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Franz Senn – Der Gletscherpfarrer von Vent

Franz Senn – Der Gletscherpfarrer von Vent

Alpinpionier, Visionär, Prophet: Der Bauernsohn Franz Senn legte 1869 den Grundstein für den DAV.

Tief hinten im Innerötztal liegt umgeben von Ötztaler Riesen das winzige Bergdorf Vent auf rund 1900 Metern zu Füßen der Wildspitze – bis heute gilt es mit seinen 140 Einwohnern als echtes Bergsteigerdorf. Schon um 1850 hatten Touristen das innere Ötztal für sich entdeckt, erste Gasthöfe wurden gebaut. Zu dieser Zeit wirkte ein Mann in Vent, dessen Mission heute stark ist wie nie.

Franz Senn kommt 1931 im Ötztaler Längenfeld in einer Bauernfamilie zur Welt. Historische Texte aus dem Archiv des DAV München beschreiben den Knaben als impulsiv, voller Pläne, idealistisch und ungestüm, gebefreudig, leidenschaftlich in Zorn und Empörung, mit genialen Eingebungen. Franz besucht das Jesuitengymnasium in Innsbruck, erhält 1856 Priesterweihe, meldet sich schließlich 1860 nach Vent, weil er das Hochgebirge liebt und den mächtigen Vernagtgletscher in lebendiger Erinnerung hat. Elfeinhalb Jahre wirkt er in Vent als Kurat und legt dort sein Lebenswerk: An jedem freien Tag erforscht der Alpinpionier die unkartographierte Bergwelt mit ihren Gletschern und namenlosen Gipfeln. Als Dritter besteigt er die Wildspitze – als Erster Fineilspitze, Fluchtkogel und Hochvernagtspitze. Und: Senn erkennt prophetisch, dass sich das arme Tal wirtschaftlich helfen kann, indem es Fremde anlockt. Senn will die Schönheit der Berge für Viele erschließen. Am Ende werden es Millionen.

Senn denkt praktisch: Er lässt Wege markieren, neue Pfade anlegen und Hütten bauen. 1871 entsteht als erste Ötztaler Schutzhütte das Hochjochhospiz, damals höchstgelegene Herberge Österreichs. Es folgen Samoarhütte (1877), Breslauer Hütte (1882), Ramolhaus (1883) Gepatschhaus (1873) und weitere. In den Bergführern erkennt Senn die Grundlage für künftige Alpintouristen, baut eine erste Führerschule auf, kämpft aber vergeblich für die offizielle Anerkennung. Vent wird weltbekannt, sogar aus Australien kommen Gäste. Senn selbst verschuldete sich dabei hoch. Sein Lieblingsberg ist die von ihm entdeckte Kreuzspitze. Im Sinne einer frühen Werbekampagne beauftragt er den Maler Brizzi mit einem Faltpanorama, es soll Wanderern Orientierungshilfe geben und Geld mit dem Druck verdienen. Der Versuch schlägt fehl. Senn ist menschlich enttäuscht.

Der größte Schicksalsschlag aber trifft ihn im November 1868. Jahre zuvor hatte er einen Burschen aus dem Dorf namens Cyprian Granbichler aufgenommen und zum Tourengefährten und Meisterbergführer ausgebildet. Auf dem Rückweg von Meran gerät er zusammen mit „Cyper“ auf dem selbstgebauten Weg übers 2875 Meter hohe Hochjoch in einen Schneesturm. Die beiden irren durch die Nacht, entgehen Lawinen, kurz vor den rettenden Rofenhöfen bleibt Cyper erschöpft am Roten Bach zurück. Senn eilt zur Messe nach Vent, den Kameraden sicher glaubend. Doch der stirbt, bevor ihn Retter erreichen. „Den Körper übereist, starr die festgefrorenen Hände unlösbar um den Bergstock geklammert, so trug man diesen Treuesten ins Widum (..) Senns Verzweiflung war nicht zu beschreiben“ (aus: Unser Blatt, 1932). Cypers Tod und Senns Selbstvorwürfe bewirken eine Nervenkrise, von der er sich nie mehr erholt.

Aus dem Unglück wächst jedoch die Verbindung zu neuen Mitstreitern. Das kommende Jahr 1969 wird Senns entscheidendes: Schon 1862 war in Wien der OeAV gegründet worden. Doch weil Senn die praktische Unterstützung der Wiener vermisst, will er eigene Wege gehen und die Deutschen integrieren, sie bilden den größten Anteil der Fremden. Mit Trautwein, Stüdl, Hofmann und Grohmann gründet Senn am 9. Mai 1869 in einer konstituierenden Sitzung in der „Blauen Traube“ in München den DAV, anfangs als Allgemeinen Deutschen Alpenverein – weil er findet, dass „die Schönheit der Alpen nicht Eigentum einzelner, sondern aller ist, die sie genießen wollen“. Mit frühem Weitblick und Netzwerkdenken führt Senn die Sektionen ein. Ein Jahr später zählt der Verein 1070 Mitglieder – heute ist der DAV mit 1,3 Millionen Mitgliedern größter Alpenverein der Welt.

Als Folge des Frankreich-Kriegs 1870 bleiben die Gäste weg. Senn wird mürbe. Er gibt auf. Nach der Pfarrkonkursprüfung bewirbt er sich nach Neustift im Stubaital, vergebens. Hinter dem Rücken des streitbaren Geistlichen schließen sich 1873 OeAV und DAV zusammen. Da ist Senn schon als Pfarrer nach Nauders berufen. Er hilft noch beim Bau der nach ihm benannten Franz-Senn-Hütte, dann stirbt er gebrochen und verkannt 1884 mit 53 Jahren „an Auszehrung“ in Neustift. Erst hundert Jahre später beginnt der DAV, sich an den Wegbereiter zu erinnern. Vent ehrt seinen Getscherpfarrer heute mit dem Franz-Senn-Weg und dem nach ihm benannten Sennkogl.

Franziska Horn