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Reportage

Im Namen der Dreifaltigkeit

Die christliche Welt in Ghana ist vielfältig: Es gibt Katholiken genauso wie Fetischeure, die im Namen Jesu Christi Tiere opfern. Trotz aller Unterschiede leben sie harmonisch miteinander.


Die Sonne steht zur Mittagszeit so hoch oben, dass das bunte Lichtbild der langen Kirchenfenster gestaucht auf den Bodenfliesen liegt. Durch die geöffneten Türen der Heilig-Geist-Kathedrale weht ein angenehmer Luftzug. Im Seitenschiff der Bischofskirche von Accra sind alle Bänke besetzt. „Heute hat unsere Schwester Mary Geburtstag“, sagt der Pfarrer am Ende der katholischen Messe. Dann singt er Happy Birthday, die Gemeinde stimmt aus voller Kehle mit ein.

„Im Vergleich mit Europa ist das Christentum hier lebendiger und ausdrucksstärker“, erklärt Charles Gabriel Palmer-Buckle. Der Metropolit von Accra trägt eine weiße Soutane, die mit pinken Knöpfen besetzt ist. Palmer-Buckle hat selbst zehn Jahre in Rom gelebt – in gutem Deutsch erzählt er, dass er einmal sogar Trier besucht hat. Die katholische Kirche in Europa hat er als sehr intellektuell erlebt: „Sie scheint keine wirkliche Auswirkung auf die Fragen des heutigen Lebens zu haben.“

In Ghana finden sich unter dem Dach des christlichen Glaubens die verschiedensten Ausprägungen. Dazu gehört die römisch-katholische Kirche genauso wie kleine Sekten und sogar Schamanen, deren Repertoire von christlichen Gebeten bis hin zu schwarzer Magie reicht. Bei allen Gegensätzen in ihrer Glaubensausübung eint die Ghanaer der Eifer, mit dem sie ihre Religion betreiben. Respekt für die Werte des Nächsten lässt Anhänger der verschiedensten Glaubensrichtungen im westafrikanischen Land harmonisch zusammen leben. Es gibt sogar konfessionsübergreifende Kirchenräte und alljährliche ökumenische Veranstaltungen.

Laut dem letzten Zensus sind 71 Prozent der Ghanaer Christen, den mit 28 Prozent größten Anteil machen Pfingst- und charismatische Kirchen aus. Dieser Anteil ist gegenüber dem vorherigen Zensus gestiegen. 18 Prozent sind Protestanten, 13 Prozent der Ghanaer bekennen sich zur katholischen Konfession.

Das Christentum hat in Ghana, wie in ganz Afrika, eine vergleichsweise junge Tradition. Als erste Europäer setzten 1471 die Portugiesen einen Fuß in die spätere Kolonie Goldküste. Sie waren katholisch, verfolgten jedoch eher wirtschaftliche denn missionarische Interessen. Nach der Reformation ließen sich vermehrt Protestanten verschiedener Strömungen nieder, allen voran Anglikaner zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft. Im 20. Jahrhundert erweiterten die Pfingstkirchen das christliche Spektrum Ghanas ein weiteres Mal.

„In den letzten Jahren haben wir einen großen Zuwachs an spirituellen Heilern beobachtet“, sagt Erzbischof Palmer-Buckle. Damit meint er mitunter fundamentalistisch ausgerichtete Ein-Mann-Kirchen; vor allem Abspaltungen, die aus Pfingstgemeinden und protestantischen Gruppen, aber auch aus katholischen Gemeinden hervorgingen. 

Die Peace Covenant Outreach Ministry ist eine solche Splittergruppe. Der versteckte Pfad zur Kirche führt durch die Hinterhöfe von Nungua, vorbei an Wäscheleinen, Ziegen und Kochstellen. Am Sonntagmorgen weist schon von weitem die anschwellende Musik den Weg. In der Kirche, die aus Holz und Wellblech zusammengezimmert ist, sitzen rund dreißig meist junge Menschen in bunten Plastikstühlen. Zwei Frauen singen Gospellieder auf Englisch, gekonnt trommelt ein junger Mann dazu auf einem ramponierten Schlagzeug. Auf einem Betonpodest an der Stirnseite steht ein Rednerpult. Kreuze gibt es keine – „Gott ist in unseren Herzen, das ist viel stärker als jedes Kreuz-Symbol“, erklärt Michael.

Michael Tawiah ist einer von vier „Men of God“, die den Gottesdienst gemeinsam gestalten. Der 26-Jährige trägt Lederschuhe, eine cremeweiße Hose und ein anthrazitfarbenes Sakko. Als das Lied vorüber ist, fragt er: „Möchte noch jemand ein Zeugnis seines Glaubens ablegen?“ Eine der jungen Frauen meldet sich und stimmt ein Dankeslied an Jesus Christus an. Die Messen in Nungua dauern meist zweieinhalb Stunden und werden in Englisch gehalten; nur die Predigt und manche Gebete werden simultan auch in die lokale Ga-Sprache übersetzt. Zum Ende der Messe greifen alle vier Men of God zu den Mikrofonen; einer dreht alle Regler der Lautsprecheranlage auf Maximum. Nach und nach beginnt jeder, ein anderes Gebet zu rezitieren und in Dauerschleife zu wiederholen. Die Stimmen überschlagen sich, die Mikrofone übersteuern. Es ist brüllend laut. Die Gemeindemitglieder beginnen sich tranceartig dazu bewegen und murmeln selbst neue Stimmen in diese Kakophonie hinein. Solche Riten haben ihre Ursprünge meist in den Naturreligionen – ihre Verschmelzung mit christlichen Praktiken heißt Synkretismus.

