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Timur Si-Qin: Ein Abgesang auf die postmoderne Selbstreferenzialität

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Was der Mensch über die Welt, die ihn umgibt, sagen kann und wie er zu diesen Einsich­ten kommt, sind Fragen, mit denen sich die Philo­so­phie seit jeher beschäf­tigt. Versuchte die Meta­phy­sik noch die Dinge an sich zu entschlüs­seln und ihnen auf den Grund zu gehen, rich­tete Kants koper­ni­ka­ni­sche Wende den Blick von den Objek­ten der Erkennt­nis auf die Frage, wie die Vernunft und mithin also das Erken­nen selbst funk­tio­niert. Der soge­nannte „lingu­is­tic turn“ wiederum brachte im 20. Jahr­hun­dert  einen erneu­ten Para­dig­men­wech­sel: dem Denken liegt die Spra­che zu Grunde, so die Annahme. Nur diese können wir analy­sie­ren und zu verste­hen suchen. Ob jenseits der Spra­che und damit außer­halb unse­res eige­nen Bewusst­seins Dinge an sich über­haupt exis­tie­ren oder nicht, darüber lässt sich im Zwei­fels­fall gar nichts sagen oder wie Witt­gen­stein es poin­tiert formu­lierte: Wovon man nicht spre­chen kann, darüber muss man schwei­gen. Der Einfluss dieser Theo­rie auf den philo­so­phi­schen und sozio­lo­gi­schen Betrieb war enorm, und hatte damit auch großen Einfluss auf Kunst­strö­mun­gen und -rezep­tion.

Seit eini­gen Jahren rumort es in Teilen des philo­so­phi­schen Wissen­schafts­be­triebs, und einige meinen schon einen neuen Para­dig­men­wech­sel auszu­ma­chen: vom lingu­is­tic turn zum mate­rial turn. Lose zusam­men­ge­fasst unter den Selbst­be­zeich­nun­gen New Mate­ria­lism oder Speku­la­ti­ver Realis­mus rück­be­sin­nen sich einige Philo­so­phen auf die Meta­phy­sik und beschäf­ti­gen sich nun wieder mit der Wirk­lich­keit, also jenem, was sich außer­halb unse­res eige­nen Bewusst­seins befin­det.

Matter matters

In der Austel­lung „Specu­la­ti­ons on Anony­mous Mate­ri­als“ konnte man im Kass­ler Fride­ri­cia­num vom 29. Septem­ber 2013 bis zum 23. Februar 2014 den Einfluss dieser philo­so­phi­schen Strö­mung auf den jungen Kunst­be­trieb sehen: Neben Künst­lern wie Ed Adkins oder Pamela Rosen­kranz stellte auch der in Berlin gebo­rene Künst­ler Timur Si-Qin (*1984) dort aus. In seinen multi­me­dia­len Arbei­ten beste­hend aus Skulp­tu­ren, Video­ar­bei­ten und Raum­in­stal­la­tio­nen wie auch in Inter­views mit dem Künst­ler selbst wird dessen direkte Bezug­nahme auf den New Mate­ria­lism deut­lich. „Matter matters“ (Das Mate­rial ist bedeu­tend), wie es der italie­ni­sche Philo­soph Mauri­zio Ferra­ris auf dem die Ausstel­lung beglei­ten­den Sympo­sium in seinem Vortrag prokla­mierte, könnte man als beglei­tende Unter­schrift unter Si-Qins Werk setzen.

In seinen Arbei­ten greift er häufig auf Bilder oder Produkte der Werbe­in­dus­trie zurück, thema­ti­siert deren Mate­ria­li­tät. In der Skulp­tu­ren-Reihe „Axe Effect“ sieht man so auf einem Samu­rai-Schwert aufge­spießte Dusch­gel-Flaschen, insze­niert als gewalt­vol­ler Einbruch in die Körper­hy­giene, gleich­zei­tig das Macho­bild der Werbe­kam­pa­gne aufgrei­fend: die Produkte bluten Rein­lich­keit. In seinem dies­jäh­ri­gen Berlin Bien­nale-Beitrag instal­lierte Si-Qin mit „A reflec­ted Land­scape“ eine künst­li­che Land­schaft. In dieser ruht ein LED-Bild­schirm, der von einer Webcam über­tra­gene Live-Bilder des Ausstel­lungs­rau­mes und damit die Instal­la­tion mitsamt ihrer Ausstel­lungs­be­su­cher zeigt. Die Land­schaft rezi­piert sich selbst im Auge der Tech­nik, die Tren­nung zwischen Tech­no­lo­gie und Natur zerfließt.

