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Die legendäre Kreuzfahrt-Reportage von David Foster Wallace, neu aufgelegt mit Illustrationen von Chrigel Farner

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Die Hamburger blicken jeden Sommer mit rührender Freude auf die Kreuzfahrtschiffe, die den Hafen anlaufen: 220 kommen in diesem Jahr, so viele wie nie zuvor. Auch der Schriftsteller David Foster Wallace durfte 1995 für sieben Tage auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs sein, die Zenith brachte ihn in die Karibik, seine Erlebnisse beschreibt er in seinem Buch Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich. Er fand es furchtbar, und es liest sich großartig.

Wallace, der sich 2008 das Leben nahm, galt als einer der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts - er war ein Chirurg, der aus der Gesellschaft seiner Zeit das Hässliche herauspräparierte, damit wir es mit einer Mischung aus Horror und Erheiterung betrachten.

Was macht so ein Mann auf einem Luxusdampfer? Dasselbe wie alle anderen: Er trinkt ein Gläschen an der Bar, versucht sich am Tontaubenschießen und isst unglaublich viel, denn "sobald man sich einmal an sieben, acht Mahlzeiten pro Tag gewöhnt hat, mahnt der Magen pünktlich Nachschub an".

Chrigel Farner hat die Neuauflage des Buches mit seinen Illustrationen ein wenig gepolstert, damit die scharfsinnige, an der Verzweiflung entlangschrammende Beschreibung der Reiseklientel nicht allzu schneidend wirkt.

Der Leser sieht also grüne Wellen, weiße Wolkengebirge oder güldene Sonnenstrahlen, ein fast erholsames Idyll.

Doch ohne Menschen geht es auch hier nicht: Sei es der grinsende Steward, der fesche Kapitän oder die Reisegruppe beim Landgang unter Palmen - sie alle haben etwas Zombiehaftes, doch das sickert nur langsam in die Wahrnehmung ein. "Ich wollte keine offensichtliche Verachtung ausdrücken", sagt der 45-jährige Schweizer. "Das wäre mir zu plakativ. Die Bühne für Spott soll dem Text überlassen bleiben." Fiel es ihm schwer, die streckenweise ätzenden Beschreibungen der Erzählung zu lesen? "Ich sehe Wallace vor allem als genauen Beobachter", sagt Farner. "Manche Passagen mögen böse sein, aber er war kein boshafter Autor."

Er war sogar ein zärtlicher Autor, man musste ihn nur mal in Ruhe lassen. Dann zeigte Wallace einen liebevollen Blick auf das, was Menschen zu einer Kreuzfahrt bewegen könnte: die Schönheit und Weite der Natur.

Als das Schiff einmal im Hafen liegt, "treffen die Sonnenstrahlen in einem solchen Winkel auf der Wasseroberfläche auf, dass der ganze Hafen, so weit das Auge reicht, zu leuchten anfängt. Das Wasser bewegt sich in Millionen Splittern, und jeder einzelne glitzert von Zeit zu Zeit auf."

Am Ende bleibt der Wunsch, einmal mit David Foster Wallace an Deck zu sitzen, aufs Meer zu schauen und gemeinsam in wortloser Demut zu staunen.

Von Burkhard Maria Zimmermann

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