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Frauen mit Spielsucht: Plötzlich landest du im Tunnel

Spielautomaten bergen im

Seit einiger Zeit werben Spielhallen besonders um Frauen – mit zweifelhaftem Erfolg: Die Zahl der Spielerinnen ist tatsächlich gestiegen. Und mit ihr die Zahl der Süchtigen. Unterwegs mit einer Frau, die ihre Sucht in den Ruin getrieben hat.


Drei Schwerter wären jetzt gut oder fünf Hunde. Die kommen, wenn sie hart und schnell genug drückt. Daran glaubt Ulrike Menne, sie hofft es zumindest, und klopft auf der Start-Taste herum, bis ihre Fingerkuppen taub sind. Die Symbole auf dem Bildschirm stoppen: zu wenige Hunde, gar keine Schwerter. Menne schiebt einen weiteren Fünf-Euro-Schein in den Schlitz, ihren letzten, drückt auf Start. Dieses Mal versucht sie es anders: Sie hält die Taste fest und mit der anderen Hand die Hälfte der Symbole am Bildschirm zu. „Du gibst doch, du bist doch im Gebermodus", sagt sie zu dem Automaten. Der antwortet mit demselben Geklingel wie seit Stunden schon.


Wenn Menne später rauskommen wird aus dem Tunnel, in dem sie jetzt ist, wird sie das für Schwachsinn halten: dass es den Automaten interessiert, wie oft sie die Tasten drückt, ob sie nach jedem Freispiel das Gerät wechselt, ob Vollmond ist oder Monatsende. Ihr wird klar sein, dass sie keinen Einfluss auf das Zufallssystem hat, das dem Automaten einprogrammiert wurde. Jetzt aber, in dieser Halle, in der es komisch nach nichts riecht, glaubt Menne wenigstens über das Spiel die Kontrolle zu haben, wenn schon nicht mehr über ihr Leben.


Ulrike Menne hat sich gewünscht, dass ihr richtiger Name in diesem Text nicht auftaucht. Man könnte meinen, dass sie als Frau eine Ausnahme in den Spielhallen ist. Bis vor zehn, zwölf Jahren war der Anteil weiblicher Spieler tatsächlich verschwindend gering. Aber dann haben viele der Spielhallen-Betreiber ihre Strategie geändert. Sie wollten, dass ihre Branche weiter wächst - und was sie taten, sprach vor allem Frauen und junge Menschen an. Es gab neue Spiele, hübschere Hallen und kostenlosen Latte macchiato statt nur der üblichen Softdrinks. Seither ist der Frauenanteil in den Spielhallen rasant gestiegen, auf mehr als 20 Prozent.


Die Industrie hält das alles - die schöneren Hallen, den besseren Service - für das normale Verhalten normaler Unterhaltungsunternehmen. Es gebe einen natürlichen Spieltrieb, formulieren Vertreter der Branche, den könne man nicht verbieten, und nichts sei falsch daran, ihn zu bedienen. 10,89 Euro bezahlen die Kunden für eine Stunde in der Spielhalle im Durchschnitt, das hat das Fraunhofer-Institut ermittelt. So ein Besuch sei also kaum teurer als einer im Kino, argumentieren die Spielhallen-Betreiber.


Für ihre Kritiker ist die Automatenindustrie dagegen alles andere als eine normale Wirtschaft. Spielautomaten bergen im Vergleich zu allem anderen - zu Poker, Lotto oder Sportwetten - das höchste Risiko, abhängig zu werden. Das hat eine selbst von der Industrie anerkannte Studie der Universität Greifswald ergeben. Wer einmal abhängig sei vom Automatenspiel, davon berichten die Suchtberater in den Hilfseinrichtungen, ruiniere sich finanziell und emotional, lüge und betrüge und werde manchmal kriminell, um sich Geld zu beschaffen. Und, so kritisiert es etwa die Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Mit den Spielsüchtigen mache die Automatenindustrie 60 bis 80 Prozent ihres Umsatzes.


Ulrike Menne ist überzeugt davon, dass diese Zahlen stimmen. Menne sieht die Spielhallen leer werden, wenn den Leuten gegen Ende des Monats das Geld ausgeht. Sie sieht viele andere wie sich selbst „viel reinstecken, oftmals schimpfen, auf die Bildfläche hauen, weil er wieder nicht gibt, was er geben soll, Bilder zuhalten, stinkesauer sein: Schon wieder Pause!" Jede Stunde macht ein Spielautomat fünf Minuten Pause, das ist gesetzlich so vorgeschrieben. „Das sind die schlimmsten fünf Minuten, die man sich vorstellen kann", sagt Menne.


