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Mike Skinner alias The Streets: "Nüchtern klinge ich einfach besser"

Ihr erstes Werk "Original Pirate Material" haben Sie noch in Ihrem Schlafzimmer aufgenommen. Nach drei Alben sind Sie vom volksnahen Rotzlöffel aus Birmingham zum wohl situierten Londoner aufgestiegen. Können Sie mit Ihren Texten überhaupt noch den Leuten auf der Straße aus der Seele schreiben?

Das Entscheidende ist, ob jemand gut schreiben kann. Durchschnittliche Menschen schreiben nicht über durchschnittliche Menschen.

In Ihrer aktuellen Single "When You Wasn't Famous" geht es darum, wie Geld Ihr Leben verändert hat. Empfinden Sie Skrupel wegen Ihres neu erworbenen Wohlstands?

Ich glaube, Briten neigen dazu, eine Art von Selbsthass zu entwickeln, wenn sie reich und erfolgreich werden. Da schimmert noch das alte Klassenbewusstsein durch: Wir fühlen uns unbehaglich, wenn wir mit Leuten zu tun haben, die in einer sozialen Schicht über oder unter uns sind. Wenn wir dann selbst einen Schritt nach oben machen, sind wir plötzlich auf einer Ebene, über die wir früher gefrotzelt haben. Amerikaner sind in dem Punkt anders. Sie lieben die Vorstellung, sich hochzuarbeiten.

Im Video zu diesem Song sehen wir Sie jetzt im apricotfarbenen Sakko und Trenchcoat durchs Bild laufen. Fühlen Sie sich zu alt für Trainingshosen und Polohemden?

Einerseits bin ich älter geworden, andererseits habe ich jetzt die Chance, den Traum meiner Kindheit zu leben: Das war in den Achtzigern, und ich wollte immer sein wie die Leute von "Miami Vice". Ich liebe diesen Look, die Sakkos mit den hochgekrempelten Ärmeln!

Sie wirken gereift, mittlerweile kommen Sie sogar nüchtern auf die Bühne...

Ich glaube, das klingt einfach besser. Selbst wenn man solche Musik macht wie meine.

Sind Sie vernünftig geworden?

Für dieses Jahr habe ich mir viel vorgenommen: Ich mache mit den Leuten von der Plattenfirma die Vermarktung des neuen Albums. Deswegen bin ich auch verantwortlich für die Karrieren anderer Menschen. Das ist viel Arbeit, und ohne einen gesünderen Lebensstil würde ich das nicht überleben.

Wir dachten schon, Sie wollten jungen Menschen als gutes Vorbild dienen...

Es ist ein Mythos, dass Jugendliche sich an Leuten wie mir orientieren. In den Texten der Musik, die ich früher gehört habe, wurden Leute erschossen, trotzdem habe ich niemanden erschossen - weil es für mich nicht akzeptabel ist, Leute umzubringen. Vorbilder finden junge Menschen in ihrem wirklichen Leben. Musik wie meine liefert ein Refugium, zu dem sie Zuflucht nehmen.

Oft sind es Politiker, die versuchen, eine Vorbildrolle zu ergattern. Vertrauen Sie ihnen?

Unsere Gesellschaft ist sehr komplex, deshalb gibt es Politik. Ich muss Politikern vertrauen, schließlich bin ich Teil dieses Systems. Es kann ja nicht jeder alles selbst machen.

Haben Sie bei der letzten britischen Parlamentswahl Ihre Stimme abgegeben?

Lassen Sie mich überlegen... Wie viele Wahlen gab es denn, seitdem ich volljährig bin - eine? Oder zwei? Bei der letzten war ich in Australien, glaube ich.

Die Kirche jedenfalls ist keine Institution, der Sie vertrauen, wie wir Ihrem neuen Stück "Never Went To Church" entnehmen.

Ich glaube daran, dass jeder sein Schicksal selbst bestimmt. Meine Weltanschauung ist nicht besonders romantisch: Wer unglücklich ist, soll sein Leben ändern. Religion ist nur eine Krücke, die dafür sorgt, dass Menschen sich besser fühlen.

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine tödliche Krankheit, und es gibt zwei Medikamente dagegen. Jedes hat eine Nebenwirkung: Das eine nimmt Ihnen Ihr Gehör, das andere macht es Ihnen unmöglich, jemals wieder einen Orgasmus zu haben. Ihre Wahl, bitte.

Da gibt es nichts zu überlegen: Keine Orgasmen mehr! Mein Gehör zu verlieren ist die größte Angst meines Lebens - letztes Jahr war ich schon so weit, dass ich in eine Klinik gegangen bin um mein Gehör untersuchen zu lassen, weil ich dachte, ich würde taub. Mit meinen Ohren war aber alles in Ordnung, ich bin in dem Punkt einfach paranoid. Dieses Leben für die Musik und von der Musik, diese schöpferische Freiheit - all das steht und fällt mit meiner Fähigkeit zu hören.

Und Sie haben noch viel vor: Auch der amerikanische Markt ruft nach Ihnen.

Es ist schwierig, im Mainstream erfolgreich zu sein, ohne in den USA Fuß zu fassen. Bislang läuft es dort für mich ganz gut - letztes Jahr habe ich Snoop Dogg getroffen, Gwen Stefani ist seit langer Zeit ein Fan von mir. Schon für dieses Album waren Aufnahmen mit amerikanischen Künstlern geplant, aber letzten Endes fehlte dafür die Zeit.

Das klingt, als würden all Ihre Träume wahr.

Das stimmt, aber es bleibt Entertainment - so viel glücklicher wird das Leben davon gar nicht. Es macht einfach Spaß.

Das Interview führte Burkhard Zimmermann.


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