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Lehrermangel: Haben sie's endlich gelernt?

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Im ganzen Osten fehlen ausgebildete Lehrer. In Sachsen ist die Lage besonders dramatisch. Der Grund dafür: Beeindruckende politische Fehlplanung


Neulich wurde Christian Piwarz so kleinlaut, wie man das von Politikern seines Ranges eigentlich nicht gewohnt ist. "Ernüchternd" seien die Zahlen, die er zu präsentieren habe, sagte Sachsens CDU-Kultusminister, und: "Es ist fünf nach zwölf." Das Problem, das Piwarz erklären musste: Sachsen findet nicht genügend Lehrer. Besser gesagt: Sie fehlen an allen Ecken und Enden.

Dabei wäre schon allein der Umstand unbefriedigend, dass jetzt, zu Beginn der zweiten Schuljahreshälfte, bei Weitem nicht alle offenen Lehrerstellen besetzt werden konnten. Dramatisch wird die Sache durch eine andere Zahl: Von jenen 622 Lehrkräften, die neu eingestellt wurden, sind in Sachsen fast zwei Drittel nicht für den Job ausgebildet - insgesamt 385. Sie haben irgendetwas anderes studiert, im Glücksfall das Fach, das sie lehren. Pädagogen sind sie meist nicht. Sondern "Quereinsteiger".

Hat die staatliche Planung versagt?

Der sächsische Fall ist besonders delikat. Aber auch die anderen Ostländer leiden unter Lehrermangel: Nur 175 von 245 offenen Stellen konnten in Sachsen-Anhalt besetzt werden. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Quereinsteiger-Quote bei 16,4 Prozent, in Brandenburg immerhin bei 12,7 Prozent. Sind die Ostländer für junge Pädagogen so unattraktiv? Oder hat vielmehr die staatliche Planung versagt?

Die Sache erklärt sich am besten am sächsischen Beispiel. Die Geschichte von Sachsens Lehrermangel beginnt im Jahr 1990. Damals gab es rund 600.000 Schüler. Diese Zahl halbierte sich - binnen weniger Jahre. Die Lehrer aber blieben, sagt Sabine Friedel, bildungspolitische Sprecherin der SPD im Sächsischen Landtag: Ihre Vollzeit- wurden einfach in Teilzeitstellen umgewandelt. Vor 25 Jahren also hatte man in Sachsen ein heute undenkbares Problem: Es gab zu viele Lehrer.

"Man hat sogar dann noch Stellen abgebaut, als schon klar war, dass bald wieder mehr Schüler kommen würden." Sabine Friedel, bildungspolitische Sprecherin der SPD im Sächsischen Landtag

Seit reichlich zehn Jahren aber, seit 2006, steigt die Zahl der Schüler wieder. "Damals", sagt Friedel, "hat man dann den Fehler gemacht, keine neuen Lehrer einzustellen, geschweige denn welche auszubilden. Stattdessen hat man Stellen sogar dann noch abgebaut, als schon klar war, dass bald wieder mehr Schüler kommen würden." Viele Lehrer gingen in Rente, sie wurden nicht ersetzt, und an den Unis entstanden keine neuen Studienplätze - das sollte sich später rächen.

Friedel hält all das für eine Art politischer Kurzsichtigkeit. Die SPD-Frau erzählt die Geschichte so freimütig, weil ihr Koalitionspartner, die CDU, all die Jahre nicht nur regiert, sondern auch den Kultusminister gestellt hat - in Sachsen durchgehend seit 1990. Auch die Lehrergewerkschaften schimpfen deshalb auf die Union: "In Sachsen hat es Tradition, Lehrer schlecht zu behandeln", hört man dort, "man hat nicht nur zu wenig eingestellt, sondern auch lange Zeit deutlich schlechter als in anderen Bundesländern gezahlt."

Sag mir, wo die Lehrer sind

Welche Ost-Bundesländer es besonders schwer haben, Pädagogen zu finden

Früher hätte Sachsens CDU sich gegen solche Kritik vermutlich verwahrt. Aber in der neuen Christian-Piwarz-Zeit ist man bekanntlich kleinlaut. Weshalb Lothar Bienst, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, direkt eingesteht: Ja, man sei in der Vergangenheit "Fehleinschätzungen" unterlegen. "Wir dachten, dass die Einwohnerzahl in Sachsen sinken würde." Weniger Einwohner hieße weniger Schüler. Deshalb habe man auch nicht damit gerechnet, mehr Lehrer einstellen zu müssen. Vielmehr sei man davon ausgegangen, dass in den anderen Bundesländern zu viele ausgebildet würden. "Wir dachten, dass die Absolventen dann an unserer Tür stehen - das war aber leider nicht so."

Doch nun haben die Dinge sich geändert. Seit einiger Zeit - und hier wären wir beim Kalkül hinter Biensts und Piwarz' Understatement - kämpft die CDU mit neuer Strategie. Die Partei, die in Sachsen stets aufs Sparen versteift war, will jüngere Lehrer künftig verbeamten.

1,7 Milliarden Euro sollen in den nächsten fünf Jahren für die Lehrer ausgegeben werden. Alle unter 42 Jahren können verbeamtet werden. Für SPD und Gewerkschaften ist das allein noch keine Lösung, sie sagen: Auch die anderen Ostländer würden längst verbeamten, aber sie hätten weiterhin Probleme. CDU-Mann Lothar Bienst entgegnet: "Wir erhoffen uns von der Verbeamtung einen Klebe-Effekt." Das schöne Wort meint die Hoffnung, dass Studenten nach der Ausbildung nicht mehr so häufig in andere Bundesländer gehen. Außerdem böte eine Verbeamtung die Chance, Lehrer aufs Land zu schicken, wo sie dringend gebraucht würden. "Beamte lassen sich besser lenken als Angestellte", so Bienst. Anders gesagt: Sie lassen sich leichter versetzen.

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Wer sich in Mecklenburg-Vorpommern umhört, wo eben schon länger Lehrer verbeamtet werden, der hört aber auch, dass dieses Instrument allein nicht die ultimative Lösung ist. Man hat hier eine andere Idee ersonnen: Dieses Jahr war die Bewerberlage gut - weshalb deutlich mehr Lehrer eingestellt wurden als nötig. So werden Stellen schon im Voraus besetzt, wenn absehbar ist, dass sie in näherer Zukunft frei werden. Das Geld dafür ist da, weil der jetzige Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) einst Bildungsminister war - und das Problem kennt. Nicht nur Schüler können also lernen, sondern auch Regierungen.

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