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So antisemitisch ist Deutschland | VICE | Deutschland

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Fragt ein Jude auf einem deutschen Bahnsteig einen anderen Reisenden: „Verzeihen Sie, sind Sie Antisemit?" Der antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Selbstverständlich nicht!" Der Jude geht zum nächsten Wartenden und wiederholt seine Frage, worauf er die Antwort „Ganz im Gegenteil, ich bin ein aufrichtiger Freund des Judentums" bekommt. Der Jude zieht weiter zur nächsten Person, um seine Frage zu stellen. Der Gefragte mustert den Juden von Kopf bis Fuß, um dann ruhig, aber bestimmt zu sagen: „Durchaus." Sagt der Jude: „Ah, endlich! Könnten Sie auf meine Tasche aufpassen? Sie sind die einzige ehrliche Person im ganzen Bahnhof!"

Der Witz ist nicht der größte Schenkelklopfer. Für diese recht einfache und bittere Pointe ist er außerdem ein bisschen zu lang. Aber er will auf etwas aufmerksam machen: Antisemitismus ist noch immer in Deutschland präsent, in beträchtlichem Ausmaß. Klar, niemand will sich so richtig dazu bekennen, Antisemit zu sein, das ist irgendwann vor rund 70 Jahren abrupt nicht mehr so sexy gewesen wie davor. Der Witz-und vielmehr der damit verbundene Hinweis-ist deshalb so wichtig, weil der Antisemitismus in Deutschland immer wieder für tot erklärt wird und in Vergessenheit gerät-bis wieder eine intensivere Phase kommt. Wenn sich mehrere antisemitische Ereignisse häufen, gibt man sich gerne erschreckt. Seit fast drei Jahrzehnten spricht man dann in unregelmäßigen Abständen vom „Neuen Antisemitismus", der so neu gar nicht ist, sondern, wenn man so will: Traditionspflege, im denkbar negativsten Sinne. Doch wenn Antisemitismus wieder weniger wahrnehmbar ist, wird oft wieder vergessen, wie antisemitisch die Gesellschaft noch heute ist.


Es ist allerdings nicht so leicht, das Ausmaß des real existierenden Antisemitismus in Deutschland (oder sonstwo) darzustellen oder zu erfassen. Es handelt sich beim Antisemitismus nämlich um eine Ideologie mit vielfältigen Ausprägungen. Sie beschränkt sich nicht auf Neonazis, sondern man findet sie genauso im linken Milieu, in der „Mitte der Gesellschaft" sowie mit islamischer oder christlicher Konnotation. Es gibt wissenschaftliche Studien, die versuchen, das Ausmaß in Zahlen zu fassen. Die häufigste Methode ist dabei die klassische soziologische Umfrageforschung: Eine Stichprobe der Gesellschaft wird mit verschiedenen Aussagen konfrontiert, die sie bejahen, verneinen oder Teils-Teils (also irgendwo in der Mitte) beantworten können. Ein Beispiel für so eine wissenschaftliche Betrachtung ist die sogenannte „ Mittestudie", die seit 2002 alle zwei Jahre versucht, die Einstellungen in der Gesellschaft zu Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus, Sozialdarwinismus oder eben Antisemitismus zu messen.


Die jüngste Mittestudie beruht auf der Umfrage, die Anfang 2014, also vor dem jüngsten Gaza-Krieg und den darauf folgenden Demonstrationen in Deutschland, bei denen etwa Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein" oder „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!" gerufen wurden-und Polizei und Staatsanwaltschaft in aller Regel keine Volksverhetzung darin erkennen wollten. Ganze 38,8 % stimmten der Aussage „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns." überwiegend, teilweise oder voll und ganz zu. Die Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß" schaffte es auf 44,3%.


Eine weltweite Studie der Anti-Defamation League mit über 50.000 Befragten ging 2014 davon aus, dass 27% der deutschen Erwachsenen antisemitische Vorurteile hegen. Der Wert setzt sich aus elf verschiedenen Aussagen zusammen, die von den Befragten mit „wahrscheinlich wahr" oder „wahrscheinlich nicht wahr" bewertet werden sollten. Die Aussage „Juden haben zu viel Macht in der Business-Welt" hielten beispielsweise 33% für vermutlich richtig. Das Gerücht über den reichen Juden ist also so aktuell wie eh und je.


Jedoch bringen Umfrageforschungen viele methodische Probleme mit sich. Zum Beispiel geht man davon aus, dass Leute in Umfragen, selbst wenn diese anonym sind, ungern sozial nicht-akzeptierte Aussagen zustimmen-die Dunkelziffer könnte also auch höher sein. Außerdem ist die Umfrageforschung sehr starr und kann nur mit vorgegebenen Aussagen arbeiten. Antisemitismus ist jedoch keine starre, sondern eine sehr lebendige Ideologie, die sich als sehr wandelbar herausgestellt hat. So werden etwa die ewiggleichen Ressentiments gegen die Juden immer neu formuliert und in den jeweiligen Zeitgeist integriert. Auch andere Zahlen, die zu Antisemitismus vorliegen, bringen Schwierigkeiten mit sich. Das gilt etwa für antisemitische Straftaten. 2014 wurden 864 Fälle aktenkundig, denen elf Festnahmen gegenüberstehen. Jedoch muss auch diese Zahl stark angezweifelt werden, denn: Nicht jede Straftat wird angezeigt. Es gibt täglich Dutzende, wenn nicht Hunderte antisemitische Kommentare in den sozialen Medien, die zweifelsohne als Volksverhetzung (§130 StGB) eingestuft werden können. Mit dem Anzeigen kommt niemand hinterher, mittlerweile setzt man darauf, diese Kommentare von Facebook und Co. löschen zu lassen, was eher mäßig bis gar nicht funktioniert, um das mal wohlwollend zu formulieren.

Wenn man der Frage nachgehen will, wie antisemitisch Deutschland im 70. Jahr der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz war, können solche Zahlen einen Eindruck vermitteln (aktuelle für 2015 liegen noch nicht abschließend vor), sind aber allesamt mit Vorsicht zu genießen. Um eine konkrete Vorstellung vom Antisemitismus 2015 zu machen, haben wir euch hier einen Jahresrückblick auf besonders bemerkenswerte oder exemplarische Ereignisse im gerade ausgehenden Jahr zusammengestellt, der die Vielfalt der Ideologie illustrieren soll.

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