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Harburg: Kindergarten auf dem Bauernhof - echt Niedersachsen

Aufmacher 2

Auf dem Wilkenshoff in Hollenstedt, in der Nähe von Hamburg, gibt es nicht nur Kühe und Schweine, sondern auch einen Kindergarten. Die 47 Kinder erleben Landwirtschaft aus nächster Nähe.

Schon die Anfahrt zum Bauernhofkindergarten verspricht Landidylle. Links und rechts der Landstraße erstrecken sich Felder, Wald und Weiden soweit das Auge reicht. Der Wilkenshoff selbst liegt in Ochtmannsbruch, einem kleinen Dorf in Mitten der Samtgemeinde Hollenstedt, 30 Autominuten vor den Toren Hamburgs. Schon in 13. Generation betreibt Ulrike Cohrs hier den elterlichen Hof – mit alten Nutztierrassen, Biolandwirtschaft, einer Streuobstwiese, einem kleinen Hofladen und eben einem Kindergarten.

Bauerhof mit Kindergartenatmosphäre

Vom Bauernhofkindergarten sieht man auf den ersten Blick nur wenig. Ein Trecker fährt langsam über den gepflasterten Hof, aus dem Stall hört man das Muhen der Kühe. Nur ein kleines, weißes Schild an der historischen Fachwerkfassade verrät „Bauernhofkindergarten Wilkenshoff“. Erst wenn man die grüne, knarzende Holztür aufstößt, trifft man auf typische Kindergartenatmosphäre. Bunte Gummistiefel stehen vor niedrigen Holzbänken, dahinter hängen feinsäuberlich aufgereiht Matschhosen und Regenjacken. Das schwarze Brett verrät umgehende Kinderkrankheiten, das Essen der Woche und einen anstehenden Elternabend-Termin.


Historisches Bauernhaus nutzen

Ein Kindergarten auf dem Bauernhof, zwischen Tieren und Treckern? Vor zehn Jahren klang das noch wie eine fixe Idee. Gerade waren die Eltern von Ulrike Cohrs in ihren Altenteil gezogen. Die Landwirtin mit den braunen Haaren und den wachen Augen selbst lebt mit ihrer Familie im Häuslingshaus. Das große Bauernhaus stand nun leer.

Um das historische, über 360 Jahre alte Gebäude zu erhalten, musste eine sinnvolle Nutzung her. Auf die Idee mit dem Kindergarten brachte sie Karin Toma, eine Studienkollegin und ehemalige Mitbewohnerin. Gerade hatte sie ihre Diplomarbeit über die Umsetzung einer Kindertagesstätte auf einem Bauernhof geschrieben. Zusätzlichen Anschub gab ein Förderprogramm für Diversifizierung vom Land Niedersachsen. Gefördert wurde dabei der Umbau von historischen Bauernhöfen für eine zusätzliche, wirtschaftliche Nutzung – Ferienwohnungen, Ateliers oder Gewerbeflächen.

Von einem Bauernhofkindergarten hatten die Sachbearbeiter im Landwirtschaftsministerium noch nichts gehört. Trotzdem bekam Cohrs die nötige Förderung für den Umbau. Immerhin versprach die Vermietung an den extra gegründeten Elternverein solide Einnahmen.


Landkindheit inklusive

Das Geld war für die Cohrs ein netter Nebeneffekt um Gebäude zu erhalten, aber keinesfalls das Hauptargument. „Ich hatte hier auf dem Hof eine idyllische Landkindheit. Umso reizvoller fand ich die Chance, auch anderen Kindern die Landwirtschaft mit Tieren und Pflanzen nahezubringen“, erklärt Ulrike Cohrs. Erfahrungen mit allen Sinnen nennt sie das pädagogische Konzept. Wie echte Bauern sind die Kinder bei Wind und Wetter draußen. Sie pflanzen und ernten Gemüse, füttern jeden Morgen die Hühner hinter den Gruppenräumen oder spielen einfach auf dem großzügigen Außengelände.


Kochen mit Kindern

Auch gemeinsames Kochen gehört zum Alltag im Hollenstedter Bauernhofkindergarten. Liefern in anderen Kitas Caterer das Essen, bereiten auf dem Wilkenshoff die Kinder gemeinsam mit den Erziehern das Frühstück vor. Sie mahlen Korn für das Müsli oder kneten Teig für die Brötchen. Das Mittagessen wird ebenfalls aus hofeigenen Produkten gekocht, einmal pro Woche mit helfenden Kinderhänden. „Die Kinder bekommen bei uns ein Gefühl für saisonale Produkte, im Winter gibt es mehr Kohl, im Sommer alte Apfelsorte von der Wiese. Auch bei der Aussaat und Ernte sind sie dabei. So entwickeln sie ganz eigenen Bezug für Ernährung und landwirtschaftlichen Rhythmus“, sagt Kindergartenleiterin Nicole Rössner.


Schweine füttern, Kälbchen besuchen

Gerade steht die Pädagogin mit mehreren Kindern vor dem Kuhstall. Die Mütterkühe sind seit einigen Wochen im Stall. Zwei Mitarbeiterinnen lösen einen großen Rundballen und verteilen das frischen Heue aus dem Boden. Erwartungsvoll stehen die weißen Kühe mit dem lockigen Fell drumherum, interessiert beobachtet von einem Dutzend Nachwuchsbauern in Gummistiefeln. Heute haben sie eine Bauernstunde. Alle zwei Wochen bekommen sie dabei Einblick in die Landwirtschaft. Sie füttern Schweine oder besuchen die kleinen Kälbchen. So viel Naturerlebnis kommt nicht nur bei den Kindern gut an. „Wir haben vielleicht den Nerv der Zeit getroffen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder wissen, woher die Lebensmittel kommen oder wie Kühe geboren werden. Auch die gesunde Ernährung ist ein wichtiges Thema für viele Familien“, sagt Nicole Rössner.


Bauernhofkindergarten boomt

Das Interesse am Kindergarten auf dem Bauernhof wird auch in den Strukturen deutlich. Aus dem ehemaligen Elternverein ist inzwischen eine Genossenschaft geworden, regelmäßig bekommen Cohrs und ihre Kolleginnen Anfrage von anderen Kita-Vereinen und Landwirten.

Gerade erst wurde ein weiteres, altes Stallgebäude renoviert und bietet nun Platz für eine Krippengruppe mit zehn Kinder zwischen 0 und 3 Jahren und eine altersübergreifende Familiengruppe. Alle neugeschaffenen Plätze sind längst vergeben, die Warteliste gut gefüllt.


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