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Ein bisschen Freiheit

Frauenrechte

Bald dürfen die Frauen in Saudi-Arabien ans Steuer. Für viele ist das ein komplett neues Lebensgefühl. Das könnte das Land mehr verändern, als mancher vermutet.

Mit schwarzer Sonnenbrille und einer Katze auf dem Arm stolziert die Frau aus dem Haus. Ihr Kopftuch wirft sie lässig über die Schulter, dann drückt sie auf den Autoschlüssel: Der weiße Landrover blinkt. Gerade will sie einsteigen, da wirft sich ihr Bruder nahezu vors Auto. "Kannst du mich zu meinen Freunden fahren?" Die Frau reißt sich die Sonnenbrille vom Gesicht. "Wie bitte?", ruft sie empört. "Hast du vergessen, wie du reagiert hast, als ich dich letztens angefleht habe, mich zum Supermarkt zu fahren? Wie du Nein gesagt hast?" Sie äfft ihn nach: "Ich hab keine Zeit für dich, ich bin beschäftigt." Sie steigt aus, drückt ihm einen Schein in die Hand und sagt: "Weißt du, es gibt Fahrdienste, die dir weiterhelfen können." Zurück im Auto, streckt sie ihren Kopf noch einmal aus dem Fenster und ruft ihm nach: "Und wehe, du kommst zu spät. Wir haben keine Männer in der Familie, die bis früh morgens draußen herumlungern." Ein Satz, den ansonsten viele Frauen zu hören bekommen.

Es sind Szenen wie diese, die nur wenige Stunden nachdem Saudi-Arabien das Fahrverbot für Frauen aufgehoben hat, im arabischsprachigen Netz landen. Als hätten die Frauen in ihrer Verzweiflung bereits Videos, Karikaturen und Bildercollagen vorproduziert für den unwahrscheinlichen Fall der Fälle, der am 27. September dieses Jahres eintrat: Saudi-Arabien erlaubt Frauen, von Juni 2018 an den Autoführerschein zu machen. Im Netz feierten sie diese Aussicht auf eine neue, bislang unbekannte Mobilität, die für viele gleichbedeutend ist mit Freiheit. Nicht mehr vom Gemütszustand des jüngeren Bruders abhängig zu sein oder von einem anderen Chauffeur - für viele Frauen ist das ein komplett neues Lebensgefühl.

"Ständig auf die Gnade einer anderen Person angewiesen zu sein, nur weil man das Haus verlassen möchte, das war für uns Alltag", sagt Madawi, 26 Jahre alt, aus Riad. Sie arbeitet seit Kurzem als Projektmanagerin in München. Ihr neuer Arbeitsweg: U-Bahn und S-Bahn. Zu Hause in der saudischen Hauptstadt Riad war sie immer mit einem Chauffeur unterwegs, sie haben zwei Fahrer aus Sri Lanka. Mit ihren drei Schwestern und ihrer Mutter musste sie sich immer absprechen. "Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, nur um die Fahrdienste zu koordinieren. Wer als erste schreibt, die bekommt den Fahrer. Oft müssen wir Umwege machen, um uns gegenseitig abzuholen", sagt Madawi und lacht. Immerhin haben sie zwei Fahrer, viele ihrer Freundinnen müssen Termine wieder absagen, wenn der Bruder, Ehemann oder Vater keine Lust hat, sie wohin zu kutschieren.

Die saudische Aktivistin Manal al-Sharif wurde vor sechs Jahren international bekannt, als sie sich dabei filmen ließ, wie sie in Saudi-Arabien Auto fuhr. Dafür kam sie ins Gefängnis. Heute lebt sie in Dubai.

(Foto: Marwan Naamani/AFP)

Im Westen kann man sich diese Unbeweglichkeit nur schwer vorstellen. Mobilität gehört für die meisten Frauen zum Alltag: ob im Job oder in der Beziehung - mobil sein, bedeutet aktiv sein, lebendig sein. Viele im Westen halten die Aufhebung des Fahrverbots deshalb für ein kleines Zugeständnis eines ansonsten rückständigen Mittelalterstaates und schütteln über die Euphorie saudischer Frauen nur mitleidig den Kopf. Doch es geht nicht nur darum, dass sich Frau nun freier bewegen kann, wie in der Anfangsszene deutlich wird (sie also in Zukunft selbst entscheiden kann, wann sie einkaufen will). Es geht um die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Durch die ständige Abhängigkeit, in der sich die Frauen jahrelang befanden, schien eine Beziehung auf Augenhöhe, sei es zum Vater, Ehemann oder Bruder, nahezu unmöglich zu sein. Die fehlende Mobilität und das ständige Bitten, zum Einkaufen, zu einer Verabredung oder zu einer Ärztin gefahren zu werden, rückten sie automatisch in die schwächere Position. "Viele Frauen fühlen sich als nerviges Anhängsel, das bei kleinsten Alltagsfragen auf ihre männlichen Verwandten angewiesen ist. Oft hängt die ganze Tagesplanung am seidenen Faden, nur weil man nicht weiß, ob man gefahren wird."

Die neue Mobilität ist deshalb viel mehr, als nur am Steuer zu sitzen. Sie könnte die Augenhöhe zwischen Mann und Frau - wenn auch nur um ein paar Zentimeter - nach oben korrigieren. Sie ist ein Glied weniger in der schier endlos wirkenden saudischen Abhängigkeitskette zwischen den Geschlechtern. "Auch für viele Männer war das Fahrverbot eine Last. Sie hatten keine Zeit, waren außer Haus oder hatten gesundheitliche Probleme und schafften es nicht, die weiblichen Verwandten überall hinzufahren", so Madawi.

