5 subscriptions and 1 subscriber
Article

Du wirst scheitern: Wie es Mahmut Yüksel von der Hauptschule nach Harvard schaffte

Img733x414

© UHH/Wendt

"Meine Noten sind so schlecht. Ich will das ändern. Unterstützen Sie mich?" Mit dieser Bitte an seinen Lehrer startete Mahmut Martin Yüksel an der Schule richtig durch. Damit ist er noch immer eine Ausnahme, denn der Erfolg hängt noch immer davon ab, wie gebildet die Eltern sind.

Der Weg eines Jungen wie Mahmut Yüksel ist weitgehend vorgezeichnet. Grundschule, die Hauptschule schaffen, dann vielleicht eine Lehre machen. Yüksel ist der Sohn kurdisch-türkischer Einwanderer, die in der Türkei nur eine Dorfschule besucht haben. Ihr Deutsch ist holprig, vom Schulsystem in Bremen haben sie kaum Ahnung - kein Wunder, das Thema überfordert auch Menschen, deren Muttersprache deutsch ist.

Als Mahmut in die Grundschule ging, tat er sich schwer. Er hatte Schwierigkeiten mit der Sprache und Mühe, mitzukommen, sodass ihn die Lehrerin klar in der Hauptschule sah. "Ich fühlte mich unterfordert und unterschätzt in der Hauptschule", erinnert sich Mahmut Yüksel im Gespräch mit dem Portal der "Uni Hamburg". Nach der sechsten Klasse gelang es ihm, mit Hilfe seines Onkels den Übertritt zur Realschule einzufädeln.

Sind die Eltern keine Akademiker, haben die Kinder weniger Chancen

Grundschule, Gymnasium, Abitur, Studium. Wer sich auf dieser Lebenslinie befindet, hat meist Eltern, die selbst an einer Hochschule waren. Denn in Deutschland hängt die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind studieren wird, immer noch am Bildungsstand der Eltern. Das hat die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) ermittelt. Von 100 Akademikerkindern nehmen 77 ein Studium auf. Dagegen studieren von 100 Nicht-Akademikerkindern nur 23 obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen.

Schüler, die weiterkommen wollen, finden hier Unterstützung Ein Schlüsselerlebnis zeigte dem Jungen, wie privilegiert er war

Mahmut Yüksel wechselte auf die Realschule. "Den Warnungen der Lehrer, dass ich scheitern würde, zum Trotz", erinnert er sich. "Es ist keine Überraschung, wenn man als Hauptschüler gerne mal belächelt wird. Hinzu kommt auch, dass den Menschen mit türkisch-kurdischen Migrationshintergrund nicht unbedingt zugetraut wird, dass man gar das Abitur schafft."

Tatsächlich verschlechterten sich zunächst die Noten. "Ich hielt mich im ersten Jahr mit Dreien und Vieren über Wasser." Yüksel, so schien es, war einer dieser Schüler, die irgendwie durchkommen und reihenweise frustrierende Erlebnisse produzieren. Doch dann kamen die Sommerferien.

"Ich habe mit meinen Eltern unsere Verwandtschaft im Südosten der Türkei besucht und mir die Schulen meiner Cousins angeschaut. Die Kinder wurden dort in großen Gruppen klassenübergreifend unterrichtet, Lehrmaterialien fehlten und die Gebäude entsprachen nicht den Standards, die ich aus Deutschland kannte. Einige Mädchen aus dem Dorf durften nicht zur Schule gehen, obwohl sie gern gewollt hätten. Es war so unfair, dass sie gar nicht erst die Chance bekommen haben. Ich spürte plötzlich, wie privilegiert ich war."

Es gibt Unterstützung - aber das Insider-Wissen wird nicht geteilt

Kaum zurück in Deutschland, ging Mahmut Yüksel zum Lehrer und sagte: "Meine Noten waren bisher miserabel. Ich will das ändern. Unterstützen Sie mich?" Der Lehrer tat es - aber das bedeutete für den Jungen viel Arbeit. Büffeln, Matheaufgaben so oft wiederholen, bis sie wirklich saßen. Der Junge zeigte Biss und wurde mit guten Noten belohnt. Damit hatte er durch seinen Willen und mit der Unterstützung des Lehrers eine Türe aufgestoßen. Der Lehrer empfahl ihm auch, sich um ein Schülerstipendium zu bewerben, um sich mehr Unterrichtsmaterial und einen Laptop kaufen zu können. Es klappte.