Als wir uns im Herbst vergangenen Jahres das erste Mal in Hannover in den Räumen einer Selbsthilfegruppe trafen, wirkte Menne, eine 57 Jahre alte Frau, anfangs gar nicht so, als könne sie sich von etwas so Banalem wie dem Automatenspiel aus dem Leben hauen lassen. Herzlich ist sie, offen, reflektiert. Anfang 2016 war sie aus einer Klinik für Suchtkranke entlassen worden, danach wurde sie viermal rückfällig, „das letzte Mal war schon wieder die Höhe der Miete weg". Nun hat sie seit drei Wochen nicht gespielt.


Angefangen hat es vor mehr als sechs Jahren, ganz harmlos und mit einem Gewinn. Das Pech haben viele, die irgendwann spielsüchtig sind: dass es der Zufall am Anfang einmal gut mit ihnen meint. Lange nach diesem fröhlichen Spielhallen-Ausflug mit einer Urlaubsbekanntschaft musste Menne Betriebskosten nachzahlen, und zwar drei Jahre in Folge. 1700 Euro. 1200 Euro. 700 Euro. „Ich hatte das Geld aber nicht", sagt sie, die damals gerade arbeitslos und raus aus ihrer zweiten Ehe war und einen zehn Jahre alten Sohn zu Hause hatte, der das alles nicht so gut wegsteckte. Also ging sie spielen, beim ersten Mal mit zehn, dann mit zwanzig Euro, „und dann bin ich hin und hab einmal die ganze Miete verhökert".


So ging das Jahr um Jahr. Nachts nahm sie ihr Geld, wurde in der Spielhalle nett begrüßt und gefragt: „Bleibt's beim Latte macchiato ohne Zucker?" Wenn ihr Sohn fragte, erzählte sie, dass sie mit Freunden unterwegs gewesen sei. Wenn das Geld alle war, bat sie die Mutter um Hilfe. „Es gibt auch keine Grenze mehr. Wenn einen der Tunnel erwischt, dann sagt man: Nur noch den Fünfziger, dann ist Schluss. Dann: Na gut, du kriegst gleich einen Gewinn - den Hunderter musst du aber lassen, du musst dem Jungen ja was zu essen kaufen."


Spielhallen, diese schmuddeligen Räume in baufälligen Kellern und öden Vorstadtbahnhöfen, waren lange eine Männerwelt. Wer wissen will, wie es dazu kam, dass es irgendwann auch Frauen dahin zog, der kann an der Universität Hamburg anrufen, bei Ingo Fiedler. Fiedler ist Wirtschaftswissenschaftler und forscht zu Glücksspiel. Er ist einer derjenigen, die errechnet haben, dass ein Großteil des Umsatzes der Automatenbranche von Spielsüchtigen stammt. Und ihm ist noch etwas anderes aufgefallen: Das Geld, das die Branche insgesamt verdient, hat sich seit 2006 fast verdoppelt. „Wer solche Wachstumszahlen hat, der will nicht stagnieren", sagt er.


Also habe sich die Automatenindustrie neue Märkte gesucht und drei gefunden: erstens das Internet, allerdings eine rechtliche Grauzone - was sogar einige traditionelle Automatenhersteller kritisch sehen. Zweitens sind das Jugendliche, für die in den Vereinigten Staaten zunehmend Automaten entwickelt werden, in denen Geschicklichkeitselemente eine Rolle spielen oder das zumindest vorgetäuscht wird. Und drittens eben: Frauen.


Aus wirtschaftlicher Sicht, so Fiedler, sind Frauen für die Automatenindustrie mehrfach interessant. So ist die Möglichkeit zu wachsen immer da besonders groß, wo eine Zielgruppe unterrepräsentiert ist. Zudem sei es erstrebenswert, ein Produkt für ein großes Publikum zu öffnen. Vor allem: Neue Kunden sind erst einmal keine süchtigen Kunden.

Die Industrie entwickelte also Spiele, die rosa aussehen und beispielsweise „Lucky Lady's Charm" heißen, lüftete einmal ihre muffigen Hallen durch und warb auf Plakaten mit glücklichen Frauen vor spendierfreudigen Automaten.


Ulrike Menne sagt: Das habe gewirkt, bei ihr und anderen. „In den Spielhallen sitzen viele Frauen und junge Leute", sagt sie. Zwischen 20 und 25 Prozent der Spieler sind Befragungen zufolge Frauen - viele Spieler selbst und Experten sagen, es seien eher noch mehr. Denn Frauen schämten sich häufiger, in den Studien zuzugeben, dass sie in Spielhallen gehen.


