1 subscription and 0 subscribers
Article

Mitmischen das Jugendportal des Deutschen Bundestages: Einheitliche Tarife?

Streitgespraech
Linus (17): Das Wirrwarr auflösen

In den vergangenen Monaten habe ich mich als regelmäßiger Nutzer der Deutschen Bahn häufig darum gesorgt, ob ich pünktlich sein würde beziehungsweise ob ich überhaupt irgendwo ankommen würde. Ich frage mich derzeit schon, wie eine solch kleine Gruppe Arbeitnehmer wie die "Gewerkschaft der Lokomotivführer" ( GdL) den Verkehr in ganz Deutschland komplett lahmlegen kann.

Doch ist es tatsächlich zu rechtfertigen, dass Mitglieder jeder Gewerkschaft - unabhängig von ihrer Größe - jederzeit ihre Arbeit niederlegen und damit alles ausbremsen können? Oder sollte es branchenabhängige Abmachungen über Vergütungen und Rentenansprüche in Form einer Tarifeinheit geben; also den Grundatz "ein Betrieb, ein Tarifvertrag"?

Vor rund sechs Monaten war ich - und ich denke auch viele andere Menschen - noch der Meinung, dass Mitglieder jeder Gewerkschaft, egal wie groß oder klein sie auch sein möge, das Recht haben sollten, ihre Arbeit niederzulegen, um gegen ungerechte Entlohnung für ihre Arbeit oder bessere Bedingungen zu kämpfen. Nach etlichen Streiks bei der Deutschen Bahn und teilweise großem Ärger bei mir und anderen Bahnfahrern hat sich das wenigstens in meinem Fall doch ein wenig geändert.

Es ist für den einzelnen Kunden nämlich äußerst schwierig zu durchschauen, ob die Forderungen der streikenden Kleingewerkschaften gerechtfertigt sind, oder ob es bloß um einen puren Machtbeweis in Richtung Großkonzern gehen soll, um die potentielle Verhandlungsmacht zu stärken. Was feststeht ist, dass dieser Machtkonflikt letztlich immer auf dem Rücken des Kunden ausgetragen wird. Gleichzeitig verlieren die Arbeitskämpfer durch die Streiks, unter denen alle wie bei der Bahn leiden, immer das Verständis und den Rückhalt in der Bevölkerung.

Das Streikrecht kleiner Splitterparteien erzeugt ein nicht zu durchschauendes Wirr-Warr an Tarifpartnern. Hier würde eine vereinfachende Struktur in Form einer Tarifeinheit meiner Ansicht nach helfen. Bei einer solchen Einheit müssten unterschiedliche Gewerkschaften eines Betriebes für dieselbe Beschäftigtengruppe gemeinsam auftreten, im Streifall eine Lösung finden oder die kleine Gewerkschaft müsste sich der großen unterordnen. Allerdings denke ich, dass es politische Maßnahmen geben müsste, die verhindern, dass die größte Gewerkschaft zu viel Macht gegenüber Kleingewerkschaften hätte und diese dann alles hinnehmen müssten.

Sollte eine solche Regulierung möglich sein, glaube ich, dass bei Verhandlungen insgesamt effektivere Lösungen gefunden werden können. Und das käme uns allen zugute.

Adrian (18): Tarifeinheit ist unfair und schädlich

Aller Voraussicht nach wird der Bundestag im Sommer 2015 ein Gesetz zur Tarifeinheit beschließen. Wie viele andere zuvor reiht sich auch dieses Gesetz ein in die lange Schlange der reaktionistischen, prestigeträchtigen Vorhaben der Großen Koalition.

Unbestritten: Es gibt Schöneres, als die Nacht auf dem Bahnsteig oder im Feldbett vor dem Check-In zu verbringen. Doch sorgt die Beschneidung sogenannter "Spartengewerkschaften" wirklich für Ruhe und Gerechtigkeit?

Nein - das sah auch das Bundesarbeitsgericht so. 2010 kippte es aus gutem Grund das Prinzip "Ein Betrieb, ein Tarifvertrag", indem es Tarifpluralität ermöglichte.

Zunächst muss man sich an dieser Stelle die Frage stellen, woher der Drang nach mehreren Gewerkschaften innerhalb eines Betriebes kommt. Stärker wäre man, würde man als Gesamtbelegschaft mit einer Stimme sprechen. Doch das Gegenteil ist gewollt.

Der Grund dafür ist genauso logisch wie wichtig: Unternehmen sind heute komplexe Konstrukte. Arbeitsplätze sind in ihrer Form so verschieden, dass nicht mehr eine einzige Gewerkschaft viele hochspezialisierte Berufsgruppen vertreten kann.

Nehmen wir als Beispiel die Lokführer. Selbstverständlich unterscheiden sich ihre Forderungen von denen anderer Berufsgruppen innerhalb des Bahn-Konzerns. So hat ein Schichtarbeiter andere Ansprüche als sein Kollege, der keine Nachtarbeit leistet. Deshalb haben sich mit der Zeit spezialisierte Gewerkschaften gebildet, die - nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage -, auf ihr Klientel zugeschnitten sind.

Dass die Spartengewerkschaften mehrheitlich nicht die größte Anzahl der Mitglieder innerhalb ihres Betriebes versammeln können, ändert nichts an diesem wichtigen Anspruch. Tarifeinheit würde nun bedeuten, dass Streiks dieser Gewerkschaften vom Arbeitsgericht für unverhältnismäßig erklärt werden können. Sie würden verboten! Für die kleinen Gewerkschaft wäre dies eine Bankrotterklärung, da sie ohne das Streikmittel quasi handlungsunfähig sind.

Sollte die Tarifeinheit beschlossen werden, hätte das auch an anderer Stelle eine negative Signalwirkung. Denn Gesetze müssen verhältnismäßig sein. Während Frankreich etwa 150 Streiktage im Jahr zählt, liegt Deutschland mit 16 an der Zahl im unteren Mittelfeld. So viel Aufwand bei letztlich so wenig Bedarf escheint mir nicht sinnvoll zu sein.

Wenn die Tarifeinheit kommt, ist das traurig. Denn dieser schwerwiegende Eingriff in die Koalitionsfreiheit ist nicht nur unfair - sondern schädlich!

Original