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Gefräßige Naturgestalter auf den Rieselfeldern | rbb Rundfunk Berlin-Brandenburg

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Der alte Speicher in Hobrechtsfelde.

Einst wurden auf den Rieselfeldern rund um Hobrechtsfelde die Berliner Abwasser abgeladen. Jetzt entsteht dort ein Naherholungsort für die Großstädter. Bei der Pflege von Weiden und Wäldern sind auch Wildrinder und -pferde im Einsatz. Für dieses Projekt wurde nun Bilanz gezogen. In Zukunft gelten strengere Regeln für die Viecher, neue Pläne gibt es auch für alte Gebäude. Von Björn Haase-Wendt


Genüsslich frisst sich eine Wildpferdherde durch die Wiesen rund um Hobrechtsfelde (Landkreis Barnim). Es sind nur einige der insgesamt etwa 240 Wildpferde und -Rinder, die seit August 2011 auf den Rieselfeldern im Nordosten Berlins unterwegs sind. Vor vier Jahren wurde zwischen Berlin-Karow und dem Bernauer Ortsteil Schönow ein bundesweit einmaliges Projekt gestartet - die Schaffung einer Waldweidelandschaft mithilfe der vierbeinigen Naturgestalter. "Die Tiere sollten dazu beitragen, dass die Landschaft nicht weiter zuwächst. Nach all den Jahren Rieselfeldnutzung und Aufforstung wachsen dort auch nicht gewollte Pflanzenarten", erklärt Projektleiter Andreas Schulze vom Naturpark Barnim.

Rieselfelder für Berliner Abwasser

Die Rieselfeldlandschaft rund um Hobrechtsfelde hat seit jeher eine wichtige Bedeutung für die Großstadt. Bis Mitte der 80er-Jahre wurden dort die Berliner Abwässer vorgeklärt und versickert. Darauf folgten die Aufforstung der kahlen Felder und jetzt die Schaffung eines Naherholungsgebiets, dass Naturschutz und Waldbewirtschaftung verbindet.

Dabei sollte vor allem ein neuer Landschaftstyp entstehen: eine halboffene Wald-Weidelandschaft, die vielfältige Lebensräume bietet. Mit ihrem gesunden Appetit und ihrem Tritt verdrängen die Konik- und Fjordferde sowie die Hochland- und Parkrinder ungewünschte Sträucher und Büsche. Und sichern so die Lebensräume für Insekten und Käfer, aber auch für bedrohte Vogelarten, wie dem Wendehals. "Die Pferde und Rinder haben geschafft, dass die Biodiversität der Fläche erhöht wurde", sagt Peter Gärtner, Leiter des Naturparks Barnim.

Projektförderung ist beendet

Rund 3,9 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren unter anderem vom Bundesamt für Naturschutz, dem Naturschutzfonds Brandenburg und dem Land Berlin investiert, um das Erprobungsprojekt voranzutreiben. Mit den Geldern wurden Zäune errichtet, die Tiere angeschafft und eine touristische Infrastruktur aufgebaut. Zudem wurde damit die wissenschaftliche Begleitung des Vorhabens durch die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde finanziert.

Ende März ist die Projektförderung ausgelaufen. Das zuständige Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist mit den ersten Ergebnissen durchaus zufrieden und hebt die intensive Zusammenarbeit der Projektpartner hervor. "Die Zusammenarbeit führt zu den erhofften Synergien zwischen Forstwirtschaft, Naturschutz und Naherholung", sagt Peter Finck, zuständiger Fachbetreuer im BfN und fügt an: "Durch die Beweidung hat der Artenreichtum zugenommen. Zudem konnten die flächendeckenden Dominanzbestände von Landreitgras und Quecke aufgebrochen werden."

Projekt wird neu justiert für die Zukunft

Nicht gelungen ist aus Sicht des Bundesamtes das Zurückdrängen des Eschenblättrigen Ahorns, einer Baumart, die vor allem in Nordamerika heimisch ist und in der Rieselfeldlandschaft Probleme bereitet. Hier sind weitere Maßnahmen durch die zuständigen Förster notwendig.

Die Berliner Forsten und der Naturpark Barnim halten weiterhin am Projekt fest und einigten sich auf eine Fortführung, allerdings mit leichten Veränderungen. So wird es im Bucher Hochwald entlang der Hobrechtsfelder Chaussee keine Weidetiere mehr geben. "Zum einen, weil die Tiere einen Großteil des Geländes nicht genutzt haben. Zweitens gab es Proteste bei der Einzäunung und andererseits gibt es dort auch einen Parkplatz. Die Tiere wurden gefüttert und so waren die Tiere dort immer anzutreffen, ohne dass sie den Wald beweidet haben", erklärt Lutz Wittich, Bereichsleiter Forstbetrieb bei den Berliner Forsten. Künftig werden dort also die Zäune wieder zurückgebaut. Zudem wird der Bestand an Pferden etwas verringert, denn sie waren in den vergangenen Jahren etwas zu gefräßig und knabberten an Bäumen, die für die forstliche Nutzung wachsen sollten. Geleitet wird das Projekt künftig von den Berliner Forsten, die auch die Kosten im rund sechsstelligen Bereich tragen. "2015 ist gesichert, wie es nächstes Jahr weiter geht, müssen wir schauen. Der Haushalt steht noch nicht und eventuell müssen wir die Beweidung dann neu ausschreiben", erklärt Wittich.

Brandenburger Produkte im alten Speicher?

Die Barnimer Naturparkverwaltung will sich hingegen auf die Entwicklung des Guts Hobrechtsfelde fokussieren. So wird die Ausstellung im alten Speicher bislang zu wenig genutzt. Um mehr Besucher anzulocken, soll unter anderem der alte Gutshof wieder wirtschaftlich genutzt werden. "Wir denken an die Vermarktung Brandenburger Produkte nach Berlin rein", so Naturparkleiter Peter Gärtner. Mit im Boot ist bereits die Lobetaler Biomolkerei. Weitere Kooperationen sind mit der Agrargesellschaft aus Hobrechtsfelde und den Berliner Stadtgütern geplant. Auch eine gastronomische Nutzung und Angebote für Kinder sind im Speicher angedacht. "Das ist nicht ohne Geld gemacht. Deshalb sind wir derzeit auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten", fügt Gärtner hinzu.

Besucher können trotz Änderungen weiterhin die Tiere und die Landschaft auf rund 700 Hektar erleben. Wanderwege sind ausgeschildert und die Flächen sind über 50 Tore zugänglich. Karten zur Orientierung liegen an den Parkplätzen rund um Hobrechtsfelde aus.

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