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Elektromobilität: Laden in der ersten Klasse

Schnelladen am Audi Charging Hub: unten lädt der E-Tron, oben trinkt der Fahrer Kaffee

In einer idealen Welt für Elektroautos müssten öffentliche Ladestationen eigentlich so aussehen wie jene, die ganz neu an der Münchener Straße in Nürnberg aus der Landschaft ragt. Von Weitem betrachtet sieht der zweistöckige Klotz aus wie eine zu klein geratene Audi-Filiale. Kommt man näher, erkennt man den Schriftzug "Audi Charging Hub". Im überdachten und beleuchteten Erdgeschossbereich finden sechs Elektroautos nebeneinander Platz.

Einen Ladestecker reserviert man mit 15 Minuten Vorlauf über eine App. Bei Ankunft klappt ein Metallbügel auf dem Boden ein und gibt den reservierten Stellplatz frei. Die flüssigkeitsgekühlten Ladekabel sind so schwer, dass sie an Schwenkarmen hängen, die den Großteil des Gewichts tragen. So berühren sie auch den Boden nicht und werden nicht zur Stolperfalle. Alles hat hier seine beste Ordnung.

Sobald der Ladevorgang startet, kann man hinauf in den ersten Stock. Dort gibt es Kaffee- und Snackautomaten, eine Toilette - das Inventar einer Raststätte im gehobenen Segment. Den bequemen Loungebereich dürfen aber nur Audi-Kunden nutzen. Bis 19 Uhr wird man von echten Menschen empfangen, danach öffnet die Tür per Pin-Code. Normalsterbliche mit Autos anderer Hersteller werden als Ladegäste an der Steckdose akzeptiert, allerdings nur, falls nicht alle Ladeplätze reserviert sind. Das ist die neue Welt der sogenannten Premiumladestationen, von denen jetzt die erste einen Tag vor Heiligabend eröffnet.

In 29 Minuten geht es weiter

Auch Porsche hat ähnliche Pläne für seine anspruchsvolle Kundschaft, eröffnet werden sollen Premiumladepunkte zunächst nur für den Taycan, das bisher erste und einzige Modell des Herstellers. Geplant sind drei Pilotstandorte, wobei der Brennerpass oben auf der Liste steht. "Die genauen Standorte werden wir Anfang nächsten Jahres festlegen", sagt Porsche-Sprecher Mayk Wienkötter. Pro Ladepark plant das Unternehmen mit acht bis zwölf Steckerplätzen. Die Ladeleistung dürfte wie bei Audi 320 Kilowatt betragen. Der Porsche Taycan und der Audi e-tron GT teilen sich eine Plattform und damit auch die maximale Ladeleistung von 270 kW ­- derzeit das Maximum eines Serienfahrzeugs.

Mit dem Gleichstromanschluss sind in fünf Minuten 100 km Reichweite nachgeladen. Unter Laborbedingungen kommen beide Modelle in 22,5 Minuten von fünf auf achtzig Prozent Ladestand. Laut Audi liegt die Durchschnittsdauer in der Praxis bei 29 Minuten. Das liegt an der Ladekurve. Eine leere Batterie wird zunächst auf Temperatur gebracht und die Ladeleistung steigt bis zum Maximum an. Je voller eine Batterie ist, desto stärker sinkt die Ladeleistung, um die Zellchemie zu schonen.

Staat fördert das Deutschlandnetz

Audi und Porsche sind Anteilseigner beim Schnellladeanbieter Ionity. Der Aufbau der Premiumhubs wirkt wie Konkurrenz im eigenen Haus. "Wir wollen das Ladeangebot insgesamt erweitern, aber auch den Premiumgedanken unserer Marke mit Leben füllen", sagt der Audi-Sprecher Benedikt Still. In Deutschland gibt es laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 47.000 öffentliche Normal- und Schnellladepunkte. Hinzu kommen 2.147 besonders leistungsfähige HPC-Ladeanschlüsse, wie sie auch Audi und Porsche installieren. Das Akronym steht für High Power Charging und beschreibt die Gleichstrom-Ladeleistungen über 150 kW.

Die Bundesregierung fördert mit dem Deutschlandnetz den Ausbau derartiger Ladepunkte. Bis 2023 sollen bis zu 1.000 HPC-Hubs entstehen. Der Koalitionsvertrag sieht den Ausbau auf eine Million Ladepunkte vor - vorzugsweise Schnelllader. Bis 2030 soll Deutschland mit 15 Millionen zugelassenen Elektroautos zum Leitmarkt für Elektromobilität werden. Die Koalition schieße aber damit über das Ziel hinaus, sagt Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. "Eine Million Ladepunkte werden nicht benötigt", erklärt sie. In dem Verband sind neben Energieversorgern auch Ladeanbieter wie Allego, Ionity und Fastned organisiert. Mit den aktuell installierten Ladepunkten lassen sich laut BDEW rechnerisch 1,3 Millionen E-Autos versorgen. Zugelassen sind derzeit 598.000 E-Autos.

Wohnsituation entscheidet über Lademöglichkeit

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Ist Deutschland bereits überversorgt? Das würden die meisten Fahrerinnen und Fahrer von Elektroautos sicher bestreiten. Laden ist nämlich bisher eine Frage der Wohnsituation. 46,5 Prozent der Deutschen leben in Wohneigentum, doch insbesondere in Städten ist das nicht immer mit einem Autostellplatz und der Installation einer Wallbox verbunden. Die Fahrer sind auf öffentliche Ladepunkte angewiesen. An normalen Wechselstrom-Ladesäulen mit elf kW Ladeleistung benötigt ein E-Auto je nach Batteriekapazität vier bis acht Stunden für eine vollständige Ladung.

Ab 22 Uhr aber mag man niemandem mehr zumuten, das Auto umzuparken, wenn es vollgeladen ist. So kommt es, dass für derartige Ladesäulen die durchschnittliche Nutzerzahl pro Tag im einstelligen Bereich liegt. Sobald die Mehrheit elektrisch fährt, funktioniert das nicht mehr.

Die Lösung heißt also HPC - das Schnellladesystem. Audi sieht sein Pilotprojekt als Ersatz für den Heimlader. "Wir gehen dorthin, wo unsere Kundinnen und Kunden nicht unbedingt morgens mit einem vollgeladenen E-Auto aufwachen", sagt Ralph Hollmig, Projektleiter für den Audi Charging Hub. Das Autobahnkreuz Nürnberg-Süd ist sechs Kilometer entfernt, doch in direkter Nachbarschaft liegt der Volkspark Dutzendteich. Man kann die Ladepause für einen Spaziergang oder eine Joggingrunde nutzen. Am Ladepunkt stehen E-Scooter sowie eine Batteriewechselstation des Anbieters Swobbee, sodass man stets Energie für eine Fahrt ins fünf Kilometer entfernte Stadtzentrum hat.

Bisher kann man als Fahrer eines Elektroautos froh sein, wenn es an einem HPC-Standort ein Dach gibt und der Parkplatz nachts beleuchtet wird. Audi jedoch plant für seinen ersten Charging Hub diverse Serviceangebote. Das reicht von Fahrzeugreinigung über Möglichkeiten für Geschäftstreffen in der Lounge bis zur Anlieferung von Essensbestellungen. Mit dem Lieferdienst Gorillas ist vereinbart, dass man sich seinen Wocheneinkauf per Fahrradkurier in die Münchener Straße bringen lassen kann. Mehr Service geht kaum.

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