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Wut, Angst und Resignation

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Bald ein Jahr ist es her, dass US-Präsident Donald Trump das erste Einreiseverbot verhängt hat. Das schränkt die Arbeitsbedingungen der Wissenschaftler in den USA massiv ein. Die drängende Frage ist, wie internationale Forschung sichergestellt werden kann.


Anfang des Jahres war für Samira Asgari, Ph.D., noch alles rund gelaufen. Die 31-jährige Iranerin hatte gerade ihre Promotion in Humangenetik an der Schweizer École polytechnique fédérale de Lausanne abgeschlossen, hatte ein paar Preise für ihre Forschungsarbeit verliehen bekommen und außerdem noch ein Stipendium des Schweizer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung erhalten. Mit dem Stipendium sollte es für zwei Jahre nach Harvard gehen, um dort an Tuberkulose zu forschen. Sie hatte ihren Flug nach Boston für Freitag, den 27. Januar gebucht, erster Arbeitstag an der renommierten Hochschule war der nächste Montag. Der Flug von Basel nach Frankfurt verlief reibungslos.

Doch was dann geschah, ging durch die internationalen Medien. Denn Asgari gehörte mit zu denen, die vom ersten Einreiseverbot, das US-Präsident Donald Trump am 27. Januar verhängt hatte, kalt erwischt wurden. Am Flughafen Frankfurt war ihre Reise zu Ende, nur wenige Stunden nach Verkünden des travel ban holten US-Konsularbeamte sie aus dem Abfertigungsbereich des Flughafens. „Sie dürfen nicht in die USA einreisen“, lautete die Ansage. „Ich habe ein gültiges Visum“, antwortete Asgari. Das interessierte die Beamten nicht, noch am gleichen Abend musste die Wissenschaftlerin nach Basel zurück.

Am Boden zerstört sei sie damals gewesen, berichtet sie. Schließlich gab es für sie eigentlich kein Zurück mehr. Sie hatte ihren Job gekündigt, ihr Hab und Gut in Koffer verpackt und die Wohnung aufgelöst. In diese leeren Räume kehrte sie an dem Abend Ende Januar zurück, verzweifelt. Doch schon am nächsten Tag schien der Spuk vorbei, eine Richterin in New York hatte den Trump‘schen Einreisestopp ihrerseits gestoppt. „Ich war so froh, als ich in den Nachrichten hörte, dass das Verbot aufgehoben wurde, und habe gleich den nächsten Flug gebucht.“

Doch am Flughafen Frankfurt war abermals Schluss, hinderten Konsularbeamte

sie erneut, in den Flieger zu steigen. Erst eine Woche später, mit Unterstützung des International Office in Harvard und eines Anwalts, landete sie in Boston. "Ich habe gezittert, bis ich die Passkontrolle passiert hatte", berichtet Askari, immer noch fassungslos.

Dieses erste Einreiseverbot im Januar hatte für viel Wirbel gesorgt. Damals waren sieben Länder, neben Asgaris Heimatland Iran auch Irak, Libyen, Somalia, Syrien, Sudan und Jemen betroffen. An den US-Flughäfen fanden spontane Demonstrationen statt, Anwälte stellten Betroffenen ihre Expertise kostenfrei zur Verfügung. Die Technologie-Unternehmen im Silicon Valley, die auf Mitarbeiter aus aller Welt angewiesen sind, stellten sich gegen die neue Gesetzgebung. Und auch aus der Wissenschaft kam ein Aufschrei, schließlich lebt sie davon, dass Menschen wie Asgari zu Tagungen reisen, als Gastwissenschaftler Zeit in auswärtigen Laboren verbringen und im Laufe ihrer Karriere Station in Forschungseinrichtungen unterschiedlicher Länder machen. Fest steht, ein Gesetz, das diesen Austausch behindert, wirkt sich für einzelne Wissenschaftler, aber auch für die Forschungsgemeinschaft insgesamt negativ aus. 


