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Cranach. Der Mann, der Luther ein Gesicht gab

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Zwei Ausstellungen in Thüringen beschäftigen sich mit Leben und Werk des Malers Lucas Cranach dem Älteren - bedeutendster Porträtist des Reformators Martin Luther. Wer dort war, weiß: Hinter den Bildern steckt mehr, als man vermutet.

"Es ist eine ganz, ganz tolle Ausstellung, wunderschön. Es berührt einen, wenn man an so einem Ort arbeiten darf."

Hannelore Schmökel bewacht die Cranach-Bilder auf der Wartburg. Ihr gefällt besonders ein früher Stich von 1520, der Martin Luther als jungen Mann vorstellt.

"Den asketischen Mönch sehen Sie hier. Und das war zu streng, und man hat ihn dann ein bisschen weicher dargestellt, und wenn Sie hier schauen, dann sehen Sie die Veränderung."

Günter Schuchardt ist Burghauptmann auf der Wartburg. Er ist verantwortlich für die Ausstellung mit dem etwas drögen Titel: "Cranach, Luther und die Bildnisse". Doch was auf der Wartburg ausgestellt wird, ist alles andere als dröge. Eine opulente Bildschau, die Luther in allen denkbaren Facetten zeigt. Ein Fest für das Auge und zudem äußerst lehrreich:

"Wir kennen sieben Porträt-Typen, eben von diesem Mönch des Jahres 1520 bis hin zum Totenbildnis Luthers, also unmittelbar nach seinem Tod im Februar 1546. Und in diesen Kampagnen, die immer so einen ganz bestimmten Hintergrund haben, nehmen Sie nur die Ehebildnisse beispielsweise, die also nur zwischen 1525 und 29 entstehen, dann kommt ein nächster Porträt-Typ, dann kommen diese Freundschaftsbilder mit Philipp Melanchthon, die ab 1532 in der Cranach-Werkstatt gefertigt werden."

Die eigenständige Bildsprache der Reformation

Luther als Mönch, Luther mit Doktorhut, Luther als Junker Jörg, die Hochzeitsbilder mit Katharina von Bora, der Reformator als gütiger Kirchenvater, später der beleibte, selbstbewusste Professor und zum Schluss Luther auf dem Totenbett. Diese Bilder waren besonders wichtig, weil damals kein Mensch sagen konnte, wie protestantisches Sterben aussehen sollte. Die katholischen Feinde sahen Luther schon in der Hölle braten. Die Totenbilder zeigen indessen, wie Luther friedlich und mit Gottvertrauen aus dem Leben schied.

Mit den standardisierten Luther-Porträts bekommt die Reformation eine eigenständige Bildsprache. Diese Bilder aus der Cranach-Werkstatt wurden in hohen Stückzahlen hergestellt und an Kirchengemeinden und Privatpersonen verkauft.

"Es besteht eine propagandistische Absicht, wobei man sich natürlich bei den Bildnissen desgealterten Luthers schon fragt, warum er, aus der heutigen Sicht zumindest, doch so unvorteilhaft ausschaut. Er ist wirklich ein alter,dicker Mann mit schütterem Haar. Wenn man die Augen schließt und man sich Martin Luther vorstellt, ist das, was uns am ehesten ins Denken kommt, Luther mit diesem weißen Hemd und der roten Weste, unter der Schaube, die er trägt. Das ist Konfessionalisierung, da ist die Reformation an ihrem Höhepunkt angekommen und beginnt sich zu konsolidieren, ja, man ist am Ziel angelangt."

Wir sind es gewohnt, Martin Luther durch die Cranach Brille zu sehen. In Gotha weitet sich der Blick. Kurator Timo Trümper ist stolz auf die bedeutende Cranach-Sammlung, die das Schlossmuseum besitzt. Die aktuelle Ausstellung wird durch nationale und internationale Leihgaben ergänzt:

"Hochkarätige Grafiken, Einblattdrucke und Gemälde, wie beispielsweise die Prager Gesetz- und Gnadentafel, die seit 30 Jahren nicht mehr in Deutschland zu sehen war, oder das Gemälde 'Johann-Friedrich im Kreise der Reformatoren', was eine Inkunabel der Reformationskunst ist, und uns aus Amerika erreicht hat. Das sind Dinge, die eben wirklich auch besonders sind hier in unserer Ausstellung."

Cranach-Bilder als Propaganda

200 Exponate werden in Gotha kritisch befragt. Die Ausstellung „Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation“ will den Besuchern zeigen, wie die Cranach-Bilder als Propaganda funktionieren.

"Der Begriff Propaganda ist ja ein moderner, den wir aber ganz bewusst anwenden, um die Mechanismen und Phänomene des 16. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen. Und es sind eben oftmals altbekannte Dinge, die uns nah erscheinen. Thema:Wie man mit Bildern eben Botschaften in die Welt bringt, wie machtvoll diese Bilder sein konnten, wie Zensur auch immer wieder eingreift, um neue Ideen dann doch wieder auch zurückzunehmen."

Auch unter diesem Blickwinkel lassen sich die Cranach-Bilder betrachten. Die Fliegenden Blätter, die Kupferstiche und Gemälde dienten einem klaren Zweck: Sie sollen Luthers neue Lehre bebildern: Ein Baum, halb kahl, halb belaubt teilt das Gemälde. Links der Mensch, wie er unter dem Gesetz Gottes lebt, rechts der Kreuztod Christi, der den Menschen ohne ihr Zutun göttliche Gnade verspricht. Cranach hat das Gesetz- und Gnade-Thema – das den Kern des Protestantismus trifft – in eine schlichte Bildsprache übersetzt.

"Das ist eine neue Erfindung, die vermutlich gemeinsam mit Martin Luther 1529 durch Cranach ins Bild gesetzt wurde. Und Cranach versuchte also für die protestantische Kirche Lehrbilder auch zu schaffen, die einfach zu verstehen waren, die wichtigsten Neuerungen des Luthertums in der Vordergrund stellen."

Cranach stand im Dienst der Obrigkeit
Natürlich handelte der Maler nicht autark. Lucas Cranach ist noch kein moderner Künstler, wie wir ihn heute kennen. Er und seine Werkstatt stehen im Dienst der Obrigkeit. Hofmaler Cranach hat gleich drei sächsischen Kurfürsten gedient: Friedrich dem Weisen, Johann dem Beständigen und Johann-Friedrich dem Großmütigen. Alle drei waren redlich bemüht, dem aufstrebenden Protestantismus ein visuelles Gesicht zu verleihen.

"Besonders der dritte und letzte Kurfürst, der setzt eben die Kunst Cranachs ganz bewusst und strategisch für die Sache der Reformation ein, und da passt dann vielleicht der Ausdruck 'ausgebufft' dann doch, also er ist eben hochpolitisch, ein Machtmensch, der ganz genau weiß, wie wirkungsvoll Bilder sein können."

Die Cranach-Werkstatt existierte über zwei Generationen. Hier wurden hochwertige Bilder in Serie produziert. Zwei Cranach-Söhne und bis zu zwölf Werkstattmitglieder waren in Wittenberg tätig. Sie haben einen Malstil entwickelt, den auch ein Laie bis heute unschwer erkennen kann. Noch ist es kollektive Kunst, der einzelne Künstler tritt in den Hintergrund. Die Bilder wollten gar nicht unterscheiden zwischen Vater und Sohn und zwischen den einzelnen Werkstattmitgliedern.