Auch im Beruf könnte die neue Mobilität zum Motor einer allmählichen Emanzipation werden, die auch die saudische Gesellschaft nachhaltig verändern könnte. Bietet sie den Frauen doch Zugang zu Jobs in Branchen, die ihnen bislang versperrt sind - etwa in Verkehrsbehörden, Versicherungen, im Autohandel oder Transportwesen. Uber möchte demnächst zum Beispiel gezielt Frauen als Fahrerinnen anwerben, berichten saudische Medien. Wahrscheinlich wird auch hier auf die Geschlechtertrennung Wert gelegt, um den wahhabitischen Klerus im Königreich ruhigzustellen. Doch immerhin schafft die Mobilität Arbeitsplätze, denn Frauen müssen ja von anderen (arbeitenden) Frauen bedient werden - Fortschritt, aber eben auf saudisch.

Dass Frauen in Saudi-Arabien bislang ohne männliche Hilfe nicht einmal von A nach B kommen konnten, spiegelt sich auch in den Beschäftigungszahlen wider: Die weibliche Beschäftigungsquote in Saudi-Arabien liegt bei etwa 22 Prozent, auf dem "Gender Gap Index" des Genfer Weltwirtschaftsforums, der Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter weltweit bewertet, liegt Saudi-Arabien ganz am Ende, auf Rang 141 von 144. Noch im März dieses Jahres kündigte das saudische Arbeitsministerium an, 141 000 Jobs in "Tele- und Heimarbeit" bis 2020 zu schaffen - für Frauen und Behinderte. So wollte die Regierung das Fahrverbot anfangs lösen: Frauen müssen nicht extra in ein Büro fahren, um zu arbeiten, sondern könnten das von zu Hause machen. Doch offenbar reicht Heim- und Telearbeit nicht, um das Land für die "Vision 2030" zu rüsten, mit der Kronprinz Mohamed bin Salman das Königreich modernisieren möchte. Er will die heimische Wirtschaft aus der Abhängigkeit vom Öl befreien, dazu braucht es neue Aktivitäten - und Frauen als Arbeitskräfte. Bis 2030 sollen 30 Prozent der saudischen Frauen arbeiten, so lautet das Ziel.

Auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann könnte das Geschlechterverhältnis nachhaltig verändern. Viele arbeitende Frauen müssen bislang deutliche Abstriche beim Geld machen. Viele geben einen großen Teil ihres Gehalts für einen Fahrer aus - "meist ein Viertel oder gar die Hälfte", wie Madawi erzählt. So kostet ein Fahrer monatlich im Schnitt 400 Dollar. Die im Westen verquere Vorstellung, Geld spiele für die Menschen am Golf sowieso keine Rolle, stimmt nicht - oder zumindest nicht mehr. Die steigende Bevölkerungszahl von sechs Millionen Einwohner im Jahr 1970 auf 33 Millionen Einwohner im Jahr 2017 ( etwa elf Millionen von ihnen Gastarbeiter) hat auch zu einer Verarmung der saudischen Gesellschaft geführt. Der hohe Lebensstandard reicht nicht mehr für alle. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, doch Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen zwei und vier Millionen Saudis unterhalb der Armutsgrenze von 530 Dollar im Monat leben. Diese Familien können sich die Kosten für einen Fahrer nicht leisten. Oft können Frauen keine Universitäten besuchen, weil sie in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Das Leben dieser Frauen steht still. Aber auch dort, wo das Finanzielle keine Rolle spielt, weigern sich viele sehr konservative Familien, ihre weiblichen Verwandten mit Fahrern loszuschicken. "Viele Väter fürchten, dass ihre Töchter von ausländischen Fahrern sexuell belästigt werden und weigern sich deshalb, einen einzustellen", sagt Madawi.

Die Mobilitätsbranche wächst rasant, es gibt viele neue Jobs - auch für Frauen

Natürlich passte vielen Männern die fehlende Mobilität bislang ganz gut in den Kram. Töchter, Schwestern und Ehefrauen konnten so vom Arbeiten abgehalten werden, nach dem Motto: "Wir würden ja gerne, aber ..." - doch dieses Hinhalteargument funktioniert nun nicht mehr. Zwar braucht die saudische Frau noch immer einen männlichen Vormund, einen wali al-amr - meist der Vater, Ehemann oder Bruder, wenn sie studieren oder reisen möchte. Doch auch die sozialen Konventionen könnten sich mit der Zeit ändern.

Aber nicht nur Saudi-Arabien muss sich an mobile Frauen erst gewöhnen, auch in Deutschland gibt es da noch Verbesserungsbedarf: So ist die Zahl der Frauen, die in der Automobilindustrie, im öffentlichen Nahverkehr oder im Mietwagengewerbe arbeiten, immer noch vergleichsweise gering. In dem Netzwerk "women in mobility" haben sich Frauen, die in der Branche arbeiten, vor zwei Jahren zusammengeschlossen. Ziel ist es, Frauen aus den verschiedenen Mobilitätsbetrieben zu vernetzen. Coco Heger-Mehnert, 54, arbeitet beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. Sie wünscht sich eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf in diesem Bereich. "Flexible Home-Office-Möglichkeiten gibt es noch viel zu wenig." Auch schreckten technische Berufe viele junge Frauen noch ab, glaubt sie. Dabei hat sich die Branche in den vergangenen Jahren stark vergrößert: Es gibt Anbieter für Carsharing, Bikesharing und immer neue Mobilitätsplattformen - und jede Menge Jobs für Frauen.

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