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Versandhandel: Geliebter Päckchenheld

Bis zu 15 pakete bekommt jeder

Bis zu 15 Pakete bekommt jeder Deutsche im Jahr geliefert. Die Zustellung ist bei Berufstätigen nicht immer einfach. // Foto: Stefanie Silber

Die Säcke mit dem Hundefutter, so hoch wie ein Couchtisch lang, die waren zu viel. Ein junges Paar aus dem vierten Stock, es ist vor ein paar Jahren ein- und inzwischen schon wieder ausgezogen aus dem Großstadthaus, in dem Frau Fischer seit den neunziger Jahren lebt, hatte einen Labrador. „Die haben sich immer Säcke mit Trockenfutter bestellt, da wog einer bestimmt 20 Kilogramm."

Frau Fischer nimmt sonst jedes Paket an, auch wenn es nicht für sie ist. Sie sorgt dann dafür, dass es an den richtigen Empfänger gerät, zur Not wirft sie eine Erinnerung in den Briefkasten: „Hattet ihr keinen gelben Zettel drin?" Üblicherweise hat Frau Fischer viel Verständnis dafür, dass berufstätige Menschen im Internet bestellen, was es auch um die Ecke gibt, aber sie findet: Die Säcke gehen nicht. Was nicht heißt, dass sie sie nicht angenommen hat, im Gegenteil: „Ich habe dem Postboten gesagt, er soll sie bei mir im zweiten Stock vor die Tür stellen. Kommt gar nicht in Frage, dass der die in den vierten Stock schleppt oder wieder mitnimmt!"

Im Jahr 15 Pakete pro Person

Es muss einmal gesagt werden: Jedes Haus braucht eine Frau Fischer, und jeder sollte dankbar dafür sein, dass es sie gibt, denn sonst könnten wir unsere schöne bunte Versandwelt plattmachen und wieder in der Fußgängerzone einkaufen gehen. 15 Pakete hat jeder Deutsche im vergangenen Jahr durchschnittlich bestellt, am häufigsten waren Kleidung und Technik drin. Insgesamt wurden 2,3 Milliarden Päckchen verschickt, was in zehn Jahren wenig sein wird, wie die Experten vom Fraunhofer-Institut schätzen: Bis dahin werde sich die Zahl fast verdoppelt haben auf dann 4,2 Milliarden.

Wie all die Pakete so schnell wie möglich an die richtige Stelle kommen, in die tagsüber verwaisten Single- und Doppelverdienerhaushalte also, daran tüfteln Zusteller und Händler. Drohnen sollen in Zukunft die Waren liefern oder Roboter - bislang schaffen Prototypen dieser Geräte aber gerade einmal ein einziges Paket pro Tour.

System ist abhängig von Päckchenhelden

Was testweise schon geht: Päckchen in die Kofferräume der Autos der Empfänger zu liefern oder an die Tankstellen an deren Arbeitsweg. Massenkompatibel ist das aber alles noch nicht. Und bis dahin hängt das System von Menschen wie Frau Fischer ab: von denen, die immer zur Tür rennen müssen, weil sie oft zu Hause sind. Die Leute, die man salopp als Päckchendeppen bezeichnen könnte, obwohl sie doch eigentlich Päckchenhelden sind.

Bei einer wie Frau Fischer hätte Stefan Heß früher einen Kaffee getrunken. Heß ist heute Sprecher der Deutschen Post, vor Jahren war er selbst Paketzusteller. Im Odenwald: Haus, Wiese, Haus, Wald, so ging das landstraßenlang. Dort und damals konnte er sich das mit dem Kaffee noch erlauben, heute wäre das undenkbar. Und gleichzeitig waren die Menschen, die heute noch nicht einmal mehr Gesellschaft bei einer Tasse Kaffee bekommen für ihren Dienst, Menschen wie Frau Fischer also, nie wichtiger. „Man kann deren Bedeutung nicht hoch genug einschätzen", sagt auch Heß.

Erster Zustellungsversuch sollte gelingen

Mit Schnee, Eisglätte, sogar mit wochenlangen Streiks bei Amazon kommt die superschnelle Same-Day-on-Demand-Premium-Lieferwelt zurecht. Womit sie dagegen ein echtes Problem hat: mit dem Empfänger, der die Tür nicht aufmacht. Oder den Nachbarn, die denken, dass jetzt nicht schon wieder das Paket von Frau Meier drei Tage lang neben der Wohnungstür verstauben soll.

