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Die Ditib und der interreligiöse Dialog: Belastete Verständigung

Seit langem gibt es Kritik an der Türkisch-Islamischen UnionDitib, der größten sunnitisch-islamischen Organisation in Deutschland. Sie vertritt heute bundesweit über 900 lokale Moscheevereine. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die enge Anbindung an den türkischen Staat, die eine Integration in Deutschland verhindere und einen konservativen Islam fördere. Denn die Organisation ist der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt, in ihren Moscheegemeinden predigen Imame, die in der Türkei ausgebildet und vom türkischen Staat wie Beamte nach Deutschland entsandt werden.

Über die letzten Jahrzehnte hatten sich trotz dieser problematischen Ausgangslage zahlreiche interreligiöse Kontakte zwischen Ditib-Moscheegemeinden und christlichen Kirchen sowie in den Kommunen entwickelt. Bei runden Tischen mit Religionsvertretern oder Räten der Religionen waren Vertreter der Ditib meist selbstverständlich dabei.

Putschversuch in der Türkei als Zäsur

Doch das hat sich seit 2016 geändert. Der interreligiöse und gesellschaftliche Dialog mit der Ditib ist an vielen Orten schwieriger geworden. Nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 in der Türkei bezichtigte Erdogan den Prediger Fetullah Gülen, Drahtzieher des Putschversuchs zu sein. Die Gülen-Bewegung wird in der Türkei als Terrororganisation eingestuft. Auch in Deutschland ist die Stimmung in der türkischen Community gegenüber Anhängern von Gülen aufgeheizt.

Die Türkei hat sich seitdem immer weiter von einem säkularen Staat hin zu einem islamisch-religiös geprägten Staatswesen verändert. Jüngster Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee, die nun der Religionsbehörde Diyanet unterstellt wird.

Als die Türkei noch laizistisch war, galt die Ditib als Garant für eine Trennung von Religion und Politik, sagt Thomas Lemmen, Referent für interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln, in einem Interview mit dem Domradio. Die Situation in der Türkei habe sich aber deutlich verändert. „Aus einem Wahrer des Laizismus ist der türkische Staat unter Erdoğan zu einem Förderer seiner islamisch konservativen Politik geworden. Damit hat sich die Rolle der Religionsbehörde Diyanet und auch der Ditib in Deutschland gewandelt".

Allerdings war die Organisation Ditib schon immer klar der Religionsbehörde Diyanet und damit dem türkischen Staat unterstellt. Aber die Bewertung dieses Abhängigkeitsverhältnisses hierzulande hat sich verändert.

Stärkere Einflussnahme der Diyanet

"Der Einfluss der türkischen Religionsbehörde Diyanet auf Ditib wird jetzt als größer wahrgenommen als vor 2016", meint der Islamwissenschaftler Hussein Hamdan von der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart. Hamdan leitet das Projekt „Muslime als Partner in Baden-Württemberg", in dem er Kommunen zum Beispiel bei Konflikten berät. „Dabei war die Ditib auch vorher schon von Diyanet abhängig, nur war der türkische Staat damals laizistisch, deshalb fand das niemand problematisch."

Die veränderte Situation in der Türkei, die Spannungen zwischen Gülen und Ditib und eine generelle Politisierung haben auch den Dialog zwischen den Religionen in Deutschland erschwert. In einigen Fällen gab es Risse oder Kontaktabbrüche.

Diskrepanzen zwischen Ditib und der Gülen-Bewegung lähmen die Begegnung. Vereinzelt gab es Übergriffe auf Gülen-Leute oder sie wurden bespitzelt oder aus Ditib-Moscheen verjagt.

Belasteter interreligiöser Dialog

Im interreligiösen Dialog stehen Akteure seitdem häufig vor der Wahl, sich entweder mit Gülen-Anhängern oder mit Vertretern der Ditib zu treffen. Gesprächsformate, bei denen beide Seiten an einem Tisch sitzen, sind praktisch unmöglich.

„Das Jahr 2016 mit dem vermeintlichen Putsch der Gülen-Bewegung in der Türkei hat den interreligiösen Dialog schwer belastet und unnötig politisiert,“ sagt Thomas Amberg, evangelischer Pfarrer, Islamwissenschaftler und Leiter der „Brücke“ in Nürnberg, einer Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zur Begegnung von Christen und Muslimen.

In Nürnberg, Sitz einer großen türkischen Community, sind Ditib-Vertreter bei Veranstaltungen nicht mehr als Partner beteiligt und ihre Mitarbeit auf kommunaler Ebene und mit Kirchengemeinden ist im Vergleich zur Vergangenheit deutlich geringer geworden.

Das liege auch daran, dass „eines der Credos von Gülen und seiner Bildungsbewegung ein expliziter Aufruf zum interreligiösen Dialog war“, meint Amberg.  Jegliches Engagement im interreligiösen Dialog sei dadurch fast schon „verdächtig“ geworden. Viele früher aktive türkeistämmige Dialogpartner seien vor diesem Hintergrund verständlicherweise vorsichtig geworden oder hätten sich zurückgezogen.

Dialogpolitik "teils recht naiv"

Der Leiter der „Brücke“ bedauert diese Entwicklung. Aber er blickt auch selbstkritisch auf die kirchliche Dialogpolitik der zurückliegenden Jahre: Aus heutiger Sicht erscheint sie ihm „teils recht naiv“ gewesen zu sein. Man habe „das Engagement der Ditib vor 2016 mit theologischer Liberalität und Säkularität“ verwechselt, meint er. Zu wenig wäre dabei von allen Seiten nach den Motiven und Zielen des interreligiösen Dialogs gefragt worden.

