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Der politische Kampf um Fortunas Kurve und die Mär von der Vereinsneutralität

In Bielefeld kam es wieder mal zu Schlägereien zwischen linken Düsseldorfer Ultras und rechten Hools. Düsseldorfs Vereinsführung beharrt auf Neutralität. Doch wie lange soll das noch gehen?


Fortuna Düsseldorf konnte durch die Verpflichtung von Friedhelm Funkel als Chefcoach wieder für positive Schlagzeilen sorgen. Seit Beginn der Bundesliga-Rückrunde in der Saison 2012/2013 ein seltener Fall. Am vergangenen Samstag war „F95" zu Gast bei Arminia Bielefeld. Die Düsseldorfer Ultras präsentierten eine bunte Tapete und viel Pyrotechnik zum Einlauf der Mannschaften. „Chaosclub F95" war kurzzeitig am Zaun des Gästeblocks zu lesen. Wie recht sie damit haben sollten, konnten sie zu diesem Zeitpunkt wohl nicht ahnen.


Mitte der zweiten Halbzeit kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Ultra- und Hooligangruppen der Fortuna. Ein bekanntlich über Jahre bestehender politischer Konflikt ist die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzungen. Auf der einen Seite die Gruppe „Dissidenti Ultra", die antifaschistisch ist, sowie größer werdende Teile der Fanszene um die „Ultras Düsseldorf". Auf der anderen Seite die rechte Hooligangruppe „Bushwhackers Düsseldorf" und deren Nachwuchsgruppe „New School". Die rechten Hooligans pflegen seit Jahren eine intensive Freundschaft zu der bekennend neonazistischen Ultra- und Hooligangruppe „Frente Atlético" von Atlético Madrid. Einige Mitglieder von Frente wurden kürzlich verurteilt, weil sie am 30. November 2014 „Jimmy", Mitglied der linken Ultra-Gruppe „Riazor Blues" von Deportivo La Coruña, ermordeten. Zwischenzeitlich waren die Täter gar auf freiem Fuß, es gab diverse Verzögerungen im Verfahren, beispielsweise durch mehrfache Wechsel der zuständigen Richter. Seit die Täter wieder in Untersuchungshaft sitzen, zeigen die Bushwhackers eine Fahne, die die Befreiung der gefangenen Atlético-Anhänger fordert:


Da Fortuna ausdrücklich, sowohl für Auswärts- als auch für Heimspiele, ein Verbot von jeglichem Material, das sich auf Frente Atlético bezieht, ausgesprochen hat, ist bei dieser Fahne nur von Atlético-Fans die Rede. Daneben ist aber das bekannte Hooligan „h" zu erkennen. Kürzlich präsentierten die Bushwhackers trotz des Verbotes, das wiederholt nicht eingehalten wurde, beim Heimspiel der Fortuna gegen Heidenheim erneut einen Schal von „Frente Atlético" im Stadion und hingen diesen kurzzeitig über ihr Banner. Bei einer Razzia in Madrid wurden zudem kürzlich Waffen, diverse neonazistische Fahnen und Symboliken beschlagnahmt. Darunter auch eine Fahne von Frente Atlético, die den SS-Totenkopf als Logo nutzen.

Warum das so wichtig ist? Weil eben diese Solidaritätsfahne am Zaun in Bielefeld hing. Mindestens eine weitere Person aus dem neonazistischen Spektrum, die bereits vor vielen Jahren Mitglied der Bushwhackers war, war ebenfalls in einem T-Shirt der Neonazimarke „Thor Steinar" anwesend. Die Beteiligung an der Gründung von HoGeSa- und Vorgängerstrukturen konnte den Bushwhackers ebenfalls nachgewiesen werden. Wie das antirassistische Bündnis „Düsseldorf stellt sich quer" am 11. Januar 2016 berichtete, beteiligten sie sich auch an Bürgerwehr-Aktivitäten. Aus einem Video von Augenzeugen geht hervor, dass die rechten Hooligans offenbar nach den Auseinandersetzungen den Block verlassen mussten, wie das Portal „Faszination Fankurve" berichtete.

Fortuna hat bislang keine Stellungnahme auf der Homepage veröffentlicht, sagte aber gegenüber Faszination Fankurve:


„Fortuna Düsseldorf hat unmittelbar im Anschluss an die Partie in Bielefeld mit der Aufarbeitung der Vorkommnisse im Gästeblock begonnen. Bis zum heutigen Tag konnten bereits erste Personen identifiziert werden, denen die Anwendung von Gewalt beziehungsweise die Durchführung sonstiger Verstöße gegen die geltende Stadionordnung nachgewiesen werden kann. Der Verein wird gegen diese Täter mit voller Konsequenz vorgehen und gemeinsam mit Arminia Bielefeld die vorliegenden weiteren Beweismittel auswerten. Die Ausübung von Gewalt sowie das Werfen von Pyrotechnik und Böllern sowie sonstige Verstöße gegen die Stadionordnung verurteilt die Fortuna auf das Schärfste. Unter dem Motto 'gemeinsam für Fortuna' erfährt unsere Mannschaft derzeit eine breite Unterstützung. Für unser gemeinsames Ziel des Klassenerhaltes ist es wichtig, dass diese Unterstützung fortgesetzt wird und bei den kommenden Spielen nur der Erfolg der Mannschaft im Mittelpunkt steht."


