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Quote für die Nacht | SZ Jugendseite

Die Club-Szene gibt sich emanzipiert. Doch in Wirklichkeit haben Frauen kaum Platz in der Techno-Welt. Bei den DJs herrscht ein größeres Missverhältnis als in den Aufsichtsräten der Dax-Unternehmen - das wollen junge Künstlerinnen jetzt ändern.

Vibrierende Wollpullis in Einmachgläsern, flackernde Jalousien, auf die Zucker tropft - als VJ visualisiert man poetische Phantasien, um tanzende Menschen zu inspirieren. So wie Marlene Neumann, die sich Proximal nennt, wenn sie in Clubs oder auf Festivals die Musik bebildert, sich den Bässen und „Bumm Tzsch" der DJs hingibt und dazu ihre Assoziationen am Laptop komponiert. Eine anstrengende und manchmal sehr viel Ausdauer erfordernde Arbeit: Einmal legte Marlene 17 Stunden lang auf, mit einer zweistündigen Pause, das war auf der Time Warp, ihr persönlicher Rekord.

Dass Marlene als elektronische Künstlerin in Techno-Clubs arbeitet, hört sich erst nicht ungewöhnlich an, ist es laut einer Studie aber doch: Demnach sind mehr als 80 Prozent der Künstler bei elektronischen Musikkonzerten und Kunstfestivals Männer. Female Pressure, ein internationales Frauennetzwerk für digitale Musik und Kunst um Susanne Kirchmayr, hat die Studie vor knapp einem Jahr herausgebracht: Das Netzwerk hat Besetzungen weltweit wichtiger elektronischer Festivals, Clubs und Labels analysiert und einen Aufschrei in der Szene ausgelöst. Frauen sind auf etlichen Veranstaltungen mit unter zehn Prozent repräsentiert - das ist ein größeres Missverhältnis als in den Aufsichtsräten der DAX-Unternehmen, in denen seit Jahren die Dominanz der Männer beanstandet wird und vor zwei Monaten eine gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent festgezurrt wurde. Das passt irgendwie nicht zur elektronischen Szene, die sich gern progressiv und geschlechtsneutral gibt und viel Wert auf das „Wir-Gefühl" legt.

Wer über die Techno-Szene nachdenkt, kommt auf Anhieb auf mehr männliche DJs als auf weibliche, sowohl international als auch in München. An weiblichen DJs fällt einem hier die Pionierin Monika Kruse ein, gebürtige Berlinerin, die in München aufwuchs, ansonsten die Chicks on Speed, die den Punk in die Münchner Elektro-Szene brachten, Tini, die vor drei Jahren mit ihrem Album Tessa auffiel, und Julietta vom Label Sushitech. Doch Männer sind weitaus öfter groß rausgekommen.

„Mädels, traut euch mehr", ist daher der Appell von Marlene an ihre Geschlechtsgenossinnen. Marlene arbeitet seit fünf Jahren als VJ in großen Clubs. Dort bekommt sie die Schieflage zwischen den Geschlechtern in der Elektroszene mit. Nun zieht sie mit ihrer Kollegin Aiko Okamoto VJ-Workshops nur für Frauen auf - als Teil der einmonatigen Initiative „Marry Klein", mit der das Harry Klein die männliche Übermacht hinter den DJ-Pulten beenden möchte. Bei VJs wiederum ist es anders: Gerade in München gibt es viele, vielleicht sogar überdurchschnittlich viele weibliche VJs, etwa Heiligenblut, BettyMü und die Optopussies. VJ Aiko Okamoto alias Mo, die für Technomusik von Japan nach München kam und in ihrer achtjährigen VJ-Karriere schon in Rom, Madrid, Istanbul und anderen Städten aufgelegt hat, nennt einen einfachen Grund: „Viele Münchner VJs lernen ihr Handwerk bei Peter Becker im Fach Kunstpädagogik an der LMU München", sagt sie. Das Fach studieren viele Frauen. Das zum einen. Zusätzlich würden sich viele Frauen in der im Vergleich zum DJ eher hintergründigen Position des VJs wohler fühlen, so zumindest beobachtet es Peter Fleming vom Harry Klein. „Frauen sind gerne kreativ, aber nicht so die Rampensäue."

Marlene, Mitte 20, kennt die Hemmungen, die Frauen am Anfang davon abhalten, aufzutreten. „Ich hatte am Anfang eine große Scheu, das ist irgendwie anerzogen", sagt sie. Sobald man drin sei, entwickle man aber sein Ding. „Frauen sind bedachter, sie üben länger. Dafür brauchen sie auch länger, bis sie in die Pötte kommen", sagt Peter Fleming. Marlene hat schon vielen ihrer Freundinnen in den Hintern getreten, damit sie nicht nur zu Hause im stillen Kämmerlein auflegen, sondern sich vor das Publikum trauen. Dass Frauen hinter dem DJ-Pult beziehungsweise dem VJ-Pult den stereotypen Vorstellungen mancher Club-Besucher begegnen, hat Marlene schon öfter erfahren müssen: „Viele Jungs wollen bei mir Wodka bestellen", sagt sie.

