Christian Honey

Independent Science Journalist & Translator, Berlin

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Gravitationswellen: "Wir entdecken jetzt einen neuen Kontinent"

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ZEIT ONLINE: Was können Astrophysiker mit der Entdeckung von Gravitationswellen denn nun anfangen?

Nissanke: Wir versuchen jetzt weitere Ereignisse dieser Art zu messen. Sich umkreisende Schwarze Löcher werden ein normaler Teil astrophysikalischer Forschung werden. Wir können Fragen beantworten wie: Wo in Galaxien gibt es solche Doppelsysteme? Wie schnell entwickeln die sich? Wir erwarten auch, dass wir Gravitationswellen von Neutronensternen auffangen können. Von denen wissen wir zum Beispiel nicht, ob sie so kugelrund sind, wie wir sie in der Theorie beschreiben. Gravitationswellen könnten uns darüber informieren, ob solche Objekte symmetrisch sind oder nicht.

ZEIT ONLINE: Wie sicher sind Sie sich denn, dass Sie tatsächlich eine Gravitationswelle gemessen haben?

Nissanke: Das alles ist schon sehr überzeugend. Wir sprechen hier von 5.1 Sigma. ( Anm. d. Redaktion: Ab einem Wert von fünf Sigma gelten Messdaten als echt, sie sind zu 99 Prozent valide). Lange haben wir nur unsere vorhergesagten Signale gesehen. Die genaue Übereinstimmung mit den tatsächlichen Signalen war schon überwältigend. Das Signal ist nicht irgendwo im Rauschen verschüttet, sondern direkt zu erkennen und es stimmt exakt mit den Modellen überein. Da denkt man nur: Wow!

ZEIT ONLINE: Vor 100 Jahren von Albert Einstein vorhergesagt, nun tatsächlich nachgewiesen. Rechnen Sie nun mit dem Nobelpreis?

Nissanke: Das war eine kollektive Anstrengung. Da sind Jahrzehnte an Arbeit von Tausenden von Leuten eingeflossen. Es ist eine echte Entdeckung, ein fundamentaler Durchbruch. Ich glaube aber nicht, dass das ganze Projekt den Nobelpreis bekommen wird. Aber die Verantwortlichen, also die Theoretiker und Experimentalisten, die das Projekt ins Leben gerufen haben, die sollten dafür einen Nobelpreis kriegen.

ZEIT ONLINE: Aber wer von den mehr als 1.000 Leuten wäre das?

Nissanke: Als das LIGO-Projekt im Jahr 1992 vorgeschlagen wurde, da standen drei Namen auf dem Förderdokument der National Science Foundation: der Physiker Kip Thorne, der die Idee verbreitet hatte, sowie der MIT-Professor Reiner Weiss und Ronald Drever vom Caltech, die das Experiment umgesetzt haben. Es ist allein der Vision und dem Durchhaltevermögen dieser drei zu verdanken, dass die Entdeckung letztlich möglich wurde. Kip Thorne war auch der wissenschaftliche Berater des Kinofilms Interstellar. In den ersten Versionen des Films kamen LIGO und Gravitationswellen sogar vor. Ich glaube die Produzenten von Interstellar waren aber noch nicht bereit für eine so radikale Idee wie Gravitationswellen. Jetzt wird sich das vielleicht ändern.

ZEIT ONLINE: Ist die Entdeckung den Nobelpreis wert, weil sie eine weitere Bestätigung von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie ist, oder weil sie ein neues Instrument zur Erforschung des Kosmos liefert?

Nissanke: Ich denke beides. Das ist auch das, was die Entdeckung so besonders macht. Es ist eben nicht nur ein weiterer Test der allgemeinen Relativitätstheorie und von Einsteins Vorhersagen. Es vor allem ein Portal in eine phänomenale Zukunft der Astronomie, die nun nicht mehr ausschließlich auf elektromagnetischen Signalen beruht. Wir entdecken einen neuen Kontinent.

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