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Datenanalysten in der NFL: Die Zahlenflüsterer - DER SPIEGEL - Sport

Wenn am Samstag die Playoffs in der National Football League ( NFL) starten, wird sich zeigen, wie konservativ die Liga ist. Vier Versuche hat ein Team, um zehn Yards Raumgewinn zu erzielen und damit vier neue Versuche zu bekommen. Die meisten Teams spielen aber so, als hätten sie nur drei Versuche. Schaffen sie im dritten Anlauf die zehn Yards nicht, versuchen sie je nach Feldposition ein Field Goal zu schießen - oder sie punten, kicken den Ball also zum Gegner, damit er aus möglichst schlechter Feldposition starten muss.

Ausgespielt wird der vierte Versuch meist nur in extremen Situationen, bei hohem Rückstand etwa und wenn die Spielzeit knapp wird. Doch ist diese Variante wirklich sinnvoll?

Die Baltimore Ravens führen derzeit den Gegenbeweis. Der Mut, den vierten Versuch auszuspielen, trug dazu bei, sie zum besten Team der regulären Saison zu machen, 14 Siege bei nur zwei Niederlagen. Von den 24 ausgespielten vierten Versuchen der Ravens brachten 17 den Raumgewinn für ein neues First Down, also einen neuen ersten Versuch - die Erfolgsquote von 71 Prozent ist Spitzenwert in der Liga.

Dass die Ravens so mutig auftreten, liegt auch daran, dass Cheftrainer John Harbaugh immer öfter einem jungen Einflüsterer vertraut. Daniel Stern heißt er, ist 25 Jahre alt und hat in Yale Verhaltensökonomie studiert. Bei den Ravens ist er seit dieser Saison Chef der "Analytics"-Abteilung. Wer jetzt Jonah Hill als Peter Brand im Hollywoodfilm "Moneyball" vor Augen hat, liegt nicht so falsch.

Vereinfacht gesagt geht es bei "Analytics" darum, die Daten und Statistiken über Spieler und Spiele der NFL mit wissenschaftlichen Methoden aufzubereiten, um sich damit einen Vorteil gegenüber den anderen Teams zu verschaffen. Etwa, indem man bessere Entscheidungen darüber trifft, einen vierten Versuch auszuspielen oder nicht. Und in diesen Situationen verlässt sich Harbaugh oft auf seinen Analytics-Chef Stern.

"Es ist beeindruckend, seinem Verstand bei der Arbeit zuzusehen"

Stern wuchs in Baltimore auf und machte seinen Highschoolabschluss auf der Park School in Pikesville, nur ein paar Kilometer entfernt vom Trainingscenter der Ravens in Owing Mills. "Es ist beeindruckend, seinem Verstand bei der Arbeit zuzusehen", erinnert sich sein Lehrer Tony Asdourian im "Baltimore"-Magazin.

Stern war nicht nur mathematisch hochbegabt, sondern führte auch die "Mock Trial"-Teams der Park School und der Yale University zu diversen Titeln. Dabei geht es um simulierte Gerichtsverfahren. Alle Aspekte sammeln, sie gewichten, analysieren und dann zu einer Entscheidung kommen - das hilft ihm auch bei den Ravens, bei denen er direkt nach seinem Collegeabschluss anheuerte. Nun sitzt er während der Spiele neben Offensive Coordinator Greg Roman.

Unter der Woche diskutieren Harbaugh und Stern, wie sie das kommende Spiel unter Analytics-Gesichtspunkten angehen wollen. Sie stellen ein paar Regeln auf, die ihnen die beste Chance auf einen Sieg geben. Während des Spiels gibt Stern Harbaugh auch Analytics-Infos vor entscheidenden Spielsituationen. "Ich erinnere ihn daran, was wir geplant haben", sagte Stern "The Athletic", "aber er sagt natürlich auch mal 'Meinst Du, dass wir das tun sollten?' oder 'Das will ich nicht machen'. Er ist der Cheftrainer und trifft die Entscheidungen, die er für richtig hält."

Sogar das Wetter fließt in die Berechnungen ein

Wenn es dann schiefgeht, sind die Kritiker schnell zur Stelle. So musste sich Harbaugh nach der Niederlage in Kansas City dafür verteidigen, dass er nicht nur viermal einen vierten Versuch ausspielte (davon dreimal erfolgreich), sondern auch noch dreimal nach einem Touchdown vergeblich eine Two-Point-Conversion versuchte, statt per Kick einen Extrapunkt zu erzielen.

"Wir stehen zu unseren Entscheidungen. Sie gaben uns die besten Chancen, diese Partie zu gewinnen", sagte Harbaugh. "Viele Faktoren sind in unsere Berechnungen eingeflossen, sogar das Wetter. Es war kein Spiel der Feldposition, sondern ein Spiel des Ballbesitzes. Wir haben versucht, so viele Punkte wie möglich aus unserem Ballbesitz zu machen."

Wer sich bei knappen Spielen nicht dem Nervenkitzel aussetzen will, ob der eigene Kicker das entscheidende Field Goal macht oder der gegnerische Kicker verschießt, schaut vielleicht, ob er Erfahrung und Bauchgefühl mit "Win Probability", "Added Win Percentage" oder "Expected Points Added" kombinieren kann. So heißen drei der wichtigsten Analytics-Kategorien. Dann sind die Chancen höher, öfter solche Begegnungen zu gewinnen.

Datennutzung zur Spielerauswahl

Nicht alle Teams in der NFL gehen so offen mit Analytics um wie die Ravens, die meisten wollen sich nicht in die Karten gucken lassen - oder misstrauen dem Trend noch. Genau wie die Kritiker, die sagen, ob ein Spieler einen entscheidenden Tackle setze oder nicht, könne Analytics nicht voraussagen.

Aber diese Teams werden wohl bald die Ausnahme sein. Denn die Daten werden immer mehr und die Methoden zur Nutzung immer besser - nicht nur für die Spielvorbereitung und die Taktik. Sondern auch zur Evaluation von Spielern, wenn es darum geht, sie im Draft auszuwählen oder ihnen einen Vertrag anzubieten.

Vor den Ravens in dieser Saison waren übrigens die Philadelphia Eagles das Team, das einen vierten Versuch ähnlich oft und erfolgreich ausspielte. Gleich 29-mal machten sie das während der Saison 2017 - zweimal erfolgreich beim Sieg im Super Bowl gegen die New England Patriots.

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