Trumps jüngster Schlag: Steuerreform


Doch zu schaffen machen der Wissenschaft seit Trumps Amtsantritt nicht nur die verhängten Einreiseverbote, die derzeit insbesondere Tschad, Iran, Jemen, Libyen, Somalia und Syrien betreffen und für die Anfang Dezember das Oberste Gericht vorläufig grünes Licht gegeben hat. Forschungsetats in Fachgebieten, die dem amerikanischen Präsidenten nicht in den Kram passen, werden gekürzt oder gestrichen; unliebsame Inhalte, wie jene, die auf den Beitrag des Menschen zum Klimawandel verweisen, von offiziellen Webseiten gelöscht. Den jüngsten Schlag gegen die Hochschulen unternahm Trump Mitte November. Seine vorgeschlagene Steuerreform sieht keine ermäßigten Rückzahlungen von Studiendarlehen mehr vor, zugleich sollen Doktoranden ihr Einkommen auf Lehre und Forschung massiv versteuern. Da nimmt sich die Geringschätzung, die Trump gegenüber den diesjährigen US-Nobelpreisträgern demonstriert, indem er sie, anders als seine Vorgänger, vor der Preisverleihung in Stockholm nicht zu sich ins Weiße Haus bittet, vergleichsweise als Petitesse aus.

"Der travel ban ist nur ein kleiner Teil des Problems, viel entscheidender ist, dass wir es aktuell mit einer Politik zu tun haben, die die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht interessieren", sagt Rush Holt, Ph.D. Kaum eine Woche vergeht, in der der Präsident der größten US-amerikanischen Forschungsgemeinschaft, der American Association for the Advancement of Science (AAAS), nicht zumindest ein Statement ver- fasst, in dem er einer politischen Aktion der Trump-Regierung widerspricht. „Das, was der Forschergemeinschaft wirklich schadet, ist dieses Gefühl, dass Wissenschaft nichts zählt“, sagt Holt.

Doch wie stark sich diese missachtende Haltung gegenüber der Wissenschaft tatsächlich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkt, ist schwer in Zahlen zu messen. Es gibt keine Erhebungen, wie viele Wissenschaftler zu Tagungen einreisen, nicht einmal, wie viele ausländische Wissenschaftler aktuell in den USA arbeiten. Vor zwei Jahren zählte die National Science Foundation rund 243 000 Masterstudenten und Doktoranden sowie 26000 Postdocs in den Ingenieurstudiengängen und „Sciences“, welche sowohl die Naturwissenschaften als auch die Sozialwissenschaften, nicht aber die Geisteswissenschaften umfassen. 

Wie viele dieser Studierenden aus Ländern stammen, die mit dem Einreiseverbot belegt wurden, schlüsselt die Erhebung nicht auf; Auskunft gibt der Open-Doors-Report des Institute of International Education (IIE), der Mitte November erschienen ist. Er verzeichnet die Nationalitäten der Studierenden des akademischen Jahres 2016/2017 - und weist einen Rückgang von gut drei Prozent auf. Das heißt, die Zahl der internationalen Studierenden, die das erste Mal an einer amerikanischen Hochschule studieren, nahm im Vergleich zu 2015/2016 um 10000 ab, fiel auf 291000. Ergänzend hierzu hat das IIE fünfhundert Hochschulen zu den Bewerbern für 2017/2018 befragt. Im Durchschnitt verzeichnen die Hochschulen sieben Prozent weniger Neueinschreibungen ausländischer Studierender, einige Colleges deutlich höhere Rückgänge (s. Interview S. 31).

Der Präsident des IIE, Dr. Allan E. Goodman, sieht schwierige Zeiten auf die Hochschulen zukommen: „Es ist das erste Mal, dass wir die Situation haben, dass mehrere Länder um die internationalen Studierenden konkurrieren. Teilweise haben diese Länder zum Ziel erklärt, bis Mitte des nächsten Jahrzehnts die Zahl ihrer ausländischen Studierenden zu verdoppeln. Diese Konkurrenzsituation wird uns in Zukunft stärker beschäftigen.“ Als Länder, die seiner Meinung nach mit den USA im Wettbewerb um internationale Studierende stehen, nennt er Kanada, Großbritannien und Deutschland.