Lokale Moscheevereine hätten im Dialog vorrangig das Interesse, sich in den jeweiligen Kommunen zu positionieren und berechtigterweise eigene Interesse wie zum Beispiel Moscheebauten zu verfolgen. Dieses strategische Vorgehen, um in der Gesellschaft anerkannt zu werden, hält er für legitim. Nur müsste es allen Dialogpartnern klar sein.

Alle Seiten verfolgen ihre Interessen im Dialog“, meint Hussein Hamdan. Er sieht das Hauptproblem darin, dass es in guten Zeiten des Dialogs verpasst wurde, kritische Themen anzusprechen, wie zum Beispiel die Entsendung der Imame durch die Diyanet.

Dabei ist die Situation oft von Moscheegemeinde zu Moscheegemeinden unterschiedlich. Denn innerhalb der Ditib wird hart um die zukünftige Linie gerungen und gerade die jungen Mitlieder wollen mehr Eigenständigkeit, sie sind stärker hier verwurzelt als noch ihre Eltern.

Andere Wege als die Elterngeneration

2016 ist der Vorstand der Ditib-Jugend auf Bundesebene zurückgetreten, einige Mitglieder um Taner Beklen haben das muslimische Jugendwerk in NRW gegründet. Die Jungen wollen ihre Ziele unabhängig vom Ditib-Verband weitertreiben. 2018 ist der gesamte Vorstand des Landesverbandes Niedersachsen und Bremen zurückgetreten. Insider sprechen davon, dass es an der Ditib-Basis Unzufriedenheit über den Kurs mancher Hardliner gibt, auch weil das spirituelle Leben in den Moscheegemeinden darunter leide.

„Die jungen Mitglieder wollen andere Wege gehen als ihre Eltern und mehr Kontakte zu anderen pflegen“, meint Hussein Hamdan. „Das ist eine strukturelle Entwicklung und führt zu internen Diskussionen, ähnlich wie bei kirchlichen Jugendverbänden, es hat weniger mit Situation in der Türkei zu tun“.

Bei den Ditib-Jugendverbänden gibt es eine deutliche Tendenz, Kontakt zu den christlichen Jugendorganisationen zu suchen und sich in Projekte und die Strukturen der Jugendhilfe einzubringen. „Für uns sind solche Kontakte sehr wichtig,“ sagt Oğuz Taşdelen, Geschäftsführer der Ditib Jugend Bayern. „Junge Menschen bringen einfach andere Perspektiven ein als ihre Eltern.“

Hussein Hamdan von der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart Foto akademie-rsde
"Der Einfluss der türkischen Religionsbehörde Diyanet auf Ditib wird jetzt als größer wahrgenommen als vor 2016“, meint der Islamwissenschaftler Hussein Hamdan von der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart.

Seit 2016 ist der Jugendverband Mitglied im Bayerischen Landesjugendring. Man habe gute Erfahrungen in der praktischen Zusammenarbeit gemacht, sagt Helene Düll vom Bayerischen Jugendring. Sie erlebe die Vertreter der Ditib-Jugend als „kooperativ, zuverlässig und angenehm in der Gremienarbeit“ und sieht bei ihnen einen Wunsch nach „Emanzipation der Jugend vom Erwachsenenverband“. Im Projekt "Dialog für Demokratie" des Bayerischen Jugendrings hat die Ditib-Jugend ihre Kontakte zum Bund der Katholischen Jugend und der Evangelischen Jugend im Freistaat vertieft.

Gesellschaftliches Engagement sichtbarer machen

Das gilt auch für die Bundesebene. Die Arbeitsgemeinschaft evangelische Jugend (aej) hat den Ditib-Jugendverband „Bund der muslimischen Jugend“ (sowie weitere muslimische Jugendverbände) in einem fünfjährigen, 2019 ausgelaufenen Projekt „Junge Muslime als Partner“ dabei unterstützt, ihre Arbeit professioneller zu gestalten und mit ihrem Engagement in der Gesellschaft sichtbarer zu werden.

In gemeinsamen Jugendgruppenleiterschulungen, bei gegenseitigen Besuchen von Kirchen und Moscheen, einer Gedenkfahrt nach Bergen-Belsen und vielen Workshops zu praktischen Fragen der Jugendarbeit konnten „Vorbehalte auf beiden Seiten abgebaut werden“, sagt Ona Buchholt von der aej. „Die Ditib-Jugendvertreter wollen sich klar in unserer Gesellschaft einbringen und Teil der Strukturen werden.“

Nach Buchholts Erfahrung aus dem Projekt sind Ditib-Moscheegemeinden alles andere als homogen mit sehr unterschiedlichen politischen Haltungen und vielen internen Diskussionen. Was bedeutet diese komplexe Situation für den interreligiösen Dialog? Das heißt vor allem, dass es keine allgemeingültige Devise gibt. Es ist aber wichtig, dialogbereite Kräfte innerhalb der Ditib zu stärken.

"Man sollte sich die Situation in einer Kommune anschauen, mit den Ditib-Moscheegemeinden Kontakt aufnehmen und eine konkrete Lösung vor Ort finden," rät Hussein Hamdan aus Stuttgart. Auch für Nürnberg sieht Thomas Amberg vorsichtige Anzeichen für eine mögliche Entspannung der Situation. Trotz aller Ernüchterung, trotz mancher Rückschläge in den letzten Jahren, versuche man mit den Ditib-Moscheegemeinden in Kontakt zu bleiben, und „uns vorsichtig wieder anzunähern“.

Claudia Mende

© Qantara.de 2020



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