Dabei müssen die Zusteller ihre Päckchen eigentlich beim ersten Versuch loswerden. Gelingt das nicht, gerät das System aus den Fugen. Der Zusteller muss das Paket dann weiter im Wagen mit sich herumfahren, es stört, und mit der Zeit kommen immer mehr dazu, die stören. Sie alle müssen am Ende der Schicht in der Filiale eingecheckt werden, manchmal muss das Paket dort wieder abgeholt und abermals zugestellt werden, bei Hermes zum Beispiel zwei weitere Male.

Kein Wunder also, dass ein Paket immer langsamer wird, je näher es seinem Ziel kommt. Die meiste Zeit verliert es auf den letzten anderthalb Kilometern, wenn der Postmann aussteigt, erfolglos klingelt, einsteigt. Ausgerechnet: Pakete kommen aus den Vereinigten Staaten oder Australien, aber an den letzten 1500 Metern beißt sich die Lieferbranche die Zähne aus. Für diese letzten 1500 Meter ist der Postmann Alfred König ganz allein zuständig, das hört er in Stereo: Wenn etwas nicht klappt, motzen ihn die Kunden genauso an wie seine Chefin.

König, der in Wirklichkeit anders heißt und täglich ein Gebiet in der Großstadt mit Paketen beliefert, sucht sich deshalb in jedem Haus seinen Päckchenhelden. Bei seinem Arbeitgeber achten sie unter anderem deshalb darauf, dass er nicht allzu oft das Zustellgebiet wechseln muss. Es ist wichtig für ihn und seine Kollegen, sich gut zu merken, wo der Päckchenheld wohnt, die Arbeit geht dann viel schneller.

„Die Päckchenhelden, wie Sie das nennen, werden seltener, vor allem in der Stadt", sagt König. Seit fast 25 Jahren ist er schon in seinem Geschäft, und er weiß, was es braucht, damit einer zum Helden wird: Er muss in den unteren Stockwerken wohnen, immer da sein und freundlich.

Frau Fischer ist 86 Jahre alt und lebt gemeinsam mit einem ihrer Söhne in ihrer Frankfurter Wohnung. „Wir sind die Idealbesetzung", sagt sie selbst: Sie wohnen im zweiten Stock, sind beide Rentner und freundlich. „Außerdem haben wir Platz im Flur", sagt Frau Fischer.

Schon fast ein Ehrenamt

Jetzt, kurz vor Weihnachten, stehen dort abends meistens sechs oder sieben Pakete - und Frau Fischer ist um einen Euro ärmer. Den bekommt der Paketbote jedes Mal, wenn er klingelt. „Die haben einen so schweren Job und werden so mies bezahlt", sagt Frau Fischer, und es ist wirklich ein Wahnsinn: Sie und ihr Sohn machen einen Job, der fast ein Ehrenamt sein könnte, und zahlen auch noch dafür! „Das ist schon radikal von den Versendern", sagt Frau Fischer, „die bauen darauf, dass wir zu Hause sind und die Infrastruktur in einer Großstadt für sie so ohne weiteres funktioniert."

Wie gut sie nur dank Frau Fischer funktioniert, hat die Autorin dieses Textes gemerkt, als sie umgezogen ist: nach fünf Jahren im fünften Stock im Haus von Frau Fischer in den zweiten Stock in ein Haus ohne Frau Fischer. Zweiter Stock, häufig beschäftigt im Home-Office, ein einigermaßen freundlicher Mensch - es dauerte nur ein paar Tage, bis die Paketboten die drei goldenen Faktoren ausgemacht hatten.

Nachbarn sind verantwortlich für Päckchen

Frage an den Postmann, der gerade wieder seine Sackkarre voller Päckchen aus dem Aufzug rollt: „Sie haben sich das schon gemerkt, dass Sie bei mir klingeln können, oder?" Der Mann, ein freundlicher Typ Mitte dreißig, druckst herum: „Ja, na ja, schon." Als wären er und die Pakete der Nachbarn eine Belastung.