"Darüber war ich natürlich sehr glücklich. Ich merkte schnell, dass Deutschland unheimlich viele Fördermöglichkeiten bietet. Hier war der Trick, dass man nach diesen zunächst suchen musste, da kein Mensch diese tatsächlich anderen einfach so präsentiert." Das Wissen darüber steht nicht transparent zur Verfügung. "Viele dieser Kenntnisse bleiben in kleineren Kreisen, welche sich gegenseitig helfen, so dass andere Menschenkreise entstehen, welche keinerlei dieser Insider-Tipps kennen."

"Ich wollte wissen, ob ich noch mehr erreichen kann"

Nach dem Realschulabschluss wollte Mahmut wissen, ob er noch mehr erreichen kann. "Ich wechselte zum Gymnasium und machte 2012 schließlich mein Abitur mit einem Einserschnitt." Aber auch in diesem Punkt widersprach er dem Klischee des Strebers. "Ich habe damals viel Fußball mit den Nachbarjungs gespielt! Außerdem war ich auch als aktiver Wettkampf-Kampfsportler und Assistenztrainer im Kickboxen tätig. Sport ist sehr wichtig fürs Lernen und Studieren. Die Neurowissenschaften bestätigten dies immer wieder." Bis zu sechs Mal pro Woche ging er ins Training. "Ich glaube tatsächlich, dass ich durch die Disziplin im nahöstlichen Kampfsport und den hohen Anteil an kardiovaskulärem Sport erst so leistungsstark geworden bin."

In seine Betrachtungen über seinen Bildungsweg spielt seine mittlerweile eingeschlagene Karriere eindeutig hinein. Denn inzwischen studiert Yüksel Medizin und Informatik an der Uni Hamburg. Und er will noch immer wissen, ob er noch mehr erreichen kann. Er bewarb sich für Harvard. "Da ich meinen ersten Studienabschnitt sehr gut absolviert habe, wollte ich es probieren. Also habe ich mich beworben und freue mich sehr, dass es geklappt hat." Im Oktober geht es für zwölf Monate nach Harvard.

"Harvard ist für mich besonders reizvoll, weil es sich um eine renommierte Universität handelt, die mir sehr gute Forschungsbedingungen in der Bildgebenden Medizin bietet." An der angesehenen Universität wird er seine Doktorarbeit schreiben. "Mein vorläufiges Thema lautet "Complexity and connectivity in first-episode psychosis" ("Komplexität und Konnektivität in Erst-Episoden-Psychosen"). Mithilfe computergestützter Bildgebungsverfahren werde ich an 12 bis 15 Patienten, die sich in der ersten Krankheitsepisode einer Psychose befinden, die Komplexität und Konnektivität von Gehirnarealen und Gehirnnetzwerken untersuchen", so Yüksel im Gespräch mit dem Portal "Uni Hamburg". Nebenbei kümmert er sich um ein Start-up, das Schülern bei der Vorbereitung zum Abitur hilft.

"Man sagte, ich könne gar nichts. Promoviert habe ich dann trotzdem"

Schülern, die es ähnlich schwer in ihrer Schulkarriere haben, will Yüksel Mut machen und engagiert sich in der Studienstiftung des deutschen Volkes für Chancengleichheit. Denn er ist kein Einzelfall. Nach seinem Interview meldeten sich Leidensgenossen auf Facebook zu Wort.

Ein Leser schrieb: "Ich habe in meiner Bildungsbiographie auch alles durch, vom anfänglichen 'Hochbegabten' in der Grundschule, mit Empfehlung fürs spätere Gymnasium und Studium bis zur Empfehlung für die Sonderschule, dann Beobachtung in der Realschule und zurück zur Hauptschule mit der Diagnose, ich sei verhaltensgestört und lernbehindert. Später sagte dann das Arbeitsamt, ich könne eigentlich gar nichts, hätte keinerlei Fähigkeiten und Begabungen. Studiert und promoviert habe ich dann trotzdem."

Hier den Newsletter "Wissen" abonnieren

Im Video: Wieder Kind in Freibad ertrunken - Mutter appelliert: „Schwimmbad ist keine Kita!"

Original