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Macht und Last

Ihr Urteil ist gefragt, gefürchtet, umstritten. Im Peer-Review-Prozess ist es an den Gutachtern, über das Wohl und Weh der Autoren zu entscheiden. Zugleich stöhnen sie:

„Ich frage mich, wie ich das schaffen soll. Ich könnte mich in Vollzeit damit befassen.“ 


Dieser Text ist Teil der Titelstrecke der Ausgabe 06/2017 der Deutschen Universitätszeitung. In dem Schwerpunkt "Auf der Suche nach der verlorenen Qualität" geht es um die Frage, ob und wie die Qualität von wissenschaftlichen Publikationen tatsächlich noch durch das Peer-Review-Verfahren gesichert werden kann.


Täglich erhält Professor Dr. Jan Buer Anfra­gen von Fachzeitschriften, die ihn um die Begutachtung eines Artikels bitten. Buer leitet das Institut für medizinische Mikrobio­ logie am Universitätsklinikum Essen. Er hat 50 Mitarbeiter und muss tagtäglich dafür sorgen, dass die behandelnden Ärzte möglichst schnell erfahren, an welchen Erregern ihre Patienten erkrankt sind und welche Therapien die viel­ versprechendsten sind. Nebenbei erforscht er Mechanismen der Immunabwehr und hat in den renommiertesten Fachzeitschriften publi­ziert. Das macht ihn zu einem gefragten Exper­ten. Stiftungen bitten ihn, Anträge zu begut­achten. Er arbeitet in einem Fachausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft und begut­achtet dort Drittmittelanträge. Und er muss sein Urteil zu Promotionsarbeiten abgeben. Nicht zu­ letzt ist er natürlich auch Referee für Fachzeitschriften. Die Zahl der Anfragen ist in den letz­ten Jahren stark gestiegen. „Ich könnte mich in Vollzeit mit dem Verfassen von Gutachten be­ schäftigen“, sagt Buer. Auch bei Dr. Roland Rau, Professor für De­ mografie an der Universität Ro­stock und Leiter einer Arbeitsgruppe am Max­ Planck­ Institut für demografische Forschung, trudeln ständig E­Mails ein, in denen er gebe­ten wird, ein Gutachten für einen eingereich­ten Artikel zu schreiben. Einige kommen von unseriösen Zeitschriften, aber auch die renom­mierten Journals suchen händeringend nach Gutachtern. Rau ist auch Mitherausgeber zwei­er Zeitschriften und kennt die Not der Journale: „Es wird immer schwieriger, Gutachter zu fin­den“, sagt er. Dementsprechend schwer fällt es ihm, Absagen zu erteilen. „Ich finde Peer Review wichtig, deswegen begründe ich meine Absa­gen immer. Zumeist damit, dass ich mit meiner Herausgeber­-Tätigkeit schon viel für die Com munity leiste.“ Er hat einen genauen Schlüssel definiert, mit dem er berechnet, wie viele Gut­achten er schreibt: „Ich gehe davon aus, dass nur jeder vierte Artikel, den ich einreiche, auch angenommen wird. Deswegen schreibe ich sel­ber in etwa vier Gutachten für jeden meiner Artikel, der publiziert wurde.“ Der Immunologe Buer lehnt ebenfalls viele Anfragen ab. Aller­dings ist er rigoroser als Rau: Die E­-Mails von Zeitschriften, die er nicht kennt, beantwortet er gar nicht mehr.


Wissenschaftsdilemma


Professor Dr. Stefan Sinzinger kennt das Pro­blem auch: „Ich tue mir schwer, Gutachten ab­ zulehnen, weil sie Teil unserer Aufgaben als Wissenschaftler sind. Aber angesichts der großen Zahl an Anfragen, frage ich mich manch­ mal, wie ich das schaffen soll.“ Stefan Sinzin­ger ist Physiker und leitet den Fachbereich für Technische Optik an der Technischen Universi­tät Ilmenau. Seinen Studenten will er vermit­teln, wie das Wissenschaftssystem funktioniert. Das bringe ihn immer wieder in Erklärungsnöte, die das Dilemma aufzeigen, in dem die Wissen­schaft steckt. Da alle immer auf ihre Publikationsliste schielen müssten, „besteht die Gefahr, dass die kleinste veröffentlichbare Einheit im­mer kleiner gemacht wird, um die Zahl der Pu­blikationen zu erhöhen“, sagt Sinzinger. Die Qualität sinkt, die Quantität steigt. Ein Teufels­kreis, aus dem Sinzinger auch keinen Ausweg weiß. Für seine Doktoranden hat er allerdings einen Rat: „Publiziere so, dass du morgens im­mer noch in den Spiegel schauen kannst.“


