk eine zeitintensive Arbeit.

Deshalb hat es fast sechs Jahre gedauert, bis sie mit ihrem Projekt fertig war. 2010 begleitete Glidden, die sich selbst als Comic-Cartoonistin bezeichnet, zwei Journalisten-Freunde auf eine Reise in den Nahen und Mittleren Osten. Die Journalisten recherchierten Geschichten über die Effekte des Irakkriegs, interviewten Flüchtlinge, und sogar ein Irak-Veteran begleitete sie, um herauszufinden, wie er auf die Auswirkungen des Konflikts reagiert. Sarah Glidden ging dabei nur einer Frage nach: Wie funktioniert eigentlich Journalismus?

„Dieses Buch ist für Menschen wie mich"

Glidden, 1980 in Boston geboren, hat Malerei studiert und beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Comics. In den USA und mittlerweile auch in Europa wird sie hochgelobt für ihre Werke. Genauso viel Kritik muss sie aber auch einstecken: Ihr Buch sei kein Comic-Journalismus, lediglich ein naives Beobachten von Rechercheuren, heißt es. Doch Glidden selbst sagt dieser Zeitung: „"Im Schatten des Krieges" ist ein Zwischenschritt von Autobiografie und Journalismus." Durch die Reise habe sie viel über Journalismus gelernt. Deshalb sei das Buch für ein ganz bestimmtes Publikum gedacht.

„Es ist für Menschen wie mich, die zwar wissen, was in der Welt passiert, aber nicht, wie Journalismus funktioniert", sagt Glidden. „Ich wollte, dass die Leser erkennen, dass Journalisten auch nur Menschen sind, wie alle anderen auch." Deshalb zeigt sie in „Im Schatten des Krieges" auch Szenen, in denen ihre Journalistenfreundin verzweifelt, weil sie nicht weiß, wie sie eine Geschichte erzählen soll oder Recherchepläne platzen.

Alles soll aussehen wie in Wirklichkeit

Um all die Details der zweimonatigen Reise unterzubringen, hat Glidden viel gearbeitet: Jedes Gespräch in Syrien, der Türkei und dem Irak hat sie aufgenommen, Hunderte Stunden Material anschließend transkribiert - was sie ein ganzes Jahr gekostet hat. „Ich wollte, dass ich aus allem auswählen kann, was ich ins Buch aufnehme und was nicht - ein erfahrener Journalist hätte natürlich nur das aufgeschrieben, wovon er glaubt, dass er das wirklich braucht."

Zusätzlich zu den Aufnahmen hat sie zahlreiche Fotos und Skizzen gemacht, um anschließend realitätsgetreu zu zeichnen. Alles sollte so aussehen, wie in der Wirklichkeit. Für sie hat dabei der Comic einen entscheidenden Vorteil: „Bei vielen Themen geht die Humanität verloren - Flüchtlinge werden zu Zahlen, Politiker verlieren Charakter", sagt Glidden, die mittlerweile in Seattle lebt. „Mit Comics kann ich Ausdruck, Gesten oder den Raum intensiver zeigen."

Auch Donald Trumps Eskapaden werden bewertet

Intensiv war auch die Recherchereise an sich: Glidden und ihre Freunde reisten kurz vor dem Ausbruch des Syrien-Kriegs durch die Region. Jetzt von ihren Eindrücken zu berichten, fällt der Cartoonistin oftmals schwer. „Es ist sehr schockierend für uns, zu sehen, was mit den Orten passiert ist", sagt Glidden. „Auch wenn es keine syrischen Flüchtlinge sind, die im Buch vorkommen, hoffe ich, dass die Leute dadurch verstehen, dass das auch nur Menschen sind, die versuchen, in Sicherheit zu leben."

Der Gedanke, sich mit politischen und gesellschaftlich relevanten Themen zu beschäftigen, lässt sie seitdem nicht los. Seien es Donald Trumps Eskapaden, die sie nun hin und wieder in ihrem Blog zeichnerisch bewertet oder ihr nächstes Projekt, in dem sie sich mit dem Klimawandel beschäftigen wird - Sarah Glidden will mit ihren Comics informieren. Doch Journalismus sei wie eine Beziehung: „Es geht nicht nur darum, was der Reporter bietet, es geht auch darum, wie wir es konsumieren", sagt Glidden. „Je besser wir informiert sind, wie Journalismus funktioniert, desto eher können wir informierte Leser, Zuschauer oder Hörer sein."

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