Elisabeth Werder

Freie Journalistin & Texterin, Diespeck

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Artikel

Die Entwicklungssprünge in den ersten 20 Monaten

Dein Kind war gestern noch ein Sonnenschein und heute kannst du es ihm einfach nicht recht machen? Plötzlich schläft es nicht mehr durch, trinkt nicht mehr normal und findet das Lieblingsspielzeug doof? Willkommen in einem neuen Entwicklungsschub!


Die gute Nachricht vorneweg: Auch diese Phase wird vorübergehen. Dank der Wissenschaft lässt sich nicht nur beziffern, wann ein solcher Schub ungefähr zu erwarten ist, sondern auch wie lange er dauern wird und wie du deinem Kind am besten helfen kannst. Zuerst mach dir bitte bewusst: Ein Wachstumsschub ist etwas anderes als ein Entwicklungsschub.

Bei einem Wachstumsschub ist die plötzlich auftretende Veränderung des Körpers oder seiner Teile gemeint, also beispielsweise das Körperwachstum oder der wachsende Kopfumfang. Die ersten drei Wachstumsschübe nach der Geburt fallen in der Regel tatsächlich mit den ersten drei Entwicklungsschüben zusammen, spätere Wachstumsschübe treten auch unabhängig von der mentalen Entwicklung auf.


Wachstums- und Entwicklungsschübe

Was dein Baby oder Kleinkind während eines solchen Schubs leistet, ist enorm: Es entwickelt sich mental weiter, erlernt neue Fähigkeiten und Fertigkeiten. In den ersten 20 Lebensmonaten durchlebt dein Kind zehn solcher Entwicklungssprünge und jedes Mal wird es Dir so vorkommen, als hättest Du anschließend einen neuen Menschen vor Dir. 

Schübe sind für Eltern eine anstrengende Phase und führen nicht selten an die Grenzen der Belastbarkeit. Deshalb mach dir bewusst, wie anstrengend diese Entwicklung für dein Kind ist. Dem gegenüber ist das eigene Schlafdefizit nachrangig, oder? Trotzdem solltest Du dir Hilfe holen wenn Du nicht mehr kannst, denn nur wenn Du selbst bei Kräften bleibst kannst du deinem Kind helfen.


Die zehn Sprünge der mentalen Entwicklung

Die  Berechnung der Entwicklungssprünge basiert nicht auf dem tatsächlichen Geburtstag, sondern auf seinem Alter seit dem Zeitpunkt der Empfängnis. Das Gehirn entwickelt sich sowohl innerhalb, als auch außerhalb des Mutterleibs. Ein drei Wochen zu früh geborenes Baby hat beispielsweise ein noch nicht so weit entwickeltes Gehirn wie ein reif geborenes Baby. Möchtest Du also herausfinden, wann der nächste Sprung bevorsteht, dient der errechnete Geburtstermin und nicht der tatsächliche Geburtstag als Ausgangspunkt.


Eine kurze Übersicht der zehn Entwicklungssprünge:

  1. Sprung, Woche 5: Schwerpunkt Wahrnehmungsveränderungen & Sinneseindrücke
  2. Sprung, Woche 8: Schwerpunkt Muster
  3. Sprung, Woche 12: Schwerpunkt Fließende Übergänge
  4. Sprung, Woche 19: Schwerpunkt Ereignisse
  5. Sprung, Woche 26: Schwerpunkt Beziehungen & Zusammenhänge
  6. Sprung, Woche 37: Schwerpunkt Kategorien
  7. Sprung, Woche 46: Schwerpunkt Reihenfolgen
  8. Sprung, Woche 55: Schwerpunkt Programme
  9. Sprung, Woche 64: Schwerpunkt Prinzipien
  10. Sprung, Woche 75: Schwerpunkt Systeme

Quelle: van de Rijt et al. (2020): Oje, ich wachse! 


Im Laufe der Zeit erkennen Eltern schnell, wann unruhige Phasen zu erwarten sind und welche Anzeichen das eigene Kind typischerweise vor einem Sprung zeigt. Ein solcher Sprung besteht aus zwei Phasen: Die erste, schwierige Phase ist beispielsweise durch Anhänglichkeit, Quengelei und Weinerlichkeit gekennzeichnet. Es kommt zum Stillstand oder sogar einem Rückschritt in der bisherigen Entwicklung. In der zweiten Phase lernt das Baby neue Dinge, wird selbstständiger, macht bereits bekannte Dinge anders als früher oder zeigt auf einmal ganz neue Interessen.


Bei jedem Sprung bekommt das Kind eine neue Wahrnehmungsfähigkeit geschenkt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Im ersten Lebensjahr ist das acht mal der Fall, im zweiten Lebensjahr folgen zwei weitere Entwicklungssprünge.Die Veränderung der Wahrnehmung resultiert aus einer Veränderung im Gehirn und bedeutet, dass neue Fähigkeiten und damit einhergehend auch neue Lernmöglichkeiten entstehen.


Wie kann ich meinem Kind helfen?

Schon das aufmerksame Beobachten und bewusste Wahrnehmen von Veränderungen helfen Eltern und Kind, sich auf unruhige Phasen vorzubereiten. Notiere Dir beim nächsten Mal, wenn Dir eine Veränderung im Verhalten Deines Kindes auffällt, und beobachte die Entwicklung und Dauer dieser Phase. Möglicherweise erkennst Du ein Muster, welches Dir künftig Rückschlüsse auf anstehende Entwicklungsphasen erlaubt.


Aber es reicht natürlich nicht, zu wissen, wann der nächste Sprung stattfindet, um deinem Kind zu helfen. Es ist wichtig, dass Eltern verstehen, was beim jeweiligen Entwicklungssprung geschieht und die richtige Hilfe anzubieten. Bei einem grippalen Infekt zum Beispiel würdest Du auch nicht abwarten, bis es sich von selbst bessert, sondern die Schmerzen lindern und trösten. Auch, wenn ein Entwicklungssprung keine Krankheit ist, braucht das Baby in beiden Fällen Hilfe.


In erster Linie gehören dazu Rücksichtnahme und Geduld, denn für das Kind verändert sich in diesen Phasen die Wahrnehmung grundlegend und verständlicherweise benötigt es deshalb viel Aufmerksamkeit, Trost und Nähe. In zweiter Linie kann die Entdeckung neuer Welten und Fähigkeiten auf verschiedene Art und Weise gefördert werden. Dazu gehören beispielsweise visuelle und akustische Reize, altersgerechtes Spielzeug und eine bewusste Kommunikation.


Konkrete Handlungsempfehlungen für die jeweiligen Entwicklungssprünge finden sich beispielsweise in dem Buch "Oje, ich wachse!"* von Dr. Hetty van de Rijt oder in der zugehörigen (kostenpflichtigen) App


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