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“Wissenschaftlich zu denken ist demokratisch”


Professor Dr. Michael J. Thompson hat ein Sammelband herausgegeben, in dem die Autoren sich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit Wissenschaftsfeindlichkeit ein Angriff auf die Demokratie ist. In den 13 Beiträgen geht es um das Erheben des Experten zur vermeintlichen Elite, Pseudowissenschaften und um die ganz entscheidende Frage, warum es für eine freie Gesellschaft wichtig ist, die Vernunft zu verteidigen. Im Interview erklärt Thompson, was Demokratie und Wissenschaft gemein haben und was auf dem Spiel steht, wenn Populisten die Wissenschaft angreifen.

In den vergangenen Monaten, vor allem nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, wurde viel über Wissenschaftsfeindlichkeit gesagt. Sie haben jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem Sie sich mit Wissenschaftsfeindlichkeit und der Demokratie beschäftigen. Warum jetzt?
Es wurde tatsächlich viel über die Wissenschaftsfeindlichkeit gesagt, aber nicht so viel darüber, wie sich diese Wissenschaftsfeindlichkeit auf unsere Demokratie auswirkt. Im Prinzip ist die wissenschaftsfeindliche Bewegung in Amerika nichts neues. Klimaskeptiker und Impfgegner gab es auch schon in den vergangenen Jahrzehnten. Neu ist, dass diese Wissenschaftsfeindlichkeit im viel größeren Maße Fuß gefasst hat, sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft. In der Politik hat sich eine wissenschaftsfeindliche Rhetorik verfestigt und in der Gesellschaft eine wissenschaftsfeindliche Haltung. Gegen das Impfen zu sein, Leugner des Klimawandels zu sein, ist zu einer Haltung avanciert. Und das ist beängstigend, weil es die Demokratie gefährdet. Ich bin davon überzeugt, dass die aktuellen wissenschaftsfeindlichen Sichtweisen zu der politischen Krise in den USA beigetragen haben.

Gilt das nur für die USA?
Hier ist das Phänomen besonders ausgeprägt, aber es beschränkt sich nicht nur auf die USA.

Kann man Gruppen in unserer Gesellschaft ausmachen, die besonders wissenschaftsfeindlich sind?
Nein, eigentlich nicht. Die Wissenschaftsfeindlichkeit zieht sich durch weite Teile der Bevölkerung. Von den Rechten wird die Wissenschaft als Bedrohung für Traditionen, die Religion und die hierarchischen Machtverhältnissen innerhalb von Familien betrachtet. Nicht wenige Linke halten die Wissenschaft für eine Maske der Macht oder auch für eine Ideologie oder auch für einen sozialen Konstrukt. Die Wissenschaft als einen Diskurs zu betrachten, den man wie jeden anderen Aspekt der menschlichen Kultur behandeln kann, hat weite Teile der Gesellschaft erreicht und das ist bedenklich.

Welche Bedeutung haben die Filter-Blasen bei diesem Prozess?
Sie haben eine sehr große Bedeutung. Mit dem Internet wurden sämtliche Formen der redaktionell ausgewählten, bearbeiteten und veröffentlichten Informationen zerstört. Man sieht nur noch die Dinge, die man sehen will und wird in der Blase nur bestärkt. Es ist leicht im Internet Dinge zu finden, die nur das bestätigen, was man eh schon glaubt. Diesen Effekt finden wir nicht nur im politischen Kontext, ob links oder rechts oder in irgendwelchen Formen von Rassismus und Diskriminierung, sondern auch bei Themen, die die Wissenschaft betreffen. Menschen sind einfach keinen andersartigen Ideen mehr ausgesetzt. Das Internet und speziell die sozialen Medien haben das, was wir seit der Aufklärung als öffentlichen Raum wahrnehmen, unterminiert.

Was meinen Sie, warum ist es zu dieser wissenschaftsfeindlichen Entwicklung gekommen?
Ich glaube, dass diese Entwicklung verschiedene Ursachen hat. Eine Ursache kann man in der Geschichte finden. Während des Kalten Krieges gab es Feinde, mit denen man in Sachen Forschung und Wissenschaft in Konkurrenz stand. Das hat das Standing von Wissenschaft enorm verbessert. Wissenschaft wurde ernst genommen und an den Schulen gelehrt. Mit dem Ende des Kalten Krieges ist diese Feindbild zusammengebrochen und damit auch ein stückweit das Renommee von Wissenschaft. Ganz entscheidend zu dieser wissenschaftsfeindlichen Entwicklung beigetragen hat aber auch die Konsumgesellschaft. In einer Konsumgesellschaft ist gewollt, dass Menschen Subjektivität und Selbstentfaltung wichtig ist. Das mündet in Glaubensfragen, in Spiritualität, was komplett konträr zum wissenschaftlichen Denken ist. Ein weiterer Grund ist die Entfremdung in unserer technologisierten Gesellschaft. Moderne Gesellschaften werden immer komplexer und erfordern ein technokratischeres Management. Es gibt weniger zwischenmenschlichen Kontakt. Das verunsichert die Menschen und ruft bei ihnen das Gefühl hervor, zu etwas zurückkehren zu müssen, das sie kennen oder von dem sie denken, dass sie es kennen. Man verwehrt sich gegenüber dem Neuen. Durch den fehlenden persönlichen Kontakt kommt es außerdem zu einer Erosion der bürgerlichen und demokratischen Praktiken und Denkweisen. Ein dritter Punkt, der zu dieser Entwicklung beigetragen hat, ist die Verschmelzung der Begriffe Technologie und Wissenschaft, die eigentlich überhaupt nicht zusammen gehören.

