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New Work: Schöne neue Arbeitswelt?

New work auf dem weg zur neuen arbeitswelt

Eigentlich hätte es nicht besser laufen können. Innerhalb von zehn Jahren machten Nicolaj Armbrust und Sebastian Mastalka aus ihrem Studenten-Start-up ein erfolgreiches Unternehmen mit über 130 Mitarbeitern und satten Gewinnen. Über ihr Portal „Traumferienwohnungen.de" werden heute knapp 100.000 Ferienwohnungen in über 70 Ländern anboten - Tendenz steigend. Für die Vermarktung zahlen die Vermieter eine Jahresgebühr. Doch mit dem Erfolg entstanden auch „ungeahnte" Probleme. Entscheidungswege wurden immer länger, die Kommunikation zusehends träge. Die plötzlich starren Unternehmensstrukturen bereiteten den beiden Gründern Bauchschmerzen. 2015 entschieden sie sich deshalb zu einer radikalen Wende. Fachabteilungen wie Marketing, Vertrieb oder Produktmanagement wurden aufgelöst, sämtliche Leitungspositionen abgeschafft. Stattdessen entstanden autonome Teams, die sich um private und gewerbliche Vermieter oder die Urlauber kümmern. Darin arbeiten Entwickler, Kundenbetreuer und Marketingexperten gemeinsam. Klassische Hierarchien gibt es nicht mehr, stattdessen zählen gute Argumente und Ideen. Alle wichtigen Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.

So „revolutionär" der Schritt erscheint, umso deutlicher lässt er auch einen Wandel erkennen. Immer mehr Unternehmen entfernen sich bewusst von den traditionellen Regeln der Arbeitswelt. Regulierte Arbeitsstrukturen, feste Anwesenheitszeiten und klare Entscheidungsrollen gelten in der „New Work"-Bewegung als Relikte der Vergangenheit. Begünstigt wird dieses Umdenken durch die Möglichkeiten der Digitalisierung. Cloud-Anwendungen, Smartphone und Laptop machen viele Tätigkeiten unabhängiger von Ort und Zeit. Im vergangenen Jahr arbeiteten bereits 54 Prozent der Deutschen vorwiegend oder sogar ausschließlich mobil an wechselnden Arbeitsplätzen. „Gerade für die Kopfarbeiter wurde das Berufsleben in den vergangenen Jahrzehnten flüssiger und flexibler. Man muss nicht mehr jeden Tag ‚9 to 5' ins Büro gehen und am Schreibtisch sitzen", sagt Markus Albers, New-Work-Experte und Bestsellerautor.

Doch Homeoffice und flexible Arbeitszeiten sind erst der Anfang. New-Work-Vorreiter wie die Bremer Traumferienwohnung, Einhorn-Kondome aus Berlin oder die Hamburger Agentur Elbdudler gehen noch weiter. Sie setzen auf die Eigenverantwortung ihrer Mitarbeiter. Diese können ihre Arbeitszeiten flexibel gestalten, haben die Wahl zwischen Homeoffice oder Büro, und Hierarchien weichen den Ideen des Kollektivs. Gehälter werden im Konsens verhandelt, auch feste Urlaubsregelungen gibt es nicht.

Mehr Mitbestimmung und Autonomie

Natürlich geht dieser Kulturwandel nicht nur von Unternehmen aus. „Gerade junge Menschen wollen ihr Leben nicht mehr nur der Arbeit unterordnen und suchen stärker nach einem Sinn von Arbeit", erklärt Albers. Dazu gehöre auch der Wunsch nach mehr Mitbestimmung und Autonomie bei der Arbeitsgestaltung. Traditionelle Statussymbole wie ein großer Dienstwagen oder Einzelbüros verlieren dagegen zunehmend an Wert. In Zeiten des Fachkräftemangels tun die Arbeitgeber gut daran, sich auf die neuen Ansprüche der Young Professionals einzustellen. Nicht umsonst haben Dax-Unternehmen wie etwa die Deutsche Telekom New-Work-Programme geschaffen und ermöglichen ihren Beschäftigten heute ortsunabhängiges Arbeiten oder Jobsharing-Modelle. Selbst eher traditionelle Betriebe wie die Sparda-Bank in Berlin ziehen mit. Sie eröffnete gerade in Frankfurt/Oder einen Coworking-Space. Dort können nicht nur junge Gründer oder Freelancer arbeiten, sondern auch Bankmitarbeiter, die sonst aus dem Berliner Umland in die Zentrale pendeln müssten.

So innovativ und modern diese Ansätze erscheinen, ganz geräuschlos verläuft der Wandel der Arbeitswelt nicht. Auch wenn Hierarchien und Strukturen die Kreativität und die Flexibilität einschränken mögen, geben sie doch auch Sicherheit und Verbindlichkeit, die viele Menschen in ihrem Arbeitsalltag schätzen. „Mehr Autonomie am Arbeitsplatz ist erst mal eine Herausforderung. Disziplin und Selbstorganisation sind viel stärker gefragt als früher. Auch der Austausch untereinander und die Transparenz von Entscheidungen in einem Unternehmen werden wichtiger", erklärt der Wirtschaftspsychologe Achim Hensen.