Auch wenn die rückläufigen Zahlen ausländischer Studierender keine Rückschlüsse auf die Gründe zulassen, gibt es genug Wissenschaftler, die von Forschungseinschränkungen unter Trump berichten. Es wird von Konferenzen mit weniger Teilnehmern berichtet; von Akademikern, die Monate auf ihre Visa warten; von ausländischen Wissenschaftlern, die sich nicht mehr aus dem Land trauen, aus Angst, nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können.

Nach dem großen Aufschrei Anfang des Jahres sind die Stimmen aus der Wissenschaft allerdings leiser geworden, wenn gleich Ruhe deswegen noch lange nicht eingekehrt ist. Die Reaktionen der Forscher schwanken zwischen Angst, Resignation, Wut, stoischem Trotz und demonstrativem Ignorieren. So stellte der Iraner Saeed Mehraban, der als Doktorand am Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der Entwicklung von Quantencomputern forscht, kurz nach dem ersten Einreiseverbot einen kleinen, aber emotionalen Text auf www. bannedscientists.org – eine Website, die von Sarah Cobey, Ph.D., erstellt wurde. Cobey ist Assistant Professor für Umwelt und Evolution an der University of Chicago. Ihrem Aufruf auf der Webseite „Tell your story“ sind Dutzende Wissenschaftler gefolgt und haben festgehalten, was der travel ban für sie persönlich und was es für Amerika bedeutet, wenn Menschen wie sie dem Land den Rücken kehren. 

Mehraban schrieb dort: „Zuvor galten die USA als ein Ort, an dem man friedlich arbeiten und zum Fortschritt beitragen konnte. Im Schatten des Verbots kann man aber nicht mehr produktiv sein. Ich glaube, dass viele Menschen dieses Land verlassen, wenn sie ihren Abschluss erworben haben, und ihre Fähigkeiten anderswo einsetzen werden.“ Heute darauf angesprochen, fällt seine Antwort bemüht neutral, zurückhaltend aus: „Derzeit konzentriere ich mich auf meine Arbeit. Ich verfolge die Nachrichten nicht mehr und kenne nicht einmal den aktuellen Stand in Sachen travel ban.“ 


Verlorene Zeit


Die Doktorandin Nisrin Elamin Abdelrahman gehörte ebenfalls zu den vom ersten Einreiseverbot betroffenen Wissenschaftlern. In Handschellen hat man die Anthropologin der Stanford University am New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen abgeführt und mehrere Stunden festgehalten, trotz Green Card. Abdelrahman hat mitt- lerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft, ihr Ursprungsland Sudan ist von der Liste genommen. Ihre Forschung hat trotzdem unter dem Einreisebann gelitten, da sie nicht zu ihrer Feldarbeit in den Sudan zurückkehren konnte, wo sie Menschen in ländlichen Gebieten bei der Ernte beobachtet. „Geerntet wird nur ein Mal im Jahr - damit habe ich schon ein Jahr verloren, was angesichts der kurzen Projektlaufzeit sehr viel ist”, sagt sie. Abdelrahman hat sich mehrfach in den Medien zu dem Thema geäußert, jüngst im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera mit einem Beitrag, in dem sie sich mit der Frage beschäftigt, ob außenpolitische Interessen der US-Regierung ausschlaggebend dafür waren, dass der Sudan von der Liste genommen und der Tschad hinzugefügt wurde. „Ich habe zwar jetzt die amerikanische Staatsbürgerschaft, aber ich befürchte, dass meine öffentlichen Stellungnahmen mir dennoch Probleme bei der Wiedereinreise bereiten könnten.“ 

Dr. Silke Severmann, Associate Professor an der Rutgers University in New Jersey, sieht den Dingen, die da auf sie zukommen, mit gemischten Gefühlen entgegen. 

