1 Abo und 0 Abonnenten
Artikel

Über Geldanlage und Sammlerlust

Gettyimages 159918961 1540918310173331

In teure Spitzenstücke sollten Anleger nur dann investieren, wenn sie sich auf dem Gebiet der Philatelie gut auskennen. Und auch dann ist angeraten, auf alle Fälle zusätzlich einen Experten zurate zu ziehen. – Getty Images

Briefmarken können mehrere Tausend Euro kosten, ihre Seltenheit macht sie wertvoll. Wer sammelt und kauft Marken? Und welche Trends gibt es derzeit unter Philatelisten?


Die Philatelie hat den Ruf, ein aussterbendes Hobby zu sein, immer weniger Junge begeistern sich für das Briefmarkensammeln. Aber der Handel mit Briefmarken floriert. Wer sammelt also, welche und warum? Gernot Abfalter, Briefmarkenexperte im Wiener Dorotheum, unterscheidet zwei Arten von Interessenten: „Die Hobbysammler, die das sammeln, was ihnen Freude macht. Und jene, die Briefmarken als Anlage sehen; das ist dann aber eine ganz andere Ebene, das müssen natürlich hochwertige Stücke sein.“

Was eine Briefmarke wertvoll macht, ist ganz grundsätzlich ihre Seltenheit. Dabei kann nicht nur die Briefmarke an sich eine Rarität sein, sondern es hängt auch davon ab, welchen Stempel sie trägt oder auf welchem Brief sie klebt. „Es gibt Briefmarken, die lose nur ein paar Cent, aber auf dem Brief ein paar Tausend Euro kosten. Den Unterschied macht dann etwa ein seltener Stempel von einem abgelegenen Ort“, erzählt der Fachmann. Aber auch die Art der Postbeförderung, zum Beispiel mit dem Zeppelin oder per Schiff, könne ein wertsteigender Faktor sein.

Für Auskenner

Zu einer Investition in teure Spitzenstücke rät der Briefmarkenexperte nur dann, wenn man sich als Käufer auskennt. Die hochwertigen Marken sind zwar auf jeden Fall als Anlageobjekt geeignet, „die internationalen Spitzenstücke der klassischen Philatelie werden immer ihren Wert behalten“. Man sollte sich aber erst informieren und unbedingt einen Fachmann zurate ziehen, wenn man viel Geld investiert. Und Spitzenstücke sollte man überhaupt nur mit aktuellem Prüfattest erwerben. Durch die fortschreitende Technik werde es nämlich immer einfacher, Marken oder bestimmte Aufdrucke und Stempel zu fälschen.

Von der groß angelegten Investition in ganze Generalsammlungen rät Abfalter ab, denn diese würden sich nur vollständig oder hoch spezialisiert wieder gut verkaufen lassen. Auch moderne Ausgaben, also Marken der letzten 60 Jahre, würden weniger gut als Anlage dienen, ergänzt der Experte.

Den Sammler reizt aber ohnehin viel mehr als der bloße (Zahlungs-)Wert einer Marke. Sie ist wie ein Tor zur Welt und zeigt einen Querschnitt der Geschichte eines Landes. Da so viele Briefmarken auf dem Markt sind, ist es sinnvoll, sich auf eine gewisse Thematik zu spezialisieren. „Jede Epoche hat ihren Reiz“, meint Abfalter. Deshalb gibt es Spezialsammlungen, etwa bestimmte Ausgaben oder Abstempelungen, besonders beliebt sind auch philatelistische Heimatsammlungen: Ein Trend unter Philatelisten, bei dem alles mit Heimatbezug gesammelt wird. Briefmarken sind für diese Sammler nur interessant, wenn der gewünschte Ort auf der Briefmarke abgestempelt ist. Auch Postkarten, Poststempel und Ansichtskarten werden von der Heimat gesammelt, um die Postgeschichte zu dokumentieren.

Ein weiterer Trend auf dem internationalen Markt sind seit einigen Jahren die modernen Ausgaben der Volksrepublik China, konkret von 1960 bis 1981. Seit der Öffnung des Landes seien diese im Höhenflug, „da liegen die modernen Ausgaben von Österreich oder der Bundesrepublik Deutschland weit zurück“, berichtet Abfalter. Das liege aber auch daran, dass die Nachfrage in Asien so hoch sei. „Ein Kuriosum dürfte sein, dass es in China mehr Markensammler als Marken aus diesem Zeitraum gibt.“ Einzelne Ausgaben würden dort schon bis zu mehrere Tausend Euro kosten. „Das gibt es eigentlich bei keinem anderen Land aus diesem Zeitraum.“

Für Einsteiger

Bei österreichischen Marken sei eine Investition in klassische Ausgaben der Monarchie aber nie verkehrt, wenn man eine Freude damit habe. Der österreichische Markt sei in den vergangenen Jahren viel in Bewegung gewesen, weil die Archive der Post- und Staatsdruckerei aufgelöst wurden. Durch die Privatisierung seien viele Bestände verkauft worden, die bis in die Monarchie zurückgehen. „Da gab es auf einmal Phasendrucke, Probedrucke, Farbproben und nicht verausgabte Werte – ein Gewinn für die österreichische Sammlergemeinde.“ Ohnehin sei für Hobbysammler derzeit die beste Zeit, um einzusteigen und etwa eine Sammlung aus den vergangenen 50 Jahren anzulegen, meint Abfalter. Denn seit der Einführung des Euro sind alte Schilling und D-Mark Marken nicht mehr frankaturgültig und nun „so günstig wie nie“.

Dazu kommt, dass Internet und Globalisierung es heutzutage viel einfacher machen, an moderne Marken etwa aus Übersee zu kommen, während man früher zwei bis drei Jahre warten musste, bis solche Marken in Europa auf dem Markt waren. „Heute schreibt man zum Beispiel ein E-Mail an die Postanstalt auf den Jungferninseln, zahlt per PayPal und hat die Marken quasi schon auf dem Tisch liegen“, erzählt Abfalter. Nicht nur deswegen ist er überzeugt, dass es die Briefmarke als Sammlerstück und postgeschichtliches Interessengebiet noch sehr lang geben wird. Selbst wenn sich die Postanstalten früher oder später dazu entschließen würden, die Marke als Frankaturmittel einzustellen, sieht er die Nachfrage aus Sammlersicht ungebrochen. Denn das Wichtigste sei eben, dass es Spaß mache.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2018)

Zum Original