Warum gehören Technologie und Wissenschaft denn nicht zusammen? Ist Technologie, technologische Entwicklung nicht ein Ergebnis der Wissenschaft?
In unserer Kultur verschmelzen die Begriffe Wissenschaft und Technologie zunehmend. Vielfach wird angenommen, dass der Umgang mit Technologie etwas ist, was eine wissenschaftliche Haltung bestärkt, dass es uns darin befördert zu experimentieren und nach der Wahrheit zu suchen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Technologie trennt unser Handeln von den Konsequenzen - je komplexer sie wird, desto mehr. Wissenschaft ist genau das Gegenteil. Sie zeigt uns auf, wie unser Handeln unsere Umwelt verändert. Technologien sorgen dafür, dass man das tut, was einem vorgegeben wird. Wissenschaft ist eine Haltung. Wenn beide Begriffe miteinander verschmelzen, geht daran die Art zu Denken, die die Wissenschaft ausmacht, zugrunde.

Erklären Sie bitte nochmal, was dieses wissenschaftliche Denken ausmacht und welchen Zusammenhang es mit einem für die Demokratie wichtiges Grundverständnis gibt.
Das, was Wissenschaft ausmacht, ist das Hinterfragen von Autorität und das Hinterfragen von dem, was wir intuitiv meinen, von der Welt verstanden zu haben. Allein das Hinterfragen von Autorität macht die Wissenschaft demokratisch. Wissenschaft ist außerdem ein Konzept der Rationalität, das sich über vier Eigenschaften definiert: Objektivität, Skeptizismus, Kausalität und Universalität. Wir können unsere Gesellschaft und uns selber nur rational reflektieren, wenn wir diese vier Eigenschaften als grundlegend akzeptieren. Objektivität ist ein schwer greifbarer Begriff, aber im Kern geht es um die Idee, dass ein Begriff oder eine Idee in einem grundlegenden Sinn wahr sein muss, wenn es sich um eine objektive Realität handelt, die nicht durch unsere Subjektivität beeinträchtigt wird. In der Demokratie ist Objektivität zum Beispiel dann gefragt, wenn es darum geht, unsere persönlichen Interessen in den Kontext der Interessen der Allgemeinheit einzuordnen. Die Kausalität ist die Basis des wissenschaftlichen Denkens. Kausalität ist so etwas wie der Gegensatz zu Erklärungen, die auf Aberglaube, Fantasie basieren oder Schlussfolgerungen, die sich aus Analogien ziehen lassen. Besonders wichtig ist auch der Skeptizismus. Interessant ist, einen Blick in die Geschichte zu werfen, um zu verstehen, wie eng Demokratie und Wissenschaft zusammenstehen. Die Geburt der modernen Demokratie und der Wissenschaft gehen Hand in Hand. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Entstehung der beiden, aber eine Ethik die beides miteinander verbindet. Nehmen wir Galileo, der das aristotelische Konzept der Kosmologie angreift, oder die Wissenschaftler, die im Mittelalter das Bild der Kirche vom Universum infrage stellten. Beide drücken eine Ethik aus, die den Zweifel zum Prinzip des Denkens erhebt. Sie fragen: ‘Warum soll ich Dir glauben?’ Sie alle sagen nicht: ‘Das ist falsch’. Aber sie sagen auch nicht: ‘Du hast recht.’ Das ist grundsätzlich eine sehr demokratische Haltung. Auch die Universalität ist grunddemokratisch. Genauso wie die Schwerkraft auf alle Dinge anwendbar sein muss, müssen in einer Demokratie die Grundsätze der Justiz für alle gelten. Wissenschaftlich zu denken ist demokratisch.