Vor allem die angekündigten Kürzungen im Etat der National Aeronautics and Space Administration (NASA) bereiten ihr Bauch- schmerzen. „Wir haben in unserer Abteilung viele Projekte, die mit Mitteln der NASA finanziert werden”, sagt die deutsche Ozeanografin. Mit 561 Millionen Dollar weniger solle die Raumfahrtbehörde 2018 auskommen, befand US-Präsident Trump im Mai. Das entspricht zwar nur drei Prozent des Jahresbudgets, die Einsparungen sollen aber vor allem zulasten des Bildungsprogramms und der Geowissenschaften, nicht aber der Weltraumforschung gehen. „Wir finanzieren viele Postdocs über die NASA-Gelder. Wenn die wegfallen, würde das das Aus für einige Forschungsprojekte bedeuten.“ 

Severmann berichtet auch, dass es zunehmend schwieriger werde für ausländische Forscher, Visa zu beantragen. Das bestätigt der auf Einwanderungsfragen spezialisierte Anwalt Adam Frank aus Be- thesda nahe Washington: „Viele meiner Mandanten warten heute deutlich länger auf ihr Visum als noch zu Obama-Zeiten.“ 

Die erschwerte Einreise beschäftigt auch die International Offices an den Hochschulen. Am MIT ist die Campus- Polizei Tag und Nacht telefonisch für die internationalen Studierenden erreichbar. An der New York University (NYU) können Mitarbeiter und Studierende sich in eine Datenbank eintragen, wenn sie das Land verlassen. Sie geben an, um wieviel Uhr und mit welchem Flieger sie zurückkehren. Wenn sie sich innerhalb einer bestimmten Zeitspanne nicht an der NYU zurückmelden, die nach dem Open-Doors-Report des IEE die Universität mit dem höchsten Ausländeranteil ist (17236 Studierende), wird automatisch ein Notfallplan in Gang gesetzt. An dessen Ende fahren im Fall der Fälle die Anwälte der rechtswissenschaftlichen Fakultät, der Law School, zum Flughafen, um die Betroffenen rauszuboxen. 

“Der travel ban macht uns zusätzliche Arbeit”, sagt Sherif Barsoum. Der aus Kairo stammende Leiter des International Office der NYU fügt lakonisch hinzu: “Es ist unser Job, dafür zu sorgen, dass es unseren internationalen Studierenden und Mitarbeitern gut geht. Jetzt haben wir einfach ein bisschen mehr zu tun.” Die NYU verzeichne keine rückläufigen Einschreibezahlen ausländischer Studierenden. “Ich glaube, dass die großen Hochschulen, vor allem die in den großen Städten, weniger Betroffen sind. Unsere internationalen Studierenden wissen, dass sie bei uns nichts zu befürchten haben.” 

Gelassen gibt sich auch Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht, ein deutscher Literaturwissenschaftler, der seit vielen Jahren an der Stanford University lehrt: “Die Hochschulen der USA sind liberale Hochburgen, wo kaum ein Ausländer zu befürchten hat, auf einen Trump-Befürworter zu treffen. Außerdem sind die großen privaten Hochschulen kaum abhängig von öffentlichen Forschungsgeldern.” Es habe sich gezeigt, dass das amerikanische Rechtssystem funktioniere, meinte Gumbrecht Mitte November noch zuversichtlich.

Doch nun, Anfang Dezember scheint die Situation eine andere zu sein. Das Oberste Gericht hat Präsident Trumps Einreiseverbot, das vor allem gegen sechs überwiegend muslimische Länder richtet, zwar erst einmal nur vorläufig genehmigt. Die Anordnung wir noch von mehreren Bundesgerichten angefochten. Doch ist nicht mehr damit zu rechnen, dass das höchste US-Gericht in seiner noch ausstehenden endgültigen Entscheidung den Muslim-Bann stoppen wird.

AAAS-Präsident Rush Holt sieht sich in seinen Befürchtungen bestätigt: “Der Fortschritt der Wissenschaft wird in jedem Fall unter der Situation leiden. Es darf nicht darum gehen, dass einzelne Länder daraus einen Vorteil ziehen. Es geht um die Forschergemeinschaft im Ganzen, die vom Austausch lebt.”

Alamiert, aber auch gefasst zeigt sich die endlich an der Harvard University forschende Iranerin Samira Asgari. Dieses Jahr hatte sie keine Tagung im Ausland besucht und kein Bewerbungsgespräch wahrgenommen. „Irgendwann im kommenden Jahr muss ich mich aber bewerben. Wenn ich da nicht zu Gesprächen fahren kann, stehen meine Chancen schlecht.“ Auch privat zahlt sie einen hohen Preis: „Ich kann meine im Iran lebende Familie nicht sehen. Das mach ich auf Dauer nicht mit.“


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