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Interview

Bedrohte Vielfalt

In den Lagerräumen, Vitrinen und Schubladen, die Wolfgang Wägele seinen Gästen zeigt, hat eine erstaunliche Vielfalt überdauert. Seit 107 Jahren bewahrt das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in ihnen präparierte Böcke, Fasane und Skorpione auf. Ein riesiges Archiv der Arten. Heute schrumpft die Biodiversität, auch in Deutschland. Ob Vögel, Insekten oder Wildkräuter — sie werden weniger. Das liegt auch an der Landwirtschaft, sagen manche. Welche Schuld trägt sie mit ihren Insektiziden, Düngern und Erntemaschinen? Wägele, der das Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere leitet, hat die Ornithologin Katrin Böhning-Gaese und den Agrarwissenschaftler Frank Ewert eingeladen. Die drei Leibniz-Forscher diskutieren an einem geschichtsträchtigen Ort.
Interview: Jakobb Vicari / Fotos Julia Sellmann
LEIBNIZ Herr Wägele, vor 70 Jahren entwarf der Parlamentarische Rat im Lichthof Ihres Museums das Grundgesetz. Aber es dauerte 45 Jahre, bis Umwelt- und Naturschutz darin aufgenommen wurden. Wie konnten die Mütter und Väter des Gesetzestextes so unbeeindruckt von diesem Ort der biologischen Vielfalt bleiben?

WOLFGANG WÄGELE Es gab damals kein Bewusstsein für Biodiversität, andere Dinge waren wichtiger. Die Menschen brauchten Essen, die Städte waren zerbombt. Man wollte die richtigen Lehren aus der Vergangenheit ziehen, deshalb ist es ja so gut geworden, das Grundgesetz. Hinzu kommt, dass es bei uns in Deutschland keine naturalistische Tradition gibt wie etwa in England. Dort gründen sich seit jeher die bizarrsten Vereine, ich bekomme zum Beispiel den Newsletter des britischen Assel- und Tausendfüßler-Clubs. Das sind Leute, die die Asselvielfalt im eigenen Garten ergründen.

KATRIN BÖHNING-GAESE Noch die Umweltbewegung der 1970er Jahre hat sich fast ausschließlich auf die Umweltverschmutzung konzentriert. Es ging ihr um saubere Flüsse und um saubere Luft. Heute ist unser Blick weiter.

Wie kommt das?

BÖHNING-GAESE Unser Bewusstsein für Artenvielfalt ist größer. Zuletzt hat die »Krefelder Studie« die Menschen berührt. Der Entomologische Verein Krefeld hat die Masse der Insekten über Jahrzehnte hinweg dokumentiert und konnte eine dramatische Entwicklung zeigen: Um 76 Prozent ist sie zurückgegangen, in nur 27 Jahren. Es ist ein richtiges Insektensterben.

Das ganze Gespräch im Leibniz-Magazin 1/2019 lesen.