Dirk Kunde

Technologie-Journalist, Hamburg

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Nio: Eine Marke will nach oben

Probesitzen im größten E-SUV von Nio: EL8

Die chinesische Automarke Nio tauscht schon wieder ihren Deutschland-Chef aus. Dabei geht die Expansion in der elektrischen Oberklasse mit dem bislang größten E-SUV weiter. In Hamburg öffnet Nio die Pforten zu einem Design-Tempel in Alsternähe.

Große Bleichen 5. Das dürfte zu Deutschlands teuersten Einkaufsadressen gehören. In direkter Nachbarschaft findet man Marken wie Montblanc und Wempe. Der Fisker-Store gegenüber ist allerdings bereits leergeräumt. In Alsternähe in Hamburg eröffnet Nio sein viertes House in Deutschland. Die zwei Etagen mit knapp 1.300 Quadratmetern sind mehr als ein Showroom für Elektrofahrzeuge. Im Erdgeschoss vermitteln der Rennwagen EP9 sowie die aktuellen Modelle noch ansatzweise Autohaus-Gefühl. Doch spätestens im Obergeschoss wähnt man sich in einem Design-Möbelhaus. Hier warten ein Café, Sofa-Sitzgruppen, Besprechungs- und Veranstaltungsräume sowie ein Kinderspielzimmer auf Besucher. In den Regalen stehen Kunstbücher und an einer Wand liegen dezent einige Merchandise-Artikel. Das Café serviert auch einen Hausdrink, der hier Waterfront Whisper heißt

Den kann Deutschland-Chef Marius Hayler nicht mehr probieren. Kurz vor der Eröffnung am 20. Juni verkündet Nio seinen Abgang. Gerade mal acht Monate gab Nio seinem Hoffnungsträger aus Norwegen Zeit, den Vertrieb in Deutschland neu zu strukturieren. Sein Vorgänger Ralph Kranz war immerhin 21 Monate im Amt. Offiziell heißt es, Hayler trete aus persönlichen Gründen zurück. „Meine Entscheidung ist keine Entscheidung gegen Nio, sondern eine Entscheidung für meine Familie und Freunde in Norwegen", wird er in der Pressemitteilung zitiert. Hayler geht von München zurück nach Oslo. Dort hatte er ab 2021 als einer der ersten Mitarbeiter den Nio-Start in Europa begleitet. Doch geht er keineswegs als Privatier zurück in die Heimat, sondern leitet zukünftig für Polestar das Geschäft in Nordeuropa.


Es ist ein Marathon

Auch Haylers Nachfolger war bei der Runde in Hamburg abwesend. David Sultzer übernimmt das Amt des General Managers Deutschland. Er ist seit gerade mal neun Monaten bei Nio. „Seitdem konnte er bereits erfolgreich den Ausbau der Marke in Ostdeutschland unter Beweis stellen", heißt es in der Pressemitteilung zum Führungswechsel. Als Marktbeobachter ist man überrascht, denn in Gesprächen mit Nio hört man immer wieder, der Vertrieb laufe vor allem in Süd- und Westdeutschland gut. Wobei „gut" relativ ist, wenn man sich die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes anschaut. Gerade mal 190 Fahrzeuge stehen für die ersten fünf Monate des Jahres in der Statistik. Hier könnte ein Grund für die nervös wirkende Personalpolitik liegen. „Unser Gründer William Li ist der Ruhigste von allen. Er weiß, der Europastart ist ein Marathon, das hat er kürzlich bei der Eröffnung des Nio Houses in Amsterdam noch mal betont", sagt Christian Wiegand über die Lage im Unternehmen. Im Zuge der Umstrukturierung ist Wiegand zum Deputy General Manager ernannt worden. Also Nummer Zwei hinter Sultzer. Seine Rolle als Head of User Development (Marketing und Kommunikation) behält er. Er ist einer der ersten Mitarbeiter von Nio Deutschland und stellt sich in Hamburg den Fragen der Journalisten. Von der Sitzgruppe, wo dieses Gespräch stattfindet, hat man einen guten Blick auf das Gebäude gegenüber. Der Schriftzug Fisker ist noch zu lesen, ansonsten sind die Räumlichkeiten leer. Kunden, die ein E-Auto einer jungen Marke kaufen oder mieten, müssen mutig sein. Wird es Nio morgen noch geben? „Natürlich. Wir haben einen langfristigen Plan. Das belegen unsere Investments", erklärt Wiegand. Das Haus in Hamburg ist der vierte Standort dieser Art in Deutschland und der achte in Europa. In München gibt es einen Nio Hub, also eine Service-Niederlassung für Kunden. Ein weiteres Service Center wird demnächst in Köln eröffnen. Die Vorbereitungen für einen Nio Hub in Frankfurt laufen. Wechselstationen gibt es aktuell 15 in Deutschland. Im bayrischen Mühldorf am Inn eröffnet demnächst eine Station der dritten Generation. Sie fasst 21 statt 13 Batterien und erledigt den Tausch noch etwas schneller, also in knapp über drei Minuten. Nio erzielt mit diesem Pufferspeicher Umsätze im Regelenergie-Markt.


