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TID: Auf der Donau unterwegs für die Völkerverständigung

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Die Tour International Donau (TID) ist ein Sporterlebnis der ganz besonderen Art. Jedes Jahr Ende Juni kommen Wassersportler aus der ganzen Welt in Ingolstadt in Bayern zusammen, um gemeinsam zwölf Wochen lang die Donau bis zum Schwarzen Meer zu befahren. Ein tieferer Einblick in die langjährige TID-Tradition.

Es ist Samstagabend und ich fahre in meiner Heimatstadt Ingolstadt zum Faltbootclub e.V. Ingolstadt. Dort sind meine Eltern seit Jahren Mitglied, weil ihr Lieblingssport Kajakfahren war. Dieses Mal kommen wir nur als Gäste zur Eröffnung der 62. Tour International Danubien. Vor dem Vereinsheim hängt ein großes Willkommen-Banner, viele Autos parken rund um die kleine Straße, die zum Vereinsheim führt. Ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen begrüßt die Gäste.

Ich stürze mich in das Gewusel und beobachte die Eröffnungsveranstaltung. Der Delegierte der TID aus Serbien lädt alle zum Schnapstrinken ein. Alle lachen fröhlich. Am Ende gibt er Grüße der Organisatoren aus Kroatien weiter, die nicht in Ingolstadt sein konnten. Für Bulgarien spricht ein Junge die Grußworte auf Deutsch - er ist das einzige Kind in der Runde.

Alle starten in Ingolstadt

Richard Wagner ist der Vorsitzende des Faltbootclubs Ingolstadt und organisiert mit seinen Helfern die Abfahrt von Ingolstadt. „Wir sind die Gastgeber. Das heißt, wir machen den Service, wir stellen das Vereinsgelände, Bootshaus und das Vereinsheim zur Verfügung. Ansonsten organisieren wir die TID nicht", erklärt Richard Wagner. Um uns herum unterhalten sich viele TID-Teilnehmer ausgelassen bei einem großen Teller Bratwürste. Seit 1967 startet die TID jedes Jahr im Juni in Ingolstadt und endet etwa Anfang September direkt am Donaudelta.

Was die Wassersportler auf der Donau erwartet

Die TID ist mit über 2.516 Kilometern die längste Kanu- und Ruderwanderfahrt der Welt. Da gibt es einige Herausforderungen für die Wassersportler. Zum Beispiel müssen alle ihre Ausrüstung bei Wind und Wetter im Boot transportieren. Bei 60 Kilometern im Starkregen kann das schon sehr anstrengend werden. Die Etappen sind ausgewiesen und es gibt auch immer ein warmes Abendessen via Gulaschkanone und Trinkwasser. Allerdings muss das nicht unbedingt ein ausgewiesener Campingplatz sein, daher muss man Abstriche bei Hygiene und Komfort hinnehmen. Im unteren Verlauf der Donau kann es auch passieren, dass die Wassersportler einen ganzen Tag lang fahren müssen, ohne einen Supermarkt zu finden. An Ruhetagen ist dann vor allem Einkaufen und Wäschewaschen angesagt.

Auch kulturelle Unterschiede können herausfordernd sein. So erzählt mir Winfried Schröder, der bereits seit zwölf Jahren begeistert an der TID teilnimmt, dass ihn der Lärm von manchen Teilnehmern sehr stört, aber dennoch die positiven Erfahrungen immer überwiegen. Am Eisernen Tor in Serbien ist das Wetter tückisch. Das Eiserne Tor ist ein ungefähr 100 Kilometer langer Canyon in den Karpaten, heute ein riesiger Stausee. Fallwinde über den Karpaten bringen Sandstürme und erschweren die Fahrt.

Auf dem Donau-Delta darf man die Strömung ins Schwarze Meer nicht unterschätzen. „Vor drei Jahren sind Rumänen durch einen Sturm in Seenot geraten, einer ist gekentert. Nach zwei bis drei Stunden wurde er dann gefunden, weil er über sein Handy seine Position durchgeben konnte. Er wurde von der Strömung fünf bis sechs Kilometer ins Schwarze Meer getrieben, dort hätte ihn niemand gesucht", erzählt Winfried Schröder, wirkt aber eher gelassen, was Unfälle auf der TID angeht. Die meisten entstehen vielmehr durch Hektik.

Die TID ist keine Fahrt für Anfänger, man muss im Paddeln bereits geübt sein. Für Rainer Goebel, den Vorsitzenden des TID e.V., stehen vor allem die Gesundheit und eine erstklassige Ausrüstung im Vordergrund. Die psychische Herausforderung ist oftmals viel höher als die physische. Dennoch ist die TID keine olympische Disziplin, sondern eine Urlaubsfahrt, wie es Winfried Schröder beschreibt. Am Ende der Reise oder bei bestimmten Teilreiseabschnitten werden Shuttle-Busse zur Verfügung gestellt, die die Teilnehmer mit ihrem Gepäck wieder nach Deutschland bringen.

