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Presserat: Bild-Schlagzeile zu Klimaschutz und Arbeitsplätzen war sinnentstellend

Ganz im Gegenteil: Im Online-Artikel sagt der Gewerkschaftschef auf die Frage, ob sich Industriepolitik und Klimapolitik widersprechen, er sei überzeugt, „dass wir den Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft schaffen können. Dafür brauchen die Industrie und die dort Beschäftigten jetzt Planungssicherheit, andernfalls sind weit mehr als 100.000 Jobs in Gefahr. Wenn wir aber jetzt massiv Ladesäulen bauen, in Batteriezellfabriken und Recycling investieren Wasserstoffinfrastruktur aufbauen, Unternehmen davon abhalten alles in Billiglohnländer zu verlagern und die Menschen aktiv weiterbilden, dann kann die Transformation ein Erfolgsmodell werden. Aber was wir bei Teilen der Politik und der Unternehmen erleben ist Trägheit - und die gefährdeten Arbeitsplätze."

In der Print-Berichterstattung erfährt der Leser davon nichts. Auf der Titelseite wurde der Text mit der Dachzeile „IG Metall-Boss-Hoffmann warnt" und der Überschrift „Klimaschutz kostet Hunderttausende Jobs" angekündigt.

Im Artikel unter der Überschrift „IG-Metall-Chef klagt in Bild: 'Politik hat völlig den Kontakt zur Realität verloren'", wird der Gewerkschafter unter dem Zwischentitel „Jobkiller E-Auto" so zitiert: „Kaum sei der Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren für 2035 beschlossen gewesen, habe es Forderungen gegeben diese auf 2030 vorzuziehen. Hoffmanns Sorge: Es sind weit mehr als ‚100.000 Jobs in Gefahr!' Gemeinsam mit anderen Experten warnt Hoffmann in einer Studie ‚Plattform Zukunft der Mobilität' sogar vor einem Wegfall von 410.000 Industrie-Jobs bis 2030 wegen des Umstiegs auf Elektroautos!"

Medienethiker: Klassisches Clickbaiting

„Dieser Fall ist ein typisches Beispiel für das sogenannte Clickbaiting", sagt Christian Schicha, Professor für Medienethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Das ist natürlich problematisch und widerspricht den Qualitätskriterien journalistischen Handelns."

Das fanden auch das Bildblog und der Klima-Lügendetektor von Klimareporter. Und es gingen drei Beschwerden beim Presserat ein. Die Beschwerdeführer kritisierten, dass die Überschrift die im Interview getätigten Aussagen des Interviewten massiv verfälsche. Denn tatsächlich sage Hoffmann, dass ein ‚Weiter so' Arbeitsplätze kosten, bei richtiger Klimaschutzpolitik aber sichern werde.

Presserat spricht Missbilligung gegen Bild aus

Der Beschwerdeausschuss des Presserat sieht diese Beschwerde (4 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme, 1 Enthaltung) als begründet an. Das Vorgehen der BILD sei ein Verstoß gegen die in Ziffer 2 des Pressekodex festgeschriebene journalistische Sorgfaltspflicht.

Zwar stimmt das Gremium der Medienanwältin des Axel-Springer-Konzerns darin zu, dass Medien Inhalte in Überschriften grundsätzlich verkürzen dürfen und den Sachverhalt nicht vollumfänglich wiedergeben müssen. Jedoch dürfen sie die Leserschaft dabei nie über den tatsächlichen Sachverhalt in die Irre führen. Dies sei mit der im Titel wiedergegebene Aussage ‚Klimaschutz kostet 100.000 Jobs' jedoch passiert.

Eine Überschrift, so die „ Klima wandeln " vorliegende schriftliche Begründung des Presserat, müsse „von einem durchschnittlich verständigen Leser" verstanden werden. In der erfolgten Form hingegen werde dem Leser suggeriert, der Interviewte sei der Auffassung, dass der Klimaschutz in jedem Fall den Arbeitsplatzverlust nach sich ziehen muss. Erschwerend komme hinzu, dass die Leserschaft in der Printversion des Artikels auch im Artikeltext nicht über den korrekten Sachverhalt aufgeklärt wird.

Aktivistin: Bild fährt „Strategie von rechts"

Die Münchner Klimaaktivistin M. nennt die verzerrte Bild-Schlagzeile „eine Strategie von rechts". „Da wird versucht, Angst und Wut, die Leute vollkommen zurecht haben, wenn ihre Jobs bedroht sind, auf den Klimaschutz und die Aktivist:innen zu richten. Dem muss man unbedingt deutlich widersprechen."

Das hat der Presserat getan, allerdings erst Mitte Dezember. Da war die Bundestagswahl schon lange vorbei. Die Behauptung, der Gewerkschaftschef halte Klimaschutz für einen Arbeitsplatzkiller, haben jedoch sicher viele Leser:innen verinnerlicht. „Grundsätzlich wäre es gut, wenn der Presserat schneller reagieren würde", sagt Schicha. Ob aber ein derartiger Artikel bei der Wahlentscheidung eine zentrale Rolle spiele sei zu bezweifeln.

Der Presserat als Medienselbstkontrollinstanz hat als stärkstes Sanktionsinstrument die öffentliche Rüge. Er kann nicht verordnen, dass ein Text depubliziert wird. Im vorliegenden Fall hat der Beschwerdeausschuss die zweitstärkste zur Verfügung stehende Zurechtweisung genutzt: eine Missbilligung. In einem solchen Fall ist das Medium nicht verpflichtet, die Missbilligung in dem betroffenen Publikationsorgan zu veröffentlichen, aber es ist ausdrücklich erwünscht. Der Bild-