Christian Honey

Independent Science Journalist & Translator, Berlin

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Libra: Bank ohne Geheimnis?

Dieser Artikel-Ausschnitt ist der Print-Ausgabe 09/2019 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie weitere Ausgaben, im heise shop bestellt werden. Heft im heise-Shop kaufen

Am 18. Juni hat eine Gruppe von Unternehmen unter Federführung von Facebook die Kryptowährung Libra angekündigt. Sie soll den Geldverkehr revolutionieren. Wenig überraschend, dass der Aufschrei unter Bankern und Politikern groß war. Aber war er ­gerechtfertigt? Drei Gründe, warum Libra besser ist als ihr Ruf. Und eine Gefahr, die wirklich zählt.

Wer traut schon Facebook? Als das Digitalunternehmen Mitte Juni verkündete, zusammen mit Partnern eine neue digitale Währung namens Libra zu schaffen, war die Kritik massiv - und sie kam angesichts des komplexen Themas erstaunlich rasch. "Da gibt es schwere Bedenken", sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nach einer ersten Diskussion beim G7-Finanzministertreffen. Auch der Chef der amerikanischen Zentralbank, Jerome Powell, gab ­"starke Bedenken" zu Protokoll. Und Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaft, bezeichnete die Technologie hinter der Kryptowährung als "nicht vertrauenswürdig".

Dabei ist die Idee einer Bezahlfunktion für das soziale Netz nicht grundsätzlich neu. Facebook hat sie vermutlich von chinesischen Vorbildern wie AliPay und WeChat Pay abgeguckt. Wie im Reich der Mitte sollen Nutzer von Facebook Messenger und WhatsApp digital bezahlen oder Geld überweisen können, kostenlos, sekundenschnell und "so einfach wie eine SMS". Mitte 2020 könnten die ersten WhatsApp- und Facebook-Messenger-Nutzer ihre Euro, Yen oder US-Dollar in Libra eintauschen. Aber im Gegensatz zu AliPay soll der Dienst weltweit zur Verfügung stehen. Genau diese gewaltige Dimension hat das Finanzwesen aufgeschreckt. Schließlich könnte daraus eine supranationale Bank entstehen, die auf einen Schlag Zugriff auf Milliarden von Kunden hat. Obendrein spricht das White­paper der Libra Association von der geplanten "Entwicklung und Förderung eines offenen Identitätsstandards". Ein "tragbarer digitaler Identitätsnachweis" solle zur "Voraussetzung für finanzielle Inklusion und für den Wettbewerb" werden.

Kontrolle über Währung und Identität: Wächst damit ein neuer digitaler Staat heran? Zuvor hatte Scholz erklärt, die Herausgabe einer Währung gehöre "nicht in die Hände eines Privatunternehmens". Sie sei "ein Kernelement staatlicher Souveränität". Aber wer sich das Konzept der Libra Association und die Technologie genauer anschaut, sieht, dass viele Ängste überzogen sind - und den Blick auf die Chancen und die wahren Risiken verstellen. Eine Einordnung.

( Christian Honey)

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