Völkerverständigung auf der Donau

Im Vordergrund steht seit der Gründung der TID 1957 die Völkerverständigung und das Ziel, neue Freunde zu finden. „Man lernt Leute kennen, die sprechen eine andere Sprache. Gerade hier im Süden wird nicht oft Englisch gesprochen. Also hat man keine gemeinsame Sprache, aber verstehen tun sie sich immer irgendwie, sodass sie gemeinsam paddeln können und sich abends gemeinsam zusammensetzen. Was ist denn Völkerverständigung? Nichts anderes", erzählt Richard Wagner von seinen Gesprächen mit Rückkehrern der TID. Abends wird im Balkan viel traditionelle Musik gespielt und in Trachten getanzt. Ein besonderes Erlebnis.

Vor zwei Jahren nahm eine US-Amerikanerin an der TID teil, nach kurzer Zeit funkte es mit einem anderen Teilnehmer. Heute sind beide verheiratet. Fünf weitere Ehepaare lernten sich auch auf der TID kennen.

Die Amtssprache auf der TID ist Deutsch, aber inzwischen setzt sich Englisch immer mehr durch. In der Regel klappt die Verständigung auch gut auf Englisch, da nun die meisten jungen Leute in den ehemaligen Ländern Englisch lernen. Sollte es auch nicht mit Händen und Füßen mit der Verständigung klappen, dann hilft vielleicht noch Winfrieds Tipp, es mit ‚slivo', dem serbischen Wort für Schnaps, zu versuchen.

Die politische Bedeutung der TID

Vor der Öffnung des Ostblocks war die Teilnahme an der TID für einige Bewohner des Ostblocks nur beschränkt möglich. DDR-Bürger durften beispielsweise nicht nach Deutschland, Österreich und Jugoslawien fahren, da diese Länder blockfrei waren und sie hätten fliehen können.

Richard Wagner ist heute noch ein Ungar bekannt, der durch die TID nach Deutschland flüchtete. Die Bewohner der Ostblockstaaten durften nur in Gruppen mit Aufsehern nach Deutschland reisen. Viktor nutzte die Gelegenheit und ging bei Ingolstadt unbemerkt wieder an Land und zu Fuß zurück zum Vereinsheim. Dort meldete er sich und blieb in Ingolstadt. Er fuhr jedes Jahr bei der TID mit, um seine ungarischen Freunde wiederzutreffen. „Die nächste Gruppe, die ist dann im nächsten Jahr natürlich entsprechend gefilzt und noch stärker beobachtet worden. Obwohl sie wie üblich ausgewählt haben, wer überhaupt her darf, das war wohl einer, der nicht genau gesagt hat, was er im Kopf hat", erzählt Richard Wagner mit einem Schmunzeln über Viktors Geschichte im Kopf. Es soll mehrere solcher Geschichten geben.

In den 1990er Jahren gab es während des Jugoslawienkriegs EU-Sanktionen gegen Jugoslawien, diese betrafen auch Sportkontakte. Es wäre eine Straftat gewesen, mit einem serbischen Vertreter an einem Tisch zu sitzen. Da nach wie vor die Völkerverständigung der TID im Vordergrund stand, reiste der serbische Vertreter privat an und nahm an den Sitzungen teil. Er durfte allerdings nicht mit abstimmen.

Das Highlight Donaudelta

Nach einer langen Reise kommt das viel bestaunte Delta. Winfried Schröder erzählt mir auch davon mehr. Staunend versetze ich mich in die Donauwelt: „Die Donau teilt sich in drei Arme. Da denkt man, jeder Arm muss schmal werden. Die Donau hat aber immer dieselbe Breite. Sie ist nur unterschiedlich tief. Das Delta ist eine riesige Schilflandschaft. Die Wassersportler fahren den St-Gheorghe-Arm. Dort gibt es für uns Natur pur. Es gibt oft die Möglichkeit, auszusteigen. Man könnte auch unterwegs zelten. Unten geht es Richtung Schwarzes Meer, von weitem sieht man Funktürme von russischen und amerikanischen Radarstationen. Und wenn man diese Türme sieht, dann ist man am Ziel."

Fazit zur TID

Die meisten Teilnehmer der TID sind Rentner, da nur wenige Berufstätige zwölf Wochen auf der Donau unterwegs sein können. Rainer Engelmann vom Deutschen Ruderverband presste als Student in die Semesterferien eine Fahrt auf der Donau bis zum Schwarzen Meer. Die meisten jüngeren Teilnehmer sind Abiturienten. Einmal fuhren junge Ruderer aus Bonn mit, welche die TID nur einen Tag für ihre Abiturfeier unterbrachen. Gerade junge Menschen können bei dieser Fahrt viel lernen oder auch Politiker, wenn man Richards Wagners Einschätzung der Völkerverständigung auf der TID betrachtet: „Ich glaube, dass es hier auf der TID mehr Völkerverständigung gibt, als die ganzen Politiker das in ihren Festtagsreden beschwören, ohne wirklich etwas dafür zu tun. Das funktioniert nur von unten her. Wenn man hier sieht, dass der serbische Vertreter heute auch im Namen der Kroaten gesprochen hat, das wäre bei einem serbischen und kroatischen Politiker eher nicht der Fall."

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