Übereifer zurückfahren

Sinziger veranschlagt einen Tag für das Er­stellen eines Gutachtens. Rau braucht dafür in der Regel deutlich mehr als einen halben Tag. "Manchmal denke ich nach dem ersten Lesen: ́Was für ein Quatsch ́. Deswegen schlafe ich mindestens eine Nacht drüber, dann ist der erste Ärger verraucht.“ Im ersten Durchgang macht er sich Notizen am Rand, am nächsten Tag liest er den Artikel nochmal und im dritten Durchgang schreibt er das Gutachten. Den Schwerpunkt lege er auf den Methodenteil. Da sei er mit seinem Urteil sehr streng, während er bei dem Diskussionsteil nur Anregungen liefere oder seine Meinung kundtue. "Dem Autor muss es selber überlassen bleiben, wie er seine Ergebnisse interpretiert", sagt Rau. Diese Meinung teilt Buer und plädiert dafür, den Übereifer mancher Gutachter zurückzufahren: "Es passiert nicht selten, dass ein Gutachten völlig aus dem Ruder läuft und ein Gutachter tausend Vorschläge hat, welche Versuche man noch machen könnte, anstatt sich mit dem auseinanderzusetzen, was gemacht wurde." Er konzentriert sich auch auf den Methodenteil und braucht so in seinem Fachgebiet nur rund zwei Stunden für ein Gutachten. Alternativen zum Peer-Review-Verfahren sehen alle drei Wissenschafter nicht. "Wer soll besser beurteilen können, ob ein Beitrag gut oder schlecht ist, als Wissenschaftler des gleichen Fachgebietes?", sagt Sinzinger. Auch Gutachten, die ausschließlich begutachtet und eben nicht lehren und forschen, hält Sinzinger für keinen sinnvollen Gegenentwurf: "Man ist sehr schnell raus aus seinem Fachgebiet, wenn man nicht weiter forsch." Zumindest vergütet werden sollte die Gutachter-Tätigkeit, findet Buer. Und Rau meint: "Mit dem Peer-Review-Verfahren verhält es sich wie mit der Demokratie. Es ist sicher nicht perfekt, aber es gibt auch keine bessere Alternativen."


Diskussionen statt Selbstdarstellung


Auch wenn sie Peer Review als alternativlos sehen, haben alle drei Forscher Ergänzungsvorschläge zu den bestehenden Verfahren. Sie plädieren für mehr Transparenz, indem etwa alle Rohdaten, die die Basis für einen Artikel liefern, zur Verfügung gestellt werden. Mehr Zeit in die Diskussion der Ergebnisse zu stecken, ist ein zweiter Vorschlag. Das könnte sowohl vor der Veröffentlichung geschehen über sogenannte Pre-Publishing-Server, auf denen Autoren noch unveröffentlichte Ergebnisse hochladen, um sich die Erstautorenschaft zu sichern, als auch nach der Veröffentlichung. Letzteres, auch Post­Publication­Peer­Review genannt, findet heute teilweise auf Portalen wie Science Open, ResearchGate, PaperHive und Pu­bPeer statt. Allerdings sind diese Portale nicht miteinander verbunden. Die Kommentare, die sowohl für die Autoren als auch die Leser hilf reich sein könnten, schweben damit derzeit ein bisschen in der Unendlichkeit des Netzes. Rau gefällt die Idee trotzdem: „Es würde sicher­lich zur Qualität beitragen, wenn mehr wis­ senschaftliche Diskussionen in die Artikel ein­ fließen würden.“ Auch Sinzinger hält dies für sinnvoll: „Wir sollten wieder mehr Zeit darin investieren, unsere Forschungsergebnisse zu diskutieren, anstatt uns in Selbstdarstellung zu üben.“