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Medien im Zeitgeist: im Spannungsfeld zwischen Umfragen und Politik

Start der neuen ÖJC-Diskussionsreihe bringt pointiertes Podiumsgespräch, Reflexion und Selbstkritik zum Thema Meinungsforschung und Medien

Wien, 12. Mai 2016 - Der Österreichische Journalisten Club (ÖJC) hat seine neue Diskussionsreihe „Medien im Zeitgeist“ mit dem Thema „Medien im Spannungsfeld zwischen Meinungsumfragen und Politik“ gestartet. Unter der Leitung von ÖJC-Präsident Fred Turnheim diskutierten Julia Ortner, NEWS, Claudia Dannhauser, ORF, Karin Cvrtila, OGM,Susanne Walpitscheker, Pressesprecherin Andreas Kholund Fritz Hausjell, Publizistik Wien, am Abend sehr angeregt den abgelaufenen ersten Bundespräsidentenwahldurchgang, die dazu veröffentlichten Umfragen und das Verhalten der Journalistinnen und Journalisten in den Medien dazu.

 

Uneinigkeit herrschte über das Thema der Beeinflussung der Wählerinnen und Wähler durch die Umfragen zum ersten Wahlgang. Denn einerseits konnten die Diskutanten feststellen, dass es viele Personen gegeben hat, bei denen der sogenannte „Fallbeil-Effekt“ dazu geführt hat, nicht zur Wahl zu gehen, andererseits aber sei die Wählerentscheidung zu respektieren – und dazu gehöre auch die Nichtteilnahme an der Wahl.

 

Dass die Meinungsforscher beim Ergebnis für den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer falsch gelegen sind, bestritt die Meinungsforscherin Karin Cvrtila. Da sich ein großer Teil der Wählerinnen und Wähler immer später entscheiden, müsse bei der Beurteilung der Qualität von Umfragen immer auf den Zeitpunkt der Durchführung und der Publikation geachtet werden. So habe OGM die Reihenfolge des Ergebnisses richtig vorhergesehen. Dass Hofer mit so großem Abstand vorne lag, sei auf die nicht geringer werdende Bekennerquote seiner bzw. der FPÖ-Wählerinnen und Wähler zurückzuführen. Diesen Effekt bei der FPÖ-Wählerschaft kennen die Meinungsforscher schon von anderen Wahlen seit Jörg Haider, trotzdem wird dieser Faktor bis jetzt immer wieder zu gering angesetzt.

 

Julia Ortner hat erklärt, dass man sich bei NEWS der Problematik bewusst ist, dass leistbare Umfragen zu geringe Stichproben nach sich ziehen und 400er oder 500er-Umfragen ihr Geld nicht wert sind. Deshalb hat die Zeitschrift NEWS im Rahmen des ersten Wahlganges auch darauf verzichtet, Umfragen in Auftrag zu geben und zu publizieren. Auch Claudia Dannhauser erläuterte, dass im ORF der Umgang mit Umfragen sehr rigide ist. So berichte man in der ZEIT IM BILD nur dann über Umfragen, wenn deren Ergebnisse zu öffentlichen, breiten Debatten führen. Einig waren die DiskussionsteilnehmerInnen, dass es im aktuellen Journalismus auch weiterhin möglich sein muss, über Umfragen zu berichten, weil diese zumindest Tendenzen richtig anzeigen können und damit schon Orientierung in der öffentlichen Diskussion schaffen. Verglichen wurde das mit Wetterprognosen. Auch diese führen zu Diskussionen und Entscheidungen, etwa ob man über das Wochenende einen Ausflug macht und wenn die Prognosen falsch waren könne man sich darüber ärgern oder freuen, meinte Fritz Hausjell.

 

Beachtenswert war die Aussage von Susanne Walpitscheker, dass es offensichtlich sei, dass seitens der Regierungsparteien nicht „die besten Kandidaten“ aufgestellt waren, denn schließlich habe der Souverän, das Volk, entschieden, dass diese beiden Kandidaten nun nicht mehr zu Wahl stehen. Fritz Hausjell ergänzte, dass es bei dem Attribut „beste“ meistens nur um medienadiquates Auftreten gehe, selten um die eigentliche Beurteilung, wer objektiv dem Land an der Spitze des Staates vorstehen soll. Auch das gut gefüllte Auditorium im „Zeitgeist“ beteiligte sich an der regen Diskussion, die nach fast zwei Stunden zu Ende ging. (von Peter Baminger/ÖJC/Red.)