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Recycling: Fußmatten aus Geister-Fischernetzen

Alte Fischernetze aus dem Meer und Aquakulturen warten auf ihr Recycling

Nachhaltigkeit Recycling: Fußmatten aus Geister-Fischernetzen

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Nachhaltigkeit spielt für Käufer von E-Autos eine große Rolle. Darum verwenden Autohersteller immer mehr recycelte Materialien. Beispielsweise liegen im Hyundai Ioniq 5 Fußmatten aus Fischernetzen.

Lenn Kudrjawizki beugt sich über die Reling des Schiffes und zieht Meter für Meter eines alten Fischernetzes an Bord. Der Berliner Schauspieler ist mit der Umweltschutzorganisation Healthy Seas im Adriatischen Meer vor der kroatischen Küste unterwegs, um Reste kommerzieller Fischerei zu bergen. „Alte Fischernetze verheddern sich am Boden und werden so zur Falle für sämtliche Meeresbewohner", sagt Kudrjawizki während er einen noch lebenden Fisch aus dem Netz befreit und zurück ins Meer wirft.

Die Netze aus Kunststoff wabern geisterhaft die kommenden tausend Jahre am Meeresgrund. Im Englischen hat sich dafür der Begriff Ghost Nets etabliert. Die Taucher, die heute in bis zu 60 Meter Tiefe hinabsteigen, nennen sich daher Ghost Diver. Sie befestigen orange-rote Hebesäcke mit Karabinerhaken an den Netzen. Die Säcke werden mit Sauerstoff gefüllt und richten so das Netz im Wasser auf.

Bergen der Fischernetze: reine Handarbeit

„Dann können wir erkennen, wo sie sich mit Felsen oder anderen Dingen am Grund verheddert haben", sagt Derk Remmers. Der Wracktaucher aus Heidelberg engagiert sich in seiner Freizeit bei Healthy Seas, um das Meer von den Resten kommerzieller Fischerei zu befreien. Dabei schmeißen die Fischer ihre Netze nicht absichtlich ins Wasser.

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Im Gegenteil: Für sie ist ein verlorenes Netz ein großer wirtschaftlicher Schaden. Die Fangutensilien reißen sich bei Sturm los oder bleiben an Hindernissen hängen. Hinzu kommt, dass Geisternetze die Fischbestände verringern. „Die Netze tun, wofür sie gemacht wurden. Sie fangen Fische, die ansonsten niemand befreit", sagt Remmers. Das Auffinden und Bergen des Mülls ist für Healthy Seas ein mühsames Unterfangen und besteht aus reiner Handarbeit.

Im vergangenen Jahr befreiten 250 Helfer die Meere von 185 Tonnen Abfall. Eine beeindruckende Zahl. Doch Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr 640.000 Tonnen durch kommerzielle Fischerei neu hinzukommen. Da das Problem unterhalb der Wasseroberfläche liegt, müssen die Umweltaktivisten viel Überzeugungsarbeit leisten. „Wir gehen in Schulen und sensibilisieren junge Menschen für das Problem", sagt Veronika Mikos, Direktorin von Healthy Seas. Die dritte Säule sind die Fischer. Healthy Seas wirbt um deren Mithilfe bei Bergungsaktionen und bietet sich als Erstkontakt an, falls defekte Netze entsorgt werden müssen.

TV-Kommissar Kudrjawizki hilft mit

Doch wie kommen die Umweltschutzorganisation und der Schauspieler Kudrjawizki zusammen? Der Berliner spielt in der ARD einen Kommissar in Kroatien. In der Amazon-Serie Vikings verkörpert er einen russischen Prinzen und in der letzten Staffel von Babylon Berlin spielt er einen Schurken. Im wahren Leben geht es ihm jedoch um Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen. Er fährt die Strecke von Berlin nach Split zum Krimidreh in einem Ioniq 5 - Kudrjawizki ist Nachhaltigkeitsbotschafter für Hyundai.

Über seine Social Media-Kanäle sammelt er während der Fahrt mit dem E-Auto Spenden für Unicef-Projekte. Kudrajwizki ist zudem Musiker. Als Geiger spielt er in unterschiedlichen Formationen und leitet das Berlin Show Orchestra. „Wir gestalten unsere Konzertreisen und Auftritte klimaneutral", erzählt er nach der Bootstour auf dem Adriatischen Meer.

