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Single aus Feigheit?!

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Lieber allein glücklich als gemeinsam unglücklich. Ich kann den Spruch nicht mehr hören. Und nicht glauben

Wer alleine lebt, muss sich nicht absprechen. Muss keine Kompromisse eingehen. Präziser formuliert: muss nicht um Kompromisse ringen. Es soll nicht so klingen, als wäre es ein Spaziergang, sich in der Mitte zu treffen, ohne dass beide Partner frustriert und unglücklich sind. Schließlich hat keiner wirklich bekommen, was er wollte. Zusammenleben ist Kampf um Ressourcen und Reviere. Schatz, das ist ein Dschungel!

So klingt das, wenn Paare unglücklich sind und Singles, den Zweckoptimismus durch Abwertung der „anderen" bemühen. „Lieber allein glücklich als gemeinsam unglücklich!" Glück ist kein Zustand, sondern eine Haltung. Aber, wenn ich allein für mein Gefühl von Glück verantwortlich bin, weshalb vergleiche ich dann „allein glücklich" mit „gemeinsam unglücklich"? Ich bin doch nach diesem Modell immer glücklich aus freiem Willen? Weshalb sollte das nur allein funktionieren? Irgendwie impliziert der Spruch, für Unglück sind dann die anderen zuständig.

Singles sind keine Opfer, sondern selbstbestimmte Personen

Ob nun konsequent oder nicht, nach dieser Logik ist es tatsächlich nicht erstrebenswert, sich das eigene Glück durch einen quengelnden Partner ruinieren zu lassen. Was zu der Frage führt: Sind Singles nun besonders klug? Besonders harmoniebedürftig? Oder glücklich? Vielleicht sind sie aber auch feige?

Jeder Single hat gute Gründe, einen Partner NICHT zu wählen. Die sind zunächst, wie sie sind. Zu geizig, nicht vertrauenswürdig, unverbindlich ... Die Liste ist lang. Aber das macht Singles nicht zu Opfern, niemand will sie - hoffentlich - zwangsverheirateen. Es sind selbstbestimmte Personen, die Entscheidungen treffen. Dazu gehört selbstverständlich die Entscheidung „Nein" zu einem potentiellen Partner zu sagen.

Bevor nun jeder Single für den unvermeidlichen Shitstorm rüstet, erlaubt mir einen Einschub: Liebe überzeugte, freiwillige Singles, die ihr zufrieden durchs Leben geht, ich werde euch nicht euren Wunsch nach „allein glücklich" madig machen. Ich bin jedoch überzeugt, dass einige von euch bewusste und unbewusste Beziehungsverweigerer sind, dass manche beispielsweise unter Bindungsangst leiden und befürchten, die Nähe zu einem Partner und die dadurch entstehende Verantwortung wäre von ihnen nicht zu (er)tragen. Weil ihr euch selbst verleugnen müsstet, weil ihr euch nicht selbst entwickeln könnt, weil sowieso niemand euren Ansprüchen genügt. (Ohne darauf im Detail eingehen zu wollen: Zu hohe Ansprüche sind eine perfekte Art, scheinbar ohne eigene Beteiligung niemals eine Beziehung eingehen zu müssen. Denn man gerät ja nur an unpassende Vollpfosten.)

Sind Singles vielleicht einfach nur feige?

Aber zurück zu der Gruppe der nicht ganz freiwilligen Singles, die ich meine. Diese Singles haben Angst − nämlich vor den Konflikten, die eine Partnerschaft mit sich bringt. Angst vor dem Schmerz zum Ende einer Beziehung. Ängstlich könnte ich das nennen, aber das Wort, das ich nutzen möchte, ist feige. (Shitstorm: Go!)

Ich schätze das Modell der Bindungstheorie sehr. Ich erlebe in der Beratung immer wieder, dass sich damit gut arbeiten lässt. Demnach ist der Wunsch nach Nähe und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, also zumindest zu einer weiteren Person, mit der man eine Gruppe bilden kann, evolutionär fest in uns eingeprägt. Kleinkinder überleben nicht ohne Bindung und der Schockzustand, den Menschen erleben, wenn sie verlassen werden, basiert auf der stammesgeschichtlichen Erfahrung, dass ein Einzelgänger nicht in der Steppe und nicht im oben bereits erwähnten Dschungel überleben konnte. Liebeskummer ist deshalb ein geistiger und körperlicher Ausnahmezustand. Und der bereitet zu Recht Angst.

Der Volksmund sagt, Angst sei kein guter Ratgeber. Das hat Gründe. Erleben wir Angst, sind unsere Reaktionsmöglichkeiten reduziert auf Flucht oder Angriff. Auch das ist evolutionär bedingt. Die Hirnregionen, die eine Situation analysieren und vergleichen, entwickelten sich erst später. Angst erreicht unsere Reptiliengehirn und sorgt umgehend für eine Reaktion. Denken können wir erst später. Das hat vermutlich sehr vielen unserer Vorfahren das Leben gerettet und ist nichts Schlechtes. Aber eben kein guter Ratgeber.


Es gibt Singles, die schreckliche Beziehungserfahrungen machen mussten. Menschen, die furchtbare Trennungen erlebt haben, die verlassen wurden und sich weggeworfen fühlten. Deren Partner mit schlimmen Vorwürfen oder ohne ein Wort gegangen sind. Schmerzen, die niemand erneut erleben möchte. An die sich aber traumatisierte Personen bereits bei einem kleinen Konflikt erinnert fühlen. Ich nenne das Vorsicht und wünsche ihnen viel Kraft auf dem Weg zurück in ein Leben voller Vertrauen.

Liebe ist keine die Arena, sondern ein Heilmittel

Doch welche Erklärung bietet nun die „lieber allein glücklich als gemeinsam unglücklich"-Fraktion außer ihrer Feigheit vor Konflikten?

Ich möchte noch einmal auf den Kampf um Ressourcen und Reviere zu sprechen kommen. Den gibt es tatsächlich immer noch auf dieser Welt. Aber ihr Angsthasen, Liebe ist nicht die Arena, sondern das Heilmittel!

Alles, wovor ihr euch fürchtet, lässt sich gemeinsam leichter ertragen, vielleicht sogar bewältigen. Klar, das Mittel kommt nicht ohne Nebenwirkungen. Das sind die Ängste eures Partners. Mit denen müsst ihr euch ebenfalls auseinandersetzen, nicht nur mit den eigenen. Dazu braucht es Mut. Zu Scheitern. Zu Fallen. Neu zu Beginnen. Die Alternative ist eigentlich, was Angst bereiten müsste. „Lieber allein" ist genau die schreckliche Vorstellung, die jenen Schockzustand des Verlassenwerdens bereitet. Wer wissen möchte, wie Menschen danach zurück ins Leben finden, kann Erfahrungsberichte von Verwitweten studieren: Brutale Ungewissheit des Lebens und der Liebe.

Auch Singles wünschen sich Nähe. Deshalb suchen sie die Nähe zu Gleichgesinnten oder Menschen, die ähnliches erleben wie sie. Ganz nach der Bindungstheorie: In der Gruppe fühlt man sich nicht so alleine. Das ist also ganz menschlich. Aktuell verwenden Singles viele sperrige Adjektive, um ihre Gemeinschaft zu beschreiben: Generation bindungsverweigernd, bindungsgestört, beziehungsunfähig.

Aber das seid Ihr nicht. Habt Mut. Bekommt eure Angst in den Griff. Liebt.


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