Siegessäule
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Hartnäckig

Mo Mori, die seit einigen Jahren in einem Berliner Tattoo-Studio arbeitet, ist geübt im Umgang mit Krisensituationen. Mit Mainstream-Motiven und Mackertum kann sie nichts anfangen
Mo Mori war Dachdeckerin, arbeitete als Sozialarbeiterin mit Kindern und Jugendlichen und versuchte sich auch als Textildesignerin. Doch „die Welt war noch nicht bereit für meine ,speziellen Designs‘“, sagt Mo mit charmanter Selbstironie. Den „One and only“-Job, den ein Leben lang auszuüben sie sich vorstellen konnte, hatte sie damals noch nicht gefunden – bis sie das Tätowieren für sich entdeckte. Ihre Leidenschaft fürs Malen hatte sie auf die Idee gebracht. 
Allerdings hatte Mo auch Vorbehalte gegenüber der Branche: Tätowierstuben, so nahm sie an, seien vor allem etwas für „heterosexuelle Macker“. Sie entschied sich, dass sie das anspruchsvolle Handwerk auf jeden Fall von einer Frau lernen wollte. Zunächst erhielt sie diesbezüglich nur Absagen, ihrer Hartnäckigkeit verdankte sie es aber schließlich, dass ihr eine Tätowiererin eine Chance gab. Seitdem sind neun Jahre vergangen. Mo hat inzwischen ein eigenes Studio und eine treue Kundschaft. Seit drei Jahren arbeitet sie gemeinsam mit einer Kollegin im Atelier Mori Capelli in Berlin-Friedrichshagen. „So lange war ich noch nie an irgendeinem Ort beruflich tätig“, betont Mo. „Das sagt schon viel über mich beziehungsweise darüber aus, dass das Tätowieren genau meins ist.“ 
Tätowiererin Mo kämpft mit den Folgen der Corona-Krise

Einen bestimmten Stil favorisiert sie nicht. „Ich liebe es, verschiedene Stile zu mixen.“ Aber es freue sie auch, wenn viele ihre „Handschrift“ erkennen und sagen: „Das ist typisch Mo Mori!“ Ein Faible habe sie für Tiermotive und auch für surreale Formen. Insgesamt ist es Mo wichtig, eigene Ideen entwickeln zu können. „Ich möchte Spaß an meiner Arbeit haben, mich frei entfalten können, daher kommen Mainstream-Motive oder Logos nicht infrage.“ 
Wie so viele im Moment kämpft auch Mo mit Verdienstausfällen durch die Corona-Krise. In vielen Bundesländern mussten Tattoo-Studios schließen. Mo ist jedoch nicht nur Tattoo-, sondern auch Überlebenskünstlerin. Mit ihrer Malerei, diversen Auftragsarbeiten und Rücklagen versucht sie, die Verdienstausfälle zu kompensieren. „Natürlich gibt es auch Unsicherheit.“ Aber genauso bestimmt sagt sie: „Ich bin ein Mensch, der mit Veränderungen umgehen kann und den Kopf nicht in den Sand steckt.“ Sie hoffe trotzdem, bald wieder mit summender Nadel ein Motiv auf die Haut zaubern zu können. 
Für Mo, die offen lesbisch lebt, ist Queerness kein Hauptmerkmal ihres Ateliers. Queere Sichtbarkeit ist ihr zwar wichtig, doch „die meisten kommen wegen meiner Arbeit, daher stellt sich die Frage der Sexualität nicht“. Das Zwischenmenschliche müsse natürlich stimmen, eine gute Vertrauensbasis sei die Hauptsache für die Arbeit. Aber bisher habe sie in dieser Hinsicht noch keine negativen Erfahrungen gemacht: „Es passt immer sehr gut.“

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Porträt erschienen in der Ausgabe Januar 2020 der Siegessäule.


Quelle: Siegessäule

David Vilentchik

Berlin