Dirk Kunde

Technologie-Journalist, Hamburg

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Daimler baut Wasserstoff-Wohnmobil

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Noch ist das Wohnmobil mit Brennstoffzellen nur ein Konzeptfahrzeug

Daimler rüstet eVito und eSprinter mit einem batterieelektrischen Antrieb aus. Mit einer Batterieladung schaffen die Transporter bis zu 150 km Reichweite. Genug für städtische Auslieferungen und Handwerksbetriebe. Bei der Langstrecke setzt Daimler überraschend auf die Brennstoffzelle.

Elektroautos | Von Dirk Kunde

Damit überrascht Daimler die Besucher auf dem Hamburger Großmarkt: Plötzlich rollt ein Wohnmobil lautlos vor den Pavillon. Es ist ein eSprinter von Daimler mit einer Wohnkabine von Hymer. Im Boden stecken 412 Brennstoffzellen, eine Batterie und vier Wasserstofftanks. Mit einer Tankfüllung (7,4 kg Wasserstoff) kämen Camping-Freunde 530 km weit.

"Damit kommt man lokal emissionsfrei bis ins Naturschutzgebiet. Und die Batterie liefert auch den Strom für Licht und die Küche", sagt Volker Mornhinweg, Leiter Mercedes-Benz Vans. Das Konzeptfahrzeug stiehlt den beiden Elektro-Transportern die Show. Wo sonst Obst, Gemüse und Blumen gehandelt werden, präsentiert Daimler den eVito und den eSprinter mit batterieelektrischem Antrieb.

Volker Mornhinweg

Der Van-Chef schwärmt von den Möglichkeiten, die ein Wohnmobil mit Brennstoffzelle bieten kann.

Der Schwenk zur Brennstoffzelle mag überraschen: Zwar forscht Daimler bereits seit vielen Jahren an der Technik, doch auf der Straße sieht man noch keine Fahrzeuge. Immerhin soll im Herbst endlich der Mittelklasse-SUV GLC F-Cell auf den Markt kommen. Ankündigungen gab es bereits viele. Doch als regelmäßiger Besucher von Automessen konnte man den Eindruck gewinnen, nur die asiatischen Autohersteller setzen noch auf Wasserstoff.

Auf langen Strecken im Vorteil

Der Concept eSprinter F-Cell wiegt nur 200 kg mehr als die Diesel-Variante. Somit geht nur wenig Nutzlast verloren. Mit 530 km Reichweite und kurzen Tankstopps ist er auf langen Strecken gegenüber der Elektrobatterie im Vorteil. Einziger Knackpunkt: Die fehlenden Wasserstofftankstellen. Laut Initiative H2 Mobility, an der auch Daimler beteiligt ist, gibt es in Deutschland rund 50 Wasserstoff-Tankstellen. Im kommenden Jahr sollen es 100 werden und bis 2023 soll das Netz auf über 400 wachsen.

"Politik und Gesellschaft haben sich darauf geeinigt, dass zunächst die Infrastruktur für Elektromobilität ausgebaut wird", sagt Wilfried Porth, Vorstandsmitglied und zuständig für das Geschäftsfeld Mercedes-Benz Vans, zu der noch lückenhaften Abdeckung.

Das Wohnmobil ist als Hybrid-Fahrzeug konstruiert. Die 9,5 kWh-Batterie liefert Energie für Standzeiten als auch zum Anfahren, bevor die Brennstoffzelle aus Sauerstoff und Wasserstoff Energie erzeugt. Die Ingenieure rühmen sich, den Platingehalt in den Zellen um 90 Prozent gesenkt zu haben. Auch der Luftkompressor, eine Art Turbolader, wurde verbessert. So leistet der Heckantrieb 147 Kilowatt und 350 Newtonmeter Drehmoment.

150 km Reichweite für den Tag

Doch bevor Naturfreunde damit in den Urlaub aufbrechen können, wird es noch einige Jahre dauern. Den kleineren Transporter eVito kann man schon jetzt zu Nettopreisen ab 39.990 Euro bestellen. Er wird im Herbst 2018 ausgeliefert. Im Jahr 2019 folgt der größere eSprinter, für den es noch keine Preisangaben gibt. Auch bei den erwarteten Absatzzahlen ist Daimler zurückhaltend. Bei Pkws will der Konzern bis 2025 einen Anteil von 15 bis 25 Prozent der batterieelektrischen Antriebe erreichen. Im gewerblichen Bereich dürfte das geringer ausfallen.

Daimler-Vorstand Porth

Wilfried Porth rechnet mit einem Ausbau der Lade-Infrastruktur.

"Mit der Batterieleistung steigt das Gewicht und es bleibt konstant, egal wie voll die Batterie ist", sagt Mornhinweg zum Einsatz der Antriebsarten. Die beiden Transporter eVito (41,4 kWh) und eSprinter (55 kWh) schaffen mit einer Batterieladung bis zu 150 Kilometer. Für Handwerker als auch Kurier- und Paketboten eine ausreichende Tagesleistung bei Zuladungsvolumina von 1.073 bzw. 1.040 Kilogramm. Die flüssigkeitsgekühlten Pouch-Zellen stammen aus dem konzerneigenen Werk in Kamenz. Den eVito kann man nur mit einem Wechselstrom-Anschluss (7,2 kW) in sechs Stunden vollständig aufladen. Den eSprinter gibt es auch mit einem CCS-Anschluss für schnelle Gleichstromladung. Die Rekuperationsleistung kann der Fahrer in vier Stufen einstellen.

Beim eVito gibt es zusätzlich drei Fahrprogramme, bei denen man zugunsten der Reichweite auf Motorleistung und Komfort (Klima) verzichtet. Für das Erwärmen und Kühlen der Fahrerkabine setzt Daimler auf einen Wärmetauscher. Außerdem wird eine Sitzheizung, angeboten, da die Wärme näher am Körper abgegeben wird. Das hat Vorteile beim ständigen Ein- und Aussteigen eines Kurierfahrers.

Den Umstieg erleichtern

Unternehmen oder Handwerker, die unsicher sind, ob ein Umstieg möglich ist, können mit der Simulations-App eVan Ready ihre Fahrten aufzeichnen und auswerten, ob die Batterieleistung für ihre Fahrten ausreicht bzw. wie oft aufgeladen werden müsste. Daimler bietet für Umsteiger auch einen Online-Kostenkalkulator. "Für gewerbliche Kunden sind die Gesamtkosten eines Fahrzeugs wichtig. Hier kann man Anschaffung, Steuern und Verbrauch bei individueller Laufleistung vergleichen", sagt Produktmanagerin Simona Kugel.

Zu den ersten Abnehmern der elektrischen Transporter zählen Hermes (1500 Fahrzeuge) und Amazon Logistics (100 Fahrzeuge). Paketdienstleister Hermes testet auch die von Daimler angebotenen digitalen Services zum Lastmanagement. An vier Standorten wird getestet, wie sich durch Softwaresteuerung teure Lastspitzen beim gleichzeitigen Laden der Fahrzeuge auf dem Betriebsgelände vermeiden lassen. Unter dem Namen Mercedes Pro Connect bietet Daimler Flottenmanagern auch Fahrstilanalysen, Einsatzplanungen sowie Service- und Wartungsmanagement an.

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