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Hollywood und „andere Minderheiten"

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Die Oscarvergabe 2017, vier Oscars an schwarze Schauspieler - ein echter Fortschritt in Hollywood oder nur eine Farce? Eine Bestandsaufnahme über die ganze Vielfalt in Hollywood.

In politisch unruhigen Zeiten unter Trump und in Europa scheuen sich auch die Stars der Filmwelt nicht davor sich politisch zu äußern. Weit verbreitet wurde Meryl Streeps Rede bei der Vergabe der Golden Globes dieses Jahr. Bei der Oscarvergabe hingegen hielten sich die meisten Schauspieler sehr zurück, sich bei ihrer Dankesrede politisch zu äußern.

Viele Schauspieler trugen eine blaue Schleife mit der Aufschrift ACLU - einer US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Sie setzt sich für die Meinungsfreiheit, für die Rechte von Homosexuellen und gegen die Todesstrafe ein. Der iranische Regisseur Asghar Farhadi blieb aus Protest gegen Donald Trump der Vergabe seiner Auszeichnung für den fremdsprachigen Film fern. Vielleicht waren die vier Oscars an schwarze Schauspieler das offensichtlichste Signal für Gleichberechtigung und Freiheit statt lose Worte in Dankesreden, die sowieso nicht mehr als Worte bleiben.


Hollywood und „andere Minderheiten" oder der Hollywood Diversity Report

Was ist wirklich dran? Wie vielfältig ist Hollywood? Um dies herauszufinden, veröffentlicht Hollywood eine Woche vor der Vergabe der Oscars den sogenannten Hollywood Diversity Report. Dort wird untersucht, inwieweit Frauen und Minderheiten in der Film- und Fernsehwelt vertreten sind.


Laut dem Hollywood Diversity Report 2017 wird die Mehrheit der Bevölkerung in den USA 2043 nicht mehr weiß sein. Filme, die mehr Frauen und Minderheiten darstellen, lassen sich in Amerika heute schon besser verkaufen. Die Menschen sehen lieber Filme, mit denen sie sich und ihr Leben identifizieren können. Amerika ist mehr als weiß und männlich. Dieser Realität wird sich Hollywood früher oder später beugen müssen, wenn es keine Verluste einfahren will.


Frauen und „andere Minderheiten" sind in Hauptrollen bei weitem unterrepräsentiert. Die Zahl an Regisseuren und Drehbuchschreibern aus einer Minderheit sinkt, bei Frauen dagegen steigt sie an. Unter „Minderheiten" versteht der Hollywood Diversity Report vor allem Schauspieler, die nicht weiß sind. Minderheiten wie LGBT oder Menschen mit Behinderung werden dagegen gar nicht erst erwähnt.


Hollywood und Behinderung?

Stacy Smith und ihre Kollegen von der Media, Diversity, & Social Change Initiative untersuchen jährlich die Entwicklung für alle „anderen Minderheiten" dazu und brachten sehr ernüchternde Fakten zutage. Die LGBT sind auch in der Filmwelt stark unterrepräsentiert, nur 2,4 Prozent aller Filmcharaktere haben eine Behinderung. Lediglich drei Oscars gingen an Schauspieler*innen mit Behinderung. 1947 gewann der Kriegsveteran Harold Russel für den Film „Die besten Jahre unseres Lebens" einen Oscar für den besten Nebendarsteller und den Ehrenoscar als Symbolfigur für alle Kriegsveteranen. Die gehörlose Marlee Matlin gewann 1987 den Oscar als beste Hauptdarstellerin und den Golden Globe für „Gottes vergessene Kinder". Sie spielte die gehörlose Sarah, die in ihrer ehemaligen Gehörlosenschule als Putzfrau arbeitet. Ein neuer Lehrer der Schule verliebt sich in sie, die beiden werden ein Paar und müssen einige Hürden in ihrer Beziehung überstehen. Bei einem Runden Tisch für Inklusion von Menschen mit Behinderung in Hollywood macht Matlin sich mit Kollegen stark für Schauspieler*innen mit Behinderung.