Schon hier sei gesagt: Die Automatenindustrie bestreitet, sich Frauen absichtlich ausgeguckt zu haben. Sie freut sich aber über die neuen Kunden. Denn der Umsatz in der Branche wächst seit Jahren, und lange war gar nicht klar, wie hoch er wirklich ist: Das Münchner Ifo-Institut gibt jedes Jahr Zahlen heraus zur Automatenbranche. Erst stützten die sich auf Angaben der Unternehmen, beim Bericht für 2015 wurden dann erstmals Umsatzsteueranmeldungen herangezogen - was die Ertragszahlen quasi über Nacht um eine Milliarde in die Höhe schießen ließ. 5,8 Milliarden Euro wurden dem Institut zufolge 2015 in Deutschland mit Automaten umgesetzt, an denen um Geld gespielt werden kann.


Auch die Zahl der Spieler in den privaten Spielhallen wächst stark. Gingen noch 2007 rund 30 Prozent der Automatenspieler in die Hallen statt in die staatlich betriebenen Spielbanken, waren es 2015 nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fast 55 Prozent. Der Anteil der Frauen in Deutschland, die an Automaten spielen, ist absolut zwar immer noch niedrig. Er ist aber seit 2007 kontinuierlich gestiegen und inzwischen fast doppelt so hoch.


2007, das ist zehn Jahre her. Sechs bis neun Jahre dauert es in der Regel, bis die Anfälligen unter den Spielern spielsüchtig geworden sind. Spätestens jetzt bemerken es also auch Menschen wie Monika Vogelgesang, dass mehr Frauen unter den Spielern sind. Denn jetzt landen die Frauen bei Vogelgesang in der Klinik Münchwies in Neunkirchen an der Saar und in anderen Hilfseinrichtungen. Die Zahl der spielsüchtigen Frauen, die in Deutschland Hilfe suchen, ist zuletzt jedes Jahr um etwa 130 auf rund 2000 gestiegen. Vogelgesang ist Chefärztin an dem Krankenhaus in Münchwies, wo es, hierzulande bislang einmalig, eine Gruppe für spielsüchtige Frauen gibt. Frage an sie: Was macht eigentlich abhängig von so einem einfältigen Automaten?


Spielsucht, so Vogelgesang, ist nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten keine Sucht, sondern eine Impulskontrollstörung. „Aber eine mit Schnittmengen zur Sucht", sagt Vogelgesang: Schon die Aussicht auf einen Gewinn sorge dafür, dass das Belohnungssystem im Körper anspringe und Dopamin ausschütte. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Was uns froh macht, wollen wir wiederholen, und wir verknüpfen es mit den entsprechenden Gegenständen, hier dem Geldspielautomaten. Dass die Spiele im eigentlichen Sinne langweilig sind, gleichförmig jedenfalls, spielt dann keine Rolle mehr: Der Spieler spielt sie, weil er süchtig nach dem Dopamin-Schub ist.


Wie erstaunlich einfach dieses System funktioniert, konnte Vogelgesang in ihrer Klinik an einem Getränkeautomaten beobachten: Irgendwann fiel Vogelgesang auf, dass sich vor allem die Spielsüchtigen Getränke aus dem Automaten holten. „Die steckten einen Zehn-Euro-Schein rein, und dann purzelten neun Euro in Münzen zurück." Allein dieses Geräusch erinnert die Süchtigen ans Automatenspiel.


Die Frauen, die in die Klinik kommen, unterscheiden sich in einem Punkt klar von den Männern. Unter Frauen ist der Anteil derjenigen höher, die an einer Depression leiden, viele von ihnen wurden missbraucht oder misshandelt. „Die Frauen sind in der Regel älter und psychisch kränker als die Männer", so Vogelgesang.Fangen sie einmal an mit dem Automatenspiel, werden sie schneller abhängig, schämen sich aber gleichzeitig stärker dafür.