Dieses Statement reiht sich in die Entpolitisierung des über sechs Jahre bestehenden Konfliktes ein. Der Vorstand, in Form von Sven Mühlenbeck, Leiter Organisation und Fanangelegenheiten, sowie Paul Jäger, Finanzvorstand, sprechen allzu gerne von der in der Satzung festgehaltenen „politischen Neutralität" und auch von „persönlichen Interessen". Nach den brutalen Angriffen in Darmstadt 2014 auf antirassistische Fortuna-Fans sagte Sven Mühlenbeck im Anschluss:


„So verschieden die Standpunkte der unterschiedlichen Fangruppen sein mögen, im Endeffekt verbindet alle die Leidenschaft für die Fortuna, die bei allen persönlichen Interessen an oberster Stelle stehen sollte."


Dabei hatte sich die Vereinsführung in der Vergangenheit oft, auch in Zusammenarbeit mit der Fanszene, gegen Diskriminierung und rechte Tendenzen gestellt, zum Beispiel durch die Unterstützung der alljährlichen FARE-Wochen, durch das Einladen von Geflüchteten zu Heimspielen, der Beteiligung an Kampagnen gegen Homophobie oder dem Verbot von „HoGeSa"-Kleidung im Stadion. Bei der Mitgliederversammlung am 30. Oktober 2014 gab es zudem einen erfolgreichen Antrag auf eine Ergänzung der Satzung im Bereich Diskriminierung. So heißt es in der Satzung:


„Der Verein verhält sich weltanschaulich, politisch, rassisch und religiös neutral und steht in allen Belangen auf demokratischer Grundlage. Er bekennt sich zu den Grundsätzen der Menschenrechte. Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen, insbesondere aufgrund der Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, des Geschlechts, des Alters, der sexuellen Identität oder einer Behinderung, aktiv entgegen. Er darf seine Mittel weder für die unmittelbare noch für mittelbare Unterstützung oder Förderung politischer Parteien verwenden."


Umso widersprüchlicher ist die Beharrung auf „politische Neutralität". In der Satzung lässt sich das vor allem auf den letzten Absatz bezüglich der „Förderung politischer Parteien" beziehen. Dass Diskriminierung aber alles andere als Privatsache und rein „persönliches Interesse" ist, dass das Stadion kein „unpolitischer" oder „politisch neutraler", sondern ein gesellschaftspolitischer Raum ist, das dürfte auch der Vorstand wissen, nachdem er dem Paragraphen gegen Diskriminierung zugestimmt hat.


Scheinbar hat der Großteil der Fanszene beschlossen, konsequent und gemeinsam gegen Rechts vorzugehen. Das zeigt, dass die aktive Fanszene—die die Fortuna zu jedem Spiel begleitet—sich so einig wie noch nie zuvor ist, dass rechte Umtriebe der Fortuna in der Vergangenheit massiv geschadet haben. Zumindest wenn man im Laufe der Saison verfolgt hat, wie nah die Ultra-Gruppen und die aktive Fanszene aneinander gerückt sind. Das zeigt sich auch daran, dass die Zaunfahnen der Ultras jedes Auswärtsspiel nebeneinander hängen, der Support gemeinsam gestaltet wird und einen Aufschwung erfahren hat. Es scheint, als würde aus den Trümmern ein stabiles Gerüst wachsen, das sowohl sportlich als auch fanszenetechnisch zum sogenannten „Glanz alter Tage" führen könnte.


Es bleiben dennoch viele zentrale Fragen bezüglich des Verhaltens von der Führungsetage der Fortuna offen:


Warum hat sich Fortuna bislang nicht zum Zeigen eines Schals von Frente Atlético geäußert und wie wurde darauf intern reagiert? Gab oder gibt es Konsequenzen? Muss erst Öffentlichkeit hergestellt werden, damit die Vereinsführung sich den angesprochenen Themen annimmt? Haben sich die Verantwortlichen über den Hintergrund der Fahne in Solidarität mit den gefangenen Frente-Mitgliedern informiert? Wenn Fortuna „konsequent gegen Gewalttäter" vorgeht—wie kann es sein, dass die Fahne, die sich mit Mördern und Nazis solidarisiert, einen Platz im Stadion finden kann? Was veranlasst den Vorstand dazu, sich gegen Diskriminierung und rechtes Gedankengut stellen zu wollen, gleichzeitig aber häufig zu rechten Hintergründen und Verstrickungen der Bushwhackers zu schweigen? Wie wird sich die Vereinsführung in Zukunft positionieren und werden auch die Ultras/Fans bestraft, die sich gegen rechte Gewalt und Diskriminierung positionieren und für die angesprochene „breite Unterstützung" sorgen? Wäre das nicht kontraproduktiv und würde der Mannschaft, also dem Ziel Klassenerhalt, schaden?


Die Zukunft bezüglich des Verhaltens der Vereinsführung ist weiterhin völlig offen. Mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Robert Schäfer könnte auch ein frischer Wind entstehen. Wird und kann er eine angemessene Antwort auf die Fragen finden und geben? Es wäre dem Verein, der Fangemeinde, dem Fußball und der Gesellschaft zu wünschen, dass der rheinländische Verein langfristig ein nachhaltiges Konzept präsentieren und umsetzen kann.

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