Lisa Steinhäuser, die sich als DJ Liza nennt, kennt diese Augenblicke - allerdings habe sie bislang ganz selten „wirkliche Macho-Momente erlebt", sagt sie. „Es gab ganz vereinzelt mal Situationen, in denen mir jemand beispielsweise helfen wollte, indem er zum Beispiel ins Pult gegriffen hat", sagt sie. Das sei natürlich total albern, komme dann aber auch meistens eher von anderen selbstbetitelten DJs als von Gästen. „Und Sprüche wie ,Für eine Frau spielst du aber sehr gut' habe ich auch schon gehört", sagt sie, aber das sehe sie nicht als Angriff. „Es ist doch irgendwo auch nur eine Art zu zeigen, dass man das, was jemand macht, gut findet. Wenn jemand fast nur Männer auflegen gesehen hat, warum sollte er dann nicht überrascht sein, dass eine Frau in seinen Augen das Gleiche leisten kann." Mit 14 hat Lisa elektronische Musik für sich entdeckt und ihre ersten Übergänge gemacht. Dann hat sie daheim Mixtapes aufgenommen - bis sie „wundervollen Menschen" begegnet ist, „die meine Leidenschaft für Musik gesehen und gefördert haben. Sie haben mir den Raum gegeben, mich zu entwickeln und zu entfalten, zu lernen und meinen eigen Stil zu entwickeln." Heute legt sie regelmäßig im Harry Klein auf.

Auch bei Marlene dauerte es ein bisschen, bis es zu ihrem ersten Auftritt kam. Seit sie mit 18 zum ersten Mal ins Harry Klein ging, begeistert sie sich fürs VJing. „Wenn ich mal Visuals mache, dann möchte ich hier stehen", sagte sie sich damals. Fünf Jahre später legte sie los. Heute ist sie Dauergast im Harry Klein, legt vier- bis sechsmal im Monat auf, und immer häufiger auch auf anderen Events. „Manchmal gibt es so Höllen-Wochenenden, wo man gleich drei Gigs hat", sagt sie. „Danach nehme ich mir erst mal frei."

Man könnte in die Versuchung kommen, das Auflegen und Visualisieren von lauter Musik mit angeblich männlichen Studiengängen wie Maschinenbau und Elektrotechnik zu vergleichen. Doch Auflegen ist nicht vorrangig eine Sache technischer Kompetenz, vielmehr geht es um das Gefühl für Takt und Geräusche - und um die kreative Anregung des Publikums. Doch schon die Namen DJ und VJ sind männlich geprägt. Den Damen fügen manche das Beiwort „Jane" hinzu, was sich aber nach Tarzan und Jane anhöre, statt nach geglückter Gleichstellung, findet Marlene. „Das Jane-Ding macht das Problem nur präsenter und schenkt ihm falsche Aufmerksamkeit."

Marlene und Aiko setzen lieber mit VJ-Workshops Signale - und hegen damit gleich noch einen weiteren Hintergedanken: die Videokunst stärken. Denn einige Clubs sehen VJing als beliebige Kunstform an, auf die man auch verzichten kann. Da sind Marlene und Aiko ganz anderer Meinung. Für sie gehört ein VJ zur Trinität der Clubkultur dazu: Raum, Musik und Menschen. „VJing ist ein Happening, eine spontane Improvisation, die sehr viel über unsere Zeit aussagt", sagt Aiko Okamoto. Und mittlerweile breitet sich VJing immer weiter auf andere Umfelder aus: in Theatern, Kirchen oder im urbanen Raum, etwa bei Guerilla-Mapping-Aktionen, wird Videokunst vermehrt eingesetzt. Auch große Firmen schätzen die visuelle Bespielung, etwa die Deutsche Bank, die Marlene für ihre Aftershow-Party gebucht hat.

Marlene würde gerne noch mehr auflegen, doch: „Es gibt zu wenig Jobs." Clubs für VJs sind in München überschaubar: Neben dem Harry Klein, dessen Mitbetreiber David Süß schon zu Zeiten des Ultraschall-Clubs die Videokunstszene förderte, gibt es Visuals im Feierwerk, 8below, Neuraum, 8seasons und ab und an in der Roten Sonne. Harry-Klein-Booker Peter Fleming hat eine Erklärung für das mangelnde Angebot: VJing verursache in Clubs einen Haufen Extrakosten, von der Anschaffung und Instandhaltung der Beamer über die Stromkosten bis hin zum VJ-Honorar. Deshalb arbeitet Marlene zusätzlich in Bars, in der Veranstaltungsszene und als Videokunst-Pädagogin.

Und sie organisiert gemeinsam mit Aiko den VJ-Workshop der Aktion Marry Klein: Einen Monat lang stehen nur Frauen hinter den Decks. Solche Monate veranstaltete das Harry schon 2006 und 2007. Da sich an dem weltweit ungleichen Geschlechterverhältnis bis heute fast nichts geändert hat, legt der Club jetzt nach. Das Motto: „Let's turn the tables." Dafür sucht das Harry talentierte weibliche DJs und VJs, die den Einstieg in die Techno-Welt suchen. Marlene hat diese Welt betreten und möchte sie auch nicht mehr so schnell verlassen: „Erst wenn ich 50 bin und mich keiner mehr buchen mag."

Bis zum Freitag, 31. Januar, können weibliche Nachwuchs-DJs 60-minütige House- oder Techno-Sets, oder VJs ihr Portfolio, an promo@harrykleinclub.de schicken. Werden sie ausgewählt, bekommen sie die Chance, im Harry Klein aufzulegen. Der VJ-Workshop mit Marlene Neumann und Aiko Okamoto findet am 8. März von 18 bis 22 Uhr im Harry Klein statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 12 Euro.

Foto: Stephan Rumpf

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