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Chinesische Elektroautos: Von wegen Billigautos

Nio ES 8 kommt bald nach Europa

Als Jiangling Motors 2005 sein Modell Landwind nach Deutschland brachte, fragte die Autobild: "Das gefährlichste Auto der Welt?" Der ADAC-Crashtest hatte ergeben, dass Fahrer oder Fahrerin bei einem Frontalaufprall mit 64 km/h keine Überlebenschance hätte. Es gab keine Bremsen mit Antiblockiersystem und keinen Beifahrer-Airbag. Das Image des schlampigen Autobaus wirkte lange nach. Noch heute leiden die Marken aus darunter. "Vollkommen unberechtigt. Die Hersteller haben viel von den Europäern gelernt", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Centers of Automotive Management in Bergisch-Gladbach.

Wer in China Autos bauen will, benötigt einen lokalen Partner. So entstanden Joint Ventures, aus denen die chinesischen Hersteller wertvolles Wissen zogen. Ein Beispiel dafür ist BBA in Shenyang. Die Abkürzung steht für BMW Brilliance Automotive. Der BMW iX3, das zweite E-Auto der Bayern, entsteht im Werk Dadong. Das gilt auch für die in Deutschland verkauften Modelle. Die Produktionsqualität hat längst das Niveau der Werke in Europa erreicht.

Allerdings haben chinesische Hersteller eingesehen, dass sie mit Diesel- und Benzinantrieb auf dem Weltmarkt keine führende Position mehr erreichen werden. Elektromobilität dagegen ist ein neues Kapitel. So kommen jetzt Marken wie Aiways und LEVC, MG und Polestar, Wey und Xpeng nach Deutschland. Nio startet im Herbst mit seinem ES 8 in Norwegen. Das Unternehmen betreibt schon seit 2015 ein Designcenter in München. Da könnte der Deutschland-Start demnächst folgen.

Neue Wege bei Vertrieb und Service

Nio sieht sich als Premiummarke. Der Beifahrersitz im ES 8 lässt sich wie in der Business Class im Flugzeug flach umklappen. In der Mitte des Armaturenbretts thront eine bewegliche Kugel mit einem kleinen Display. Zwei Augen und ein Mund lächeln den Fahrer an. Nomi heißt die digitale Assistentin. Sie wechselt auf Sprachbefehl den Radiosender, öffnet das Glasschiebedach, schießt ein Foto der Insassen oder berechnet eine Route. Der SUV soll laut Hersteller mit einer Batterieladung bis zu 500 Kilometer weit kommen.

Beim Service geht Nio neue Wege. Neben einem Servicecenter in Oslo entstehen 2022 in vier weiteren norwegischen Städten Niederlassungen. Nio erledigt einfache Reparatur- und Wartungsarbeiten mit mobilen Servicefahrzeugen vor Ort beim Kunden. Auch beim Vertrieb ist Nio experimentierfreudig. Das 2.000 Quadratmeter große Nio House in der Osloer Innenstadt ist mehr Club als Verkaufsraum. Nio-Kunden treffen sich für Vorträge, gemeinsames Kochen und Erfahrungsaustausch. Ein Kundenbeirat hat Einfluss auf die weitere Entwicklung der Fahrzeuge. "Wir sind uns bewusst, dass wir kulturelle Hürden überwinden müssen", sagt Hui Zhang, Vizepräsident der Nio Group. "Aber wir haben das nötige Selbstvertrauen und sind geduldig."

Günstiger Einstieg in die Elektromobilität

Auch Aiways geht den Vertrieb ungewöhnlich an. Die Marke existiert erst seit vier Jahren. Eigene Autohäuser in Europa aufzubauen, dauert zu lange und kostet zu viel. Deshalb kann man bei der Elektronikhandelskette Euronics Probefahrten mit dem elektrischen U5 vereinbaren. Bestellt wird der SUV online. Wartung, Reparaturen und Software-Updates übernimmt die deutsche Firma ATU. Der U5 ist ausgestattet mit zwölf Ultraschall- und drei Radarsensoren, fünf Außen- und zwei Innenkameras. Sie ermöglichen Abstandstempomat, Stau- und Notbremsassistent. Die Premiumvariante mit 400 km Reichweite kostet 39.000 Euro. Vergleichbar ausgestattete Elektroautos europäischer Marken sind deutlich teurer.

"Dabei schmilzt der Kostenvorsprung der Chinesen", sagt Experte Bratzel. Die Löhne steigen, hinzu kommen Logistikkosten für den Export. Und eine automatisierte Fertigung ist überall ähnlich teuer. Wo also spart Aiways? Sie verzichten auf ein Navi. So erübrigen sich Verbindungskosten für Verkehrsdaten und Lizenzgebühren für Kartenmaterial. Mit dem Smartphone hat schließlich ohnehin jeder ein Navi bei sich, so die Überlegung.

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