Populisten gehen gerne die Wissenschaft an, zum Beispiel in den Gender Studies. Sind diese Attacken Angriffe auf die Demokratie?
Das kann man ganz sicher sagen. Die heutigen Populisten sagen ‘reißt die Eliten nieder’. Wenn Wissenschaftler mit neuen Erkenntnissen kommen, die bestehende Vorstellungen infrage stellen, kommen die Populisten und sagen einfach: ‘Das sind korrupte Ideen einer Elite’, und verhindern damit jede Auseinandersetzung. Sie tun so, als ob die Wissenschaft das Ansinnen hätte, der Gesellschaft eine fixe Meinung überzustülpen und ignorieren vollkommen, dass es innerhalb eines Fachgebiets, zum Beispiel innerhalb der Gender Studies, durchaus unterschiedliche Meinungen gibt. Wie gesagt: In Wissenschaft und Demokratie geht es immer darum, Autorität und Dinge infrage zu stellen. Wenn man das versucht zu verhindern, greift man die Demokratie an.

Trägt die Wissenschaft eine Mitschuld an der aktuellen Misere? Immerhin lesen wir ständig in der Zeitung “Wissenschaftler haben herausgefunden”, was suggeriert: “das ist die neue Wahrheit”.
Zu behaupten etwas sei die Wahrheit, ist kein Satz, der aus der Wissenschaft kommt. Das zeigt aber, welches Bild die Wissenschaft heute in der Öffentlichkeit hat. Es ist die Annahme, das jemand, der etwas weiß, eine Autorität ist. Aber so sehen sich die meisten Wissenschaftler nicht, das ist ein Widerspruch zur Wissenschaft. Keiner beansprucht für sich die ultimative Wahrheit. Es kann schon sein, dass wir mit der derzeitigen Popularisierung der Wissenschaft die Menschen überfordern. Das liegt aber weniger an der Popularisierung, als daran dass den Menschen ein allgemeines Verständnis dafür fehlt, wie Wissenschaft funktioniert. Wenn heute ein Studie rauskommt, die sagt, dass wir mehr schlafen müssen, um alt zu werden und morgen eine Studie rauskommt, die sagt, dass wir zu früh zu Bett gehen, dann ist das nur so lange verwirrend, wie wir glauben, dass es nur eine Wahrheit gibt. Wenn man einfach sagt: “Das sind interessante Erkenntnisse” sieht es anders aus.

Heißt das, dass wir den Unterricht in den Schule verbessern müssen, damit junge Menschen wieder lernen wissenschaftlich zu denken und damit in die Lage versetzt werden, demokratisch zu handeln?
Ja, ich bin davon überzeugt, dass wir in der Ausbildung anfangen müssen, in den Schulen und den Universitäten. Und dass vor allem nicht nur die Naturwissenschaften, also die Wissenschaften mit Anwendungsbezug, gelehrt werden müssen. Wir brauchen wieder ein allgemeines Verständnis dafür, was Wissenschaft ist. Die Schüler müssen lernen welcher Ethos die Wissenschaften miteinander verbindet. Wenn das Ziel von Bildung nur ist, gute Ärzte, gute Ingenieure auszubilden, dann fehlt dieser Ethos, der das Ganze mit einem übergeordneten Sinn verbindet. Ich bin aber skeptisch, ob man es wirklich schaffen kann, Lehrpläne zu ändern. Das Ausbildungssystem und die Curricula sind eng mit den Werten einer Gesellschaft verbunden. Man kann ein Schulsystem nicht losgelöst von einer Gesellschaft betrachten. Wenn in den letzten dreißig Jahren die Standards in der wissenschaftlichen Ausbildung herabgesetzt wurden, dann ist das ein Ausdruck davon, wieviel Wertschätzung Wissenschaft in der Gesellschaft erfährt.

Kommen wir noch einmal zurück zu der Ausgangsfrage - In vielen Gesellschaften gibt es eine wissenschaftsfeindliche Haltung und gleichzeitig gibt es Gruppierungen, Parteien, Präsidenten, die an demokratischen Grundwerten dieser Gesellschaften sägen. Hängt das eine mit dem anderen zusammen?
Auf jeden Fall hängt das eine mit dem anderen zusammen. Lassen Sie uns mal in die Geschichte schauen. Ein Ideal der Aufklärung war das Bestreben, die Bürger auf ein Bildungsniveau zu bringen, das es Anführern oder Eliten unmöglich macht, Macht auszuüben. Diese Machtverhältnisse waren vormals nur möglich, weil die Öffentlichkeit nicht in der Lage war, sie zu kritisieren und ihren Machtanspruch infrage zu stellen. Macht zu hinterfragen, irrationale Traditionen und Aberglauben zu beenden und in der Lage zu sein, im Sinne eines gemeinen Interesses der Gesellschaft zu denken, sollten die Ziele einer Demokratie sein. Diese Demokratie wird gestützt von einer wissenschaftliche Denke und einem Handeln, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Das eine geht also nicht ohne das andere.