Auf wen zielt Nio?

„Der typische Nio Kunde ist innovationsfreudig und technikbegeistert", betont Wiegand, als er um eine Kunden-Beschreibung gebeten wird. Die meisten hätten bereits Erfahrung mit E-Autos. Um den Kreis noch zu erweitern, wird Nio im Laufe des Jahres in China Stromer im B-Segment unter der Marke Onvo, kurz für On Voyage auf den Markt bringen. Den Anfang macht der L60 als Pendant zum Tesla Model Y. Ob der nach Europa kommt, lässt Wiegand offen. Dafür gilt als sicher, dass die Fahrzeuge der Marke mit dem Arbeitstitel „Firefly" zu Preisen unter 30.000 Euro (B-Segment) ab 2025 in Europa verkauft werden.

Im Vertrieb verfolgt Nio ein bislang ungewohntes Konzept. Die Leute sollen das Fahrzeug nicht kaufen, sondern im All-Inclusive-Paket mit flexiblen Laufzeiten mieten. Die so genannten Nio Navigator liefern über eine App Feedback und Wünsche an Nio, den die Ingenieure nach Möglichkeit beim nächsten Update übernehmen. Zudem darf man als Beta-Tester Neuerungen ausprobieren. Jede Interaktion mit dem Unternehmen belohnt Nio mit Punkten. Autobesitzer erhalten für Kauf, Miete oder Batteriewechsel natürlich die meisten Punkte. Aber auch die App-Nutzung oder eine Probefahrt werden belohnt. Die Punkte kann man für Merchandise-Produkte oder einen Kaffee im Nio House einlösen.

Während in China nur Nio-Fahrer Zugang zu den oberen Stockwerken der Nio Houses haben, ist das Obergeschoss in Hamburg für jedermann zugänglich. Hier oben finden Yoga-Kurse und Co-Working statt. Man kann in der App einen der Besprechungsräume, die nach Stadtteilen wie Eppendorf und Rotherbaum benannt sind, kostenlos buchen. Mit dem Joy Camp gibt es einen Spielraum für Kinder. Die große Fläche im Obergeschoss wird abends für Wohnzimmerkonzerte genutzt. An den Wänden hängen zum Start Gemälde der Hamburger Künstlerin Gesa Hubertine Hirschfeld. Sie interpretiert chinesische Motive in ihren Arbeiten.


Ein kühles Getränk in der Mittelkonsole

Eine Etage tiefer dominieren die Autos. Nio ist zwar eine junge Marke, bietet jedoch bereits fünf Limousinen und SUV. Es sind sogar sechs, wenn man die Kombi-Version des ET5 als eigenständig zählt.

