Dirk Kunde

Technologie-Journalist, Hamburg

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Scania: 50 Tonnen Steine und kein Fahrer

Der autonome AXL von Scania unterwegs in einem Kieswerk

Scania zeigt erstmals auf seinem Testgelände in Schweden einen autonom fahrenden LKW ohne Fahrerhaus. Der Kipplaster AXL kann bis zu 50 Tonnen transportieren und basiert auf einem klassischen Scania-Truck mit Verbrennungsmotor.

Autonome Fähigkeiten besitzen Vorrang vor E-Antrieb

Das Besondere: Kameras, GPS-Antennen, Radar- und Lidar-Sensoren liefern der CPU-Einheit ein digitales Abbild der Umwelt als auch die aktuelle Fahrzeugposition. Daraus errechnet der Computer die Fahrstrecke zwischen Start- und Endpunkt. Der AXL erkennt Hindernisse und weicht aus.

„Autonomes Fahren wird nicht kommen. Es ist schon da. Wir haben bereits erste Fahrzeuge ausgeliefert und viele Tests laufen", sagt Christian Levin, Chief Operation Officer bei Traton. Der schwedische LKW-Hersteller Scania ist Teil der börsennotierten Traton Group. Darin hat Volkswagen seine Nutzfahrzeuge der Marken Scania, MAN sowie Volkswagen Caminhões e Ônibus (Trucks & Busse) aus Brasilien gebündelt.

Im Rahmen eines Innovation Days zeigte Scania auf dem Testgelände bei Södertälje, 40 km südwestlich von Stockholm, den AXL. Bei der Vorführung wurde ein Pkw so platziert, dass der orangefarbene Lkw ihn umfahren muss.

Für den stehenden AXL war das Hindernis zu nah positioniert, so dass er zunächst zurücksetzte und danach die beiden vorderen Achsen einschlug, um den Pkw zu umfahren. Noch ist das Konzeptfahrzeug nicht mit Sensoren für den Ladebereich ausgestattet. Das sei aber nur eine Frage der technischen Ausstattung, so einer der Testingenieure vor Ort. Dann weiß der AXL nicht bloß, wann er voll beladen ist, sondern auch wohin er seine Ladung transportieren soll.

Das Konzept ist für Minen-Betriebe sowie Großbaustellen gedacht. Auf derartigen Geländen gibt es keine Auflagen der Zulassungsbehörden. Das erleichtert den Testbetrieb. „Wir haben bereits selbstfahrende Lkw bei Kunden im Einsatz, allerdings mit Platz für einen Sicherheitsfahrer, der nötigenfalls eingreifen kann", sagt Claes Erixon, Leiter Forschung und Entwicklung bei Scania. So fährt seit August 2018 ein Scania-Kipplaster in einer Salzmine des Unternehmens Rio Tinto in Westaustralien weitestgehend autonom. In diesem Fall ist das Kontrollzentrum 300 Kilometer von der Mine entfernt.

E-Antrieb ist für AXL autonomes Nutzfahrzeug künftig durchaus denkbar

Noch nutzen die der Test-LkW als auch der AXL konventionelle Antriebe. Das ist der Lage der meisten Minen geschuldet. Sie befinden sich fernab einer elektrischen Infrastruktur. Einen großen Diesel-Tank dort zu deponieren, ist bislang einfacher. Doch wenn die Traton Group es mit der Nachhaltigkeit ernst meint, wird sie den AXL auch mit batterie-elektrischem Antrieb anbieten. Tagsüber können stationäre Speicherbatterien mit Wind- oder Sonnenenergie aufgeladen werden, um nachts den Kipplaster aufzuladen.

Selbstfahrende Nutzfahrzeuge sind auch auf öffentlichen Straßen keine ferne Zukunftsmusik. Gemeinsam mit Nobina testet Scania autonome Busse. Nobina betreibt im Auftrag diverser Gemeinden und Stadtverwaltungen den öffentlichen Nahverkehr in Schweden. In der Flotte sind 3.500 Busse, davon 150 mit Elektroantrieb.

Ende 2020 beginnt in Barkarby, einem Vorort von Stockholm, der Probebetrieb mit dem elektrischen Scania Citywide LF. Der zwölf Meter lange Niederflur-Bus bietet Platz für 80 Fahrgäste. Er absolviert dann eine fünf Kilometer lange Route durch Wohngebiete und endet an einer S-Bahnstation für die Weiterfahrt nach Stockholm.

Auf einem Teilstück über einen Kilometer wird der Bus ab 2021 voll autonom fahren. Vorab absolviert der Scania Citywide Testfahrten ohne Fahrgäste. Danach folgen Fahrten mit Passagieren und einem Sicherheitsfahrer an Bord.

Richtige Software für autonomes Fahren entscheidend

Für das Entwickeln autonomer Fahrzeuge ist Software wichtiger als Hardware. „Ein Grund, warum 30 Prozent unserer Ingenieure, immerhin fast 2.000 Mitarbeiter, an Code und nicht an Bauteilen arbeiten", sagt Andreas Renschler, Traton CEO und VW-Vorstandsmitglied. Bis 2025 werde die Unternehmensgruppe eine Milliarde Euro für Forschung und Entwicklung zurückstellen.

Auf der Agenda von Traton steht nicht nur autonomes Fahren. Der Umstieg auf emissionsfreie Antriebe und Nachhaltigkeit sind für die Transportbranche wichtige Themen. So liegt die Kapazitätsauslastung bei Lastkraftwagen durchschnittlich bei 50 bis 60 Prozent. Weniger Leerfahrten und eine bessere Auslastung würden die Effizienz steigern. Das Tochterunternehmen Rio bietet eine cloudbasierte Lösung zur Steuerung von Fahrten und Frachtmengen. „Digitalisierung kann einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten", sagt Renschler.

Der Antrieb mit Brennstoffzellen in Nutzfahrzeugen spielte beim Innovation Day keine Rolle. Der Trend geht eindeutig in Richtung Hybrid- und Elektroantriebe. „In 10 bis 15 Jahren werde eines von drei ausgelieferten Nutzfahrzeugen einen alternativen Antrieb haben", sagt Renschler.

Da Speditionen und Verkehrsbetriebe knapp kalkulieren, müssen die Kosten für den Lebenszyklus (TCO) eines Fahrzeugs mit Elektroantrieb dem eines Diesel-Antriebs mindestens entsprechen. Um die Kosten in Entwicklung und Produktion zu senken, wird die Gruppe verstärkt Komponenten wie beispielsweise Batterien aus dem Volkswagen-Konzern beziehen.

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