Die koreanische Automarke unterstützt Healthy Seas seit 2021. Im ersten Jahr der Zusammenarbeit wurden ein Dutzend Sammelprojekte in sieben Ländern realisiert. Das größte fand vor der griechischen Insel Ithaca statt. Während der fünf Tauchtage holten die Helfer hier 18,5 Tonnen aus dem Meer. Ein Großteil davon gehörte zu einer verlassenen Fischfarm. Die Reste der kommerziellen Fischerei bestehen größtenteils aus einem wertvollen Rohstoff: Nylon 6. Nach der Bergung und Reinigung entsteht aus den Netzen ein Garn, aus dem wiederum die Fußmatten im Ioniq 5 bestehen.

Aus Nylon 6 wird Econyl

Neben dem Tauchgang begleitet Kudrjawizki den weiteren Weg der alten Fischernetze. Sie landen gereinigt in einer Lagerhalle in Ajdovščina in Slowenien. Hier sammelt das italienische Unternehmen Aquafil alles Material. Wichtig ist nur, dass es ausreichend Nylon 6 enthält. Nur diese Kunststofffaser lässt sich in einem chemischen Prozess vollständig recyceln.

Neben Fischernetzen stapeln sich in der 10.000 qm großen Halle Bekleidungsreste, Teppiche und Plastikabfälle aus der Industrie. Beim Gang durch die Halle fallen Säcke mit der Aufschrift „Prada" und „Gucci" auf. Auch die Luxus-Branche entdeckt Nachhaltigkeit für sich. Die edlen Modemarken fertigen Taschen, die aus recyceltem Kunststoffgarn bestehen.

Aquafil entwickelte 2011 den Recycling-Prozess und taufte das Garn auf den Namen Econyl. Heute hat es einen Umsatzanteil von 42 Prozent aller Produkte. 120.000 Tonnen Recycling-Garn gehen pro Jahr an Kunden, die daraus Badeanzüge, Taschen, Teppiche, Sitzbezüge und Fußmatten fertigen. Noch ist Econyl teurer als klassisches Nylon-6-Garn. Doch der steigende Rohölpreis reduziert die Preisdifferenz.

Fußmatten sind nur der Anfang

Für Econyl wird kein neues Öl benötigt. Der chemische Prozess kommt ohne Zugabe aus. Ein Kilogramm Abfall ergeben 900 Gramm Econyl, teilt der Hersteller mit. „Und die Produkte lassen sich immer wieder recyceln", sagt eine Aquafil-Sprecherin auf der Tour durch die Fabrik in der Nähe der slowenischen Hauptstadt Lubljana. Hierher werden die Materialien aus der 90 km entfernten Lagerhalle gebracht und eingeschmolzen.

In einem so genannten De-Polymerisation-Reaktor werden die chemischen Verbindungen durch Hitze aufgebrochen. Es entsteht eine klare Flüssigkeit. Nach dem Abkühlen laufen dampfenden Fäden aus einer Maschine. Doch das Material bleibt nicht lange ein Faden, am Ende der Anlage rotieren scharfe Messer. Der Kunststoff landet als feinkörniges Granulat in einer Kiste.

Im nächsten Schritt wird das Granulat wieder eingeschmolzen und in einem geschlossenen System behandelt. Über einen Extruder verlässt der Kunststoff als feine Fäden die Produktionsstraße. Mehrere solcher haarfeinen Fäden bilden den Econyl-Faden. Der wird in unterschiedlichen Farben auf Papprollen aufgerollt. Ein Transportsystem an der Hallendecke bringt die großen Rollen zur Qualitätskontrolle und dann in die Versandabteilung.

Ioniq 6: Hyundai verbaut mehr nachhaltige Werkstoffe

Für Hyundai sind die Fußmatten im Ioniq 5 ein erster Schritt in Richtung nachhaltiger Innenausstattung. Bei der kommenden elektrischen Limousine Ioniq 6 macht man die nächsten Schritte: recycelte Pigmentfarbe aus Altreifen werden bei Innenverkleidungen eingesetzt sowie Bambuskohle-Pigmentfarbe für die Karosserie. Im Innenraum verwendet Hyundai recyceltes Gewebe aus PET-Flaschen für Sitzbezüge sowie den Dachhimmel.

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Im Armaturenbrett kommt eine Bio-Kautschuk-Mischung zum Einsatz. Die Fußmatten bestehen weiterhin aus Econyl. Das Recycling-Garn nutzt die Automarke auch in ihrer deutschen Zentrale in Offenbach, berichtet eine Hyundai-Sprecherin nicht ohne Stolz: „Werden Büros renoviert, verlegen wir Teppiche aus Econyl. Dann laufen unsere Kollegen auf alten Fischernetzen."

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