Auch im neueste Modell EL8 kann man hier probesitzen. Man könnte auch sagen, es ist Nios ältestes Modell, denn mit dem ES8 fing in China alles an. Inzwischen sitzt der E-SUV auf der aktuellen Fahrzeugplattform NT 2.0. Der Buchstabenwechsel von S zu L ist einer markenrechtlichen Auseinandersetzung mit Audi geschuldet. Ein Gericht stimmte Audi bei seiner Sorge zu, Kunden könnten S8 mit ES8 verwechseln.

Es zeigt aber auch, wie ernst Premiumhersteller die Konkurrenz aus China nehmen. Der EL8 ist ein Oberklassefahrzeug. In der Executive-Ausführung geht es in erster Linie ums Gefahren-werden. Der Beifahrersitz lässt sich zum Liegesitz mit Fußablage umklappen. Die Rückbank besteht aus zwei Einzelsitzen, die sich ebenfalls verstellen lassen und bequeme Kissen in der Kopfstütze haben. Nach oben blickt man durch ein Panoramaglasdach in den Himmel. Die 23 Lautsprecher mit 2.300 Watt Leistung sorgen für beeindruckend Sound der Musik- oder Medienwiedergabe. Einer der USB-C Anschlüsse liefet bis zu 60 Watt Leistung, um einen Laptop oder größere Geräte mit Energie zu versorgen. In der Mittelkonsole zwischen den beiden hinteren Sitzen, gibt es neben Getränkehaltern eine kabellosen Lademöglichkeit für Smartphones. Darunter befindet sich ein Fach, in dem man Getränke wahlweise kühl oder warm hält. Die dritte Sitzreihe besteht aus zwei Plätzen für Kinder. Legt man sie um, hat man 810 Liter Stauraum. Für leichteres Beladen senkt die Zweikammer-Luftfederung das Heck 90 mm ab. Im Dachspoiler über der Heckscheibe versteckt sich ein Scheibenwischer. Bei gutem Wetter ist er nicht zu sehen. Bei Regen sorgt er für freie Sicht durch die steil stehende Heckscheibe.


Vier Kindersitze fixieren

Zudem ist das 2,5 Tonnen schwere Fahrzeug sportlich unterwegs. Der 480 kW Allrad-Antrieb beschleunigt in 4,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 200 km/h. Mit der 100 kWh Batterie soll man bis zu 510 km weit kommen. Die Batterie kann man in Nios-Wechselstationen tauschen oder am Schnelllader mit bis zu 240 kW aufladen. Dabei öffnet die Ladeklappe nach einem Fingerwisch über ein Sensorfeld, ähnlich wie beim Porsche Taycan.

Nio hat mit dem Wagen große Familien im Blick. Auf der zweiten und dritten Sitzreihe verfügen alle vier Plätze über Isofix-Halterungen für Kindersitze. Nicht nur bei der Ausstattung bewegt man sich in der Oberklasse, sondern auch bei den Preisen. Die Standard-Version startet bei 82.900 Euro. Die Executive-Edition kostet 87.900 Euro. Allerdings enthalten die Preise nicht das teuerste Bauteil des E-Autos ¬- die Batterie. Wer die dazukauft (12.000 Euro für 75 kWh, 21.000 Euro für 100 kWh), kann das Wechselsystem nicht nutzen. Das funktioniert nur mit einer monatlichen Batteriemiete für 169 Euro (75 kWh) oder 289 Euro (100 kWh). Die Preise könnten zukünftig höher ausfallen. In der Liste der EU-Kommission stehen bei Nio 21 Prozent Einfuhrzoll, falls die Verhandlungen zu keinem anderen Ergebnis führen.

Dann dürfte es das 16-köpfige Team im Nio House Hamburg noch schwerer haben, die Autos an den geneigten Haseaten oder die Hanseatin zu bekommen. Nur mit Kaffee und dem Hausdrink wird sich die teure Immobilie nicht rechnen. Auch wenn der Waterfront Whisper sehr gelungen ist. Den kann man auch tagsüber genießen. Er besteht aus alkoholfreiem Gin, Rhabarber, Rosmarin und einem Hauch Meersalz. (se)


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