Und, da muss man nicht drum herum reden: Sie sind jedenfalls eine Verantwortung. Es gibt zwar keine einklagbare Pflicht, ein einmal angenommenes Paket zur dauernden Abholverfügung zu halten. Aber eine moralische Pflicht oder, eine Nummer kleiner, die nachbarschaftliche Erwartung, die gibt es schon.

„Ich habe es die letzten Tage schon immer versucht, aber da war niemand da", sagt die Frau, die eine Etage tiefer wohnt, es ist eindeutig ein vorsichtiger Vorwurf, und ja, pflichtschuldiger Blick zum Boden: Erst Paket annehmen, dann für ein paar Tage unterwegs sein - das ist auch nicht im Sinne des Systems. So schnell wird man vom Päckchenhelden zum Päckchendepp. Aber deswegen den Postmann wieder wegschicken?

Rund ein Viertel aller Pakete landet zuerst beim Nachbarn. Das ist eine Schätzung von Handelsexperten; von Hermes, vom Marktanteil her Platz vier hinter Post, DPD und UPS, gibt es konkretere Zahlen: Demnach werden mehr als 90 Prozent aller Pakete beim ersten Versuch zugestellt - eine sehr gute Quote, wie ein Sprecher des Unternehmens versichert.

Häufig gibt es „Paket-Ärger"

15 Prozent dieser Pakete nimmt ein Nachbar an. Für die Empfänger ist das nicht immer gut; wenn sich jemand über Paketzustellungen beschwert, dann ist nach den Statistiken des Portals „Paket-Ärger.de" der häufigste Grund: „Ich war zu Hause, und der Postmann hat nicht geklingelt." Und der dritthäufigste Grund: „Im Briefkasten war kein Zettel."

Alfred König, der Päckchenmann mit einem Händchen für Päckchenhelden, sagt, so etwas mache er nicht. Okay: jedenfalls fast nie. „Wenn einer im sechsten Stock wohnt und noch nie aufgemacht hat und wenn ich wirklich sehr in Eile bin: Dann kommt es schon mal vor, dass ich das Paket einfach so weiter unten mit abgebe", sagt er. Bislang habe sich darüber aber noch nie jemand beschwert, sagt König, und dass man seine Häuser halt kennen müsse: „Ich muss wissen, wo Ihr Päckchenheld wohnt, und ich muss wissen, wo nie jemand aufmacht."

Frau Fischer hat „ihren" Paketboten längst eingeschärft, dass sie immer bei ihr klingeln können. Sie findet: Jemand, der den ganzen Tag Treppen läuft, sollte nicht in den fünften Stock müssen (Altbau, kein Fahrstuhl). „Und dann die schmale Straße", sagt Frau Fischer, „wir sehen das ja, wegen der großen Fenster: Wenn der Wagen da unten hält, Parklücken gibt's ja in den Städten nicht, dann bildet sich eine Schlange, und nach drei Minuten hupt der Erste."

Es gibt zwei Dinge, von denen Frau Fischer genervt ist: wenn Pakete mehrere Abende lang nicht abgeholt werden („Ich habe es abends gerne ordentlich in meinem Flur") und davon, dass ausgerechnet die Deutsche Post so rabiat sei, wo sie doch selbst so viel „Sekundärhilfe" von unbezahlten Nachbarn brauche.

„Gott sei Dank, Sie sind wieder da."

Einmal nämlich, als Frau Fischer ausnahmsweise nicht da war, wurde ihr selbst ein Paket geliefert. Im Haus nahm es niemand an, das Päckchen gelangte in die einen Kilometer entfernte Filiale. Frau Fischer, nicht mehr ganz so gut zu Fuß, rief dort an und bat um eine weitere Zustellung. „Da haben die nicht mit sich reden lassen", sagt Frau Fischer und findet das empörend.

Sechs Wochen im Jahr sind Frau Fischer und ihr Sohn nicht da: im Sommer drei Wochen an der Nordsee, um Weihnachten herum drei Wochen im Harz. Sie sagt dann den Postboten immer rechtzeitig Bescheid. Und wenn der Urlaub vorbei ist, dann hört sie: „Gott sei Dank, Sie sind wieder da."

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