Mit einem Mal verstummen die ekstatischen Rufe der Priester, und Michael spricht einen Schlusssegen: „Wenn ihr zu Fuß von hier geht, möge Gott euch an die Hand nehmen. Wenn ihr mit dem Taxi fährt, möge Gott euer Fahrer sein.“ Die Men of God verabschieden sich mit Handschlag oder Umarmung von ihren Gemeindemitgliedern. Die Peace Covenant Outreach Ministry ist eine sehr persönliche und sehr herzliche Gemeinschaft. Vielleicht auch, weil alle mit vereinten Kräften gemeinsam die Kirche erbaut haben. 

Michael Tawiah redet gerne von Wundern. In seiner Kirche bietet er so etwas zwar nicht an, aber vielerorts finden sich Schilder mit der Aufschrift „Miracle Hour“. Einmal pro Woche bieten vor allem Pfingstgemeinden in Ghana an, Wunder an ihren Besuchern zu vollbringen. „Die Menschen gehen zu den Pfingstkirchen und charismatischen Kirchen für schnelle Lösungen“, interpretiert Erzbischof Palmer-Buckle. Wie viele Kranke dort tatsächlich geheilt und wie viele Jobsuchende aus der Arbeitslosigkeit geführt werden, stünde auf einem anderen Blatt. 

Die charismatischen Kirchen vertreten nach Charles Palmer-Buckles Ansicht jedoch auch gefährlichere Positionen: „Wir haben oft das Problem, dass sie oft auch Teile der Glaubenssysteme traditioneller Religionen übernehmen, von denen wir denken, dass wir sie hinter uns lassen sollten.“ Zum Beispiel sollten Kranke nicht nur beten, sondern auch ins Krankenhaus gehen. „Die Tendenz dieser Kirche ist, es beim Gebet zu belassen und böse Geister zu vertreiben.“ Wenn ein Kranker stirbt, gebe die Familie nicht dem Priester die Schuld, der sie vom Gang ins Krankenhaus abgebracht habe. „ Sie beschuldigen eher irgendeine alte Frau der Hexerei und dass sie böse Geister heraufbeschworen hätte.“

In der Voltaregion im Osten Ghanas wachen „Idols“ genannte Figuren vor den Hütten vieler Familien. Die gedrungenen,  meist aus Zement geformten oder aus Baumstümpfen geschnitzten Götzen sollen genau so vor bösen Einflüssen schützen wie die Magie, die manche hier praktizieren. Juju – so heißt Fetischmagie in der lokalen Ewe-Sprache – kann Menschen wirkungsvoll beschützen, genauso gut aber auch ins Verderben stürzen. Die Einwohner des Dörfchens Nogokpo unweit der Grenze zu Togo erzählen sich, dass ihre Ahnen über den Donner herrschten. In Zeremonien, bei denen vor allem Trommeln und Schnaps zum Einsatz kommen, rufen sie ihre Ahnen an – etwa, um im nächsten Gewitter Verderben über einen Feind zu bringen.

In Nogokpo gibt es einen Bereich, der nur barfuß und in ein traditionelles Tuch gehüllt betreten werden darf. Auf dem sandigen Platz halten die Dorfältesten unter einem Steckpavillon aus blauer Baumwolle, Nylon und Aluminium ein Palaver ab. Der Pavillon schützt einen Opferschrein ähnlich einem kleinen Altar, der mit blauen, schwarzen und weißen Tüchern geschmückt ist. Für Erzbischof Palmer-Buckle ist die Opferkultur ein Indiz dafür, dass die Menschen die christliche Liturgie nicht vollends begriffen haben: „Wenn man den Menschen ihren Glauben gut erklärt, verstehen sie, dass im Opfer von Jesus Christus alle anderen Opfer perfektioniert wurden.“ Dies gelte für alle christlichen Sakramente.

Wer den Schrein von Nogokpo besuchen möchte, muss zuerst Gasfon, den Chief, um Erlaubnis fragen. Er ist der wichtigste Mann der kleinen Siedlung. Gasfon sitzt auf dem traditionellen Chiefsessel. Ein blütenweißes Tuch windet sich um seine Hüften und den kugeligen Bauch. Besucher müssen ihm mit ein paar Cedi die Ehre erweisen und sich vor dem Schrein bis zum Boden verneigen. Dann erzählt Gasfon in der Ewe-Sprache von den Ahnen, die den Donner beherrschen. Sie können Verderben über die Feinde des Dorfes bringen, wenn man sie darum bittet. Nach jedem Satz hält er inne; ein Trommler gibt den Wortlaut auf zwei Trommeln wieder. Schließlich kommt Gasfon auf den Schrein zu sprechen: „Unser Schrein ist in den Farben Blau, Schwarz und Weiß geschmückt. Sie symbolisieren die Dreifaltigkeit: Gott, Jesus und den Heiligen Geist.“ In Nogokpo wird stets ein christliches Gebet gesprochen, bevor eine Ziege oder eine Kuh geopfert wird.


Erschienen in Paulinus 01/2015. Original-PDF hier:

http://davidehl.com/wp-content/uploads/2015/02/Paulinus_Was-sie-eint-ist-der-Eifer-f%C3%BCr-die-Religion.pdf