Herausfordernder Wandlungsprozess

Hensen hat den einjährigen Wandlungsprozess bei Traumferienwohnung zusammen mit Kollegen begleitet. Heute gibt es Sitzsäcke, Hängematten und bunte Sessel, gearbeitet wird überall. Dank Laptops sind die Arbeitsplätze flexibel. Es gibt Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten und Konferenzräume für den Austausch. Deutlich aufwendiger war aber der eigentliche Kulturwandel. So mussten sich die Teams selbst über Urlaubsregelungen, passende Kommunikationstools oder Arbeitsformen abstimmen. Am Anfang gab es zum Beispiel sehr viele Mitarbeiter, die im Homeoffice arbeiteten. Viele kehrten nach wenigen Wochen zurück ins Büro, andere fanden darin einen besseren Weg zu arbeiten. Gleichzeitig mussten neue Wege für die Kommunikation und das gemeinsame Arbeiten gefunden werden. Zum Beispiel führten die Teams den Instant-Messaging-Dienst Slack ein, um die Zahl der internen Mails zu reduzieren und die digitale Kommunikation zu verbessern. Um gemeinsam und ortsunabhängig an Dokumenten arbeiten zu können, nutzen sie heute Cloud-Dienste. In Meetings schalten sich Mitarbeiter im Homeoffice per Videochat zu. Hensen spricht von einer schwierigen, aber sehr produktiven Reise, auch wenn diese nicht alle Mitarbeiter mitmachen wollten. Manche konnten sich mit der neuen Verantwortung nicht anfreunden, andere waren nicht bereit, die Aussicht auf eine Führungsposition aufzugeben.

Zum Glück blieben die allermeisten dabei. Eine von ihnen ist Laura Löftering. 2012 stieg sie bei Traumferienwohnung ein und baute damals die Vertriebsabteilung auf. Vor der Umstrukturierung war sie sogar Teamleiterin. „Ich habe mich nie als klassische Führungskraft gesehen, die auf Hierarchien besteht. Schon früher wurde in meiner Abteilung viel im Team entschieden", erzählt die studierte Tourismusmanagerin. Ihre Arbeit im Vertrieb gab sie auf. Inzwischen kümmert sie sich um das Thema Zusammenarbeit und ist eine wichtige Ansprechpartnerin für die Teams bei Gehaltsverhandlungen oder Konflikten. Nicht nur die neuen Aufgaben reizen sie. „Ich genieße die freiere Art des Arbeitens. Ich habe keinen klassischen Alltag, sondern kann mir meine Projekte und Zeiten viel stärker selbst einteilen und suchen", berichtet sie. Im Homeoffice arbeitet Löftering dabei eher selten, der direkte Austausch mit den Kollegen und der „Trubel" im Büro sind ihr lieber. Sie nutzt ihre Freiheiten anders - zum Beispiel für ausgedehnte Reisen rund um die Welt. Erst im vergangenen Jahr war sie drei Monate mit dem Rucksack unterwegs. „Ich habe dafür in vielen Projekten vorgearbeitet. New Work hat schließlich wenig mit ‚Hippietum' zu tun. Auch bei uns zählen die Leistung und Verkaufszahlen. Man hat aber mehr Freiheit, die gesteckten Ziele zu erfüllen", sagt sie.

Stress durch Dauererreichbarkeit

Genau dieses Spannungsfeld zwischen Freiheit und Leistung kann durchaus zu Problemen führen - vor allem dann, wenn New-Work-Ideen auf alte Werte der Arbeitswelt treffen. Jahrzehntelang standen die Mitarbeiter ihren Firmen zu festen Zeiten zur Verfügung. Ihr Privatleben ordneten sie der Arbeit unter. Diese Ansprüche übertragen sich in vielen Firmen auch auf die digitale Verfügbarkeit. Plötzlich wurde es Konsens, spätabends noch einmal Mails zu checken und am Wochenende von zu Hause aus an einem Projekt zu arbeiten. Vor den Folgen warnen Gewerkschaften und Krankenkassen. Die Zahl der psychischen Erkrankungen und stressbedingten Arbeitsausfälle ist deutlich gestiegen. „Wir haben uns zwar von Anwesenheitspflichten und 9-to-5-Strukturen befreit, sind aber zunehmend durch die ständige Erreichbarkeit und digitale Dauer-Kommunikation gestresst", schreibt auch Albers in seinem neuen Buch „Digitale Erschöpfung". Ein weiteres Problem sieht er in der Gestaltung von Arbeit. Der moderne Wissensarbeiter verbringt 75 Prozent seiner Arbeitszeit mit Kommunikation und Meetings, da bleiben nur 25 Prozent für die konzentrierte Arbeit. Diese Verteilung hemmt die Produktivität und sorgt zusätzlich für Stress. Einen Grund, an dem Wandel der Arbeitswelt zu zweifeln, sieht der New-Work-Experte trotzdem nicht. „Mit den digitalen Technologien entstehen immer neue Möglichkeiten. Mit diesen umzugehen müssen wir erst einmal lernen", sagt er. Zu diesem Lernprozess gehörten eben nicht nur die Entdeckung neuer Formen der Zusammenarbeit oder der Umgang mit Künstlicher Intelligenz, sondern auch das Ziehen von Grenzen und das richtige Maß an Kommunikation.

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