Das Portrait einer agierenden Landschaft

Für einige Arbei­ten hat Si-Qin ein eige­nes Marken­logo entwi­ckelt: „Peace“, „Truth by Peace“ und aktu­ell „New Peace“. „New Peace“ ist hier­bei als das Logo einer speku­la­ti­ven künf­ti­gen New Mate­ria­lism-Reli­gion mit dem Slogan „Repli­ca­tion Serves Varia­tion“ zu verste­hen. Die Arbeit „Attain Mirro­scape“, die im DOUBLE FEATURE zu sehen sein wird, mutet wie ein knapp sieben­mi­nü­ti­ger Werbe­film der New Peace-Reli­gion an. In lang­sa­men Kame­ra­fahr­ten wird eine virtu­elle Land­schaft gezeigt, unter­legt von sphä­ri­scher Musik und immer wieder auftre­ten­den Klick-Geräu­schen. Betrach­tet man „Attain Mirro­scape“ im Lichte neus­ter natur­wis­sen­schaft­lich-philo­so­phi­sche Theo­rien, nach denen alles Leben auf der Welt mitsamt der Flora und Fauna als fühlen­des Subjekt zu verste­hen ist, meint man hier nicht ein digi­tal-leblo­ses Panorama zu sehen, sondern das Portrait einer agie­ren­den Land­schaft.

Si-Qins Arbei­ten als ironisch distan­zierte Kommen­tare zu Kapi­ta­lis­mus oder Werbe­wahn­sinn zu deuten, miss­ver­steht die Arbeit als post­mo­derne Konzept­kunst. Viel­mehr könnte man den speku­la­ti­ven Realis­ten folgend die Bilder, die sich beispiels­weise Werbung zu Eigen macht, als Reprä­sen­ta­tion einer tatsäch­li­chen Reali­tät verste­hen, die unab­hän­gig von sprach­li­chen oder kultu­rel­len Codes exis­tiert.

Abgesang auf die postmoderne Selbstreferenzialität

Für den zwei­ten Teil des DOUBLE FEATURE hat sich Timur Si-Qin gegen einen klas­si­schen Spiel­film und statt­des­sen für einen YouTube-Walkth­rough des Video­spiels „Until Dawn“ entschie­den. Bei dem Ende des letz­ten Jahres auf der Play­sta­tion 4 erschie­nen Spiel handelt es sich um ein inter­ak­ti­ves Drama aus dem Genre der Survi­val-Horror-Adven­tures. Es erzählt die Geschichte eines Ausflugs von acht Freun­den in eine entle­gene Berg­hütte, in deren Nähe im Jahr zuvor zwei Freun­din­nen spur­los verschwun­den sind. „Until Dawn“ besteht haupt­säch­lich aus langen Erzähl­se­quen­zen, bei denen der Spie­ler zwischen­durch immer wieder Entschei­dun­gen tref­fen muss, die wiederum star­ken Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben.

Er habe sich den komplet­ten Walkth­rough des Spiels ange­se­hen, erklärt Si-Qin, da sich dieser problem­los wie ein über­lan­ger Genre­film schauen lasse. Faszi­niert zeigte er sich davon, dass das Spiel es schaffe, den simu­lier­ten Raum als tatsäch­li­che Reali­täts­mög­lich­keit statt als Fiktion oder Virtua­li­tät zu präsen­tie­ren. Ganz ähnlich also wie in seinen eige­nen Arbei­ten, deren Beschrei­bung der Welt man viel­leicht so zusam­men­fas­sen könnte: Den Dingen kommt, ob nun virtu­ell oder nicht, im philo­so­phi­schen Sinn allein schon deshalb eine Wirk­lich­keit zu, weil sie in welcher Form auch immer exis­tie­ren. Im Fokus stehen die Gegen­stände und deren Mate­ria­li­tät selbst, was man durch­aus als Abge­sang auf die post­mo­derne Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät verste­hen kann.


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