„In der Filmindustrie sprechen wir fortwährend über Vielfalt. Wir kennen das Problem, aber wenn wir anfangen über Vielfalt zu sprechen, werden Menschen mit Behinderung ausgeschlossen", sagte Matlin und fügte hinzu: „Wir alle erinnern uns daran, dass die letzten Oscars zu weiß waren. Die Academy sagte 2016, dass sie Inklusion in jeder Hinsicht fördern würde, aber wo sind Menschen mit Behinderung?" Ist es Zeit für einen Shitstorm #DisabilityInHollywood?

Auf Twitter gab es dieses Jahr bereits Protest, dass Inklusion auch Menschen mit Behinderung einschließt.


Nur zehn der 100 umsatzstärksten Filme aus dem Jahr 2015 hatten Charaktere mit einer Behinderung in einer Haupt- oder Nebenrolle, davon behandelten zwei Filme das Thema Behinderung in ihrer Handlung. Meistens sind die Rollen für die Handlung auch noch irrelevant. Matlin sagt, dass Rollen mit Behinderung überwiegend an Schauspieler ohne Behinderung vergeben werden, obwohl es geeignete Schauspieler mit Behinderung gäbe. Oftmals können Schauspieler mit Rollstuhl nicht einmal für eine Rolle eines Rollstuhlfahrers in Los Angeles vorsprechen, da das Casting in einem nicht barrierefreien Gebäude stattfindet. „Forrest Gump" ist für mich ein sehr positives Beispiel für die Darstellung von Menschen mit Behinderung in Filmen, gar in einer Hauptrolle. Aber warum hat man nicht versucht einen Schauspieler mit Behinderung für diese Rolle zu finden?

Ich als junge Frau mit Kleinwuchs gehöre zur Schnittmenge von „Frauen und anderen Minderheiten" und kann mich mit Hollywood nicht identifizieren. Filme über das Leben von Menschen mit Behinderung sind für Hollywood uninteressant oder es werden nur Klischees reproduziert, wie man sie bei schwarzen Schauspielern in Filmen rund um die Epoche der Sklaverei findet. Das beste Beispiel hierfür ist der Film „Ein ganzes halbes Jahr". Ein junger Mann ist durch einen Autounfall querschnittsgelähmt und verliebt sich in seine junge und hübsche Pflegerin. Am Ende verlässt er sie, da er ihr mit seiner Behinderung kein „Seelenballast" sein will und begeht Selbstmord durch eine Sterbeklinik in der Schweiz.

Das spiegelt meine Lebenswirklichkeit und die von 18,2 Prozent der amerikanischen Bevölkerung mit Behinderung nicht wider. Ich kenne nur wenige Filme wie „Forrest Gump" oder „Simon Birch", die Menschen mit Behinderung auch in positiver Weise darstellen. Für die Oscars 2017 gab es einen würdigen Kandidaten für die Kategorie „fremdsprachiger Film". „Auf Augenhöhe" ist ein Kinderfilm, der das Zusammenfinden des Waisenjungen Michi mit seinem kleinwüchsigen Vater beschreibt und der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wie sie mit Menschen mit Kleinwuchs umgeht und über sie denkt. Der Film wurde nominiert, ins Rennen für den Oscar ging aber „Toni Erdmann".


Hollywood muss weiterhin seine Hausaufgaben machen und noch viel über Inklusion dazulernen. Meryl Streeps Worte waren gut gemeint, aber sie ändern nichts am Leben von Menschen mit Behinderung. Vielmehr sollte Hollywood die schlechten Arbeitsbedingungen für Schauspieler*innen mit Behinderung anprangern. Auch da reichen Worte reichen nicht aus, es müssen Taten folgen. Einen kleinen Lichtfleck gibt es bei diesen Oscars 2017 trotzdem. „Ho amici in paradiso" (auf Deutsch: „Ich habe Freunde im Paradies") ist eine italienische Produktion mit zehn Hauptdarstellern mit Behinderung und wurde auf dem italienischen „Film, Mode und Kunst-Fest" am 22. Februar gezeigt. Ein Schritt in die richtige Richtung.


Und wer weiß, vielleicht gibt es ja in zehn oder zwanzig Jahren oder hoffentlich schon früher eine Kampagne #OscarsForDisabled und wir sehen dann mehrere Oscargewinner mit einer Behinderung oder von einer anderen Minderheit. Vielfalt macht unser Leben aus und genau das sollen Filme weitergeben.

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