Ulrike Menne hat das in den Ruin getrieben. Sie hat zwar jetzt, im Frühjahr 2017, seit Monaten nicht gespielt, hat aber immer noch etwa 12.000 Euro Schulden und lebt in Privatinsolvenz. Ein gerichtlicher Betreuer teilt ihr 50 Euro die Woche von dem Geld zu, das sie in einer Bäckerei verdient. Eine andere Frau, die mit Menne zusammen die Selbsthilfegruppe in Hannover besucht, spielt seit 20 Jahren, ein ewiges Auf und Ab. Demnächst steht bei ihr wieder - der x-te Versuch - eine Langzeittherapie an. Und die Frau, die die Selbsthilfegruppe gegründet hat, ist im November aus dem Gefängnis entlassen worden: Über fünf Jahre hinweg hat sie, angestellt im öffentlichen Dienst, insgesamt 350.000 Euro veruntreut und verspielt. Ein Gericht verurteilte sie zu zweieinhalb Jahren Haft.


Im Niemandsland zwischen Bremen, Hannover und Bielefeld sitzt ein Mann in seinem Büro und wehrt sich gegen die Vorwürfe, gegen, wie er sagt, eine Überheblichkeit von Eliten, die dem Automatenspiel und denen, die es nutzen, abschätzig begegneten. Manfred Stoffers ist Vorstand der Gauselmann AG, eines der führenden deutschen Automatenhersteller und Spielhallen-Betreiber: 10.000 Mitarbeiter, rund zwei Milliarden Euro Umsatz im Jahr, verwurzelt und engagiert in der Region.


Stoffers' Job es ist, seinen Arbeitgeber zu verteidigen - in der Politik, da vor allem, und in den Medien. Er kämpft diesen Kampf seit „exakt 30 Jahren", wie er sagt. Am meisten ärgert er sich über die gern aufgestellte Rechnung, dass 60 bis 80 Prozent des Umsatzes der Automatenindustrie von Spielsüchtigen generiert würden. „Eine Mondzahl, die leicht zu entlarven ist", sagt Stoffers. Rund 500.000 Menschen in Deutschland werden irgendwann spielsüchtig. Stoffers zufolge spielen, wenn man eine beliebige Spielhalle betritt, lediglich drei bis fünf Prozent der Menschen dort pathologisch - die könnten rein mathematisch niemals 80 Prozent des Umsatzes ausmachen.


Und die Frauen? „Die Quote der Frauen unter unseren Gästen steigt tatsächlich. Und das ist gut so", sagt Stoffers. Das Automatenspiel sei im normalen Lebensalltag von Männern und Frauen angekommen, Frauen kämen „selbstverständlich und selbstbewusst" in die Hallen. Das Unternehmen Gauselmann habe das aber nicht befördert. „Automatenspiel galt lange als reine Männerdomäne", sagt Stoffers, „da hat man kein Geld verschwendet, um Frauen als Kundinnen zu gewinnen, die unerreichbar schienen."


Stoffers sieht das so: Menschen wie Ulrike Menne hätten zeitweilig die Kontrolle über ihr Spielverhalten verloren, und selbstverständlich sei es auch die Aufgabe von Gauselmann, ihnen zu helfen. Das Unternehmen hält sich zugute, viel für den Spielerschutz zu tun. Demnächst etwa werde es eine biometrische Gesichtserkennung in allen Spielhallen der Gruppe geben: Wer sich dort sperren lasse, könne dann nicht mehr durch ein Drehkreuz zu den Automaten gelangen.


Ulrike Menne hat sich so eine Sperre lange gewünscht - in Spielbanken ist das möglich, für Spielhallen bislang in den wenigsten Bundesländern Pflicht. Das wird auch so bleiben. Im Juli tritt zwar ein neues Spielhallengesetz in Kraft, aber an den uneinheitlichen Regeln zu Spielersperren ändert sich nichts. Dafür gibt es andere neue Regeln: Pro Spielhalle darf es nur noch deutlich weniger Geräte geben, in manchen Bundesländern muss ein Mindestabstand von 500 Metern zwischen zwei Hallen eingehalten werden.


Noch klagt Gauselmann gegen diese Regeln, und Stoffers erzählt, wie er sich um eine andere „Frauenfrage" zu kümmern habe, nämlich um die Mitarbeiterinnen in den Spielhallen, denen ab Sommer die Arbeitslosigkeit drohe. Ulrike Menne dagegen sehnt das neue Gesetz herbei. Nach dem Gespräch in den Räumen der Hannoveraner Selbsthilfegruppe will sie zurück zum Bahnhof und fragt, ob man sie ein Stück begleiten könne. „Ich habe ein bisschen Geld in der Tasche", erklärt sie, „und wir haben übers Spielen geredet. Da muss ich tüchtig kämpfen." Egal in welche Richtung sie losgeht, eins weiß sie genau: Es dauert höchstens zehn Minuten, dann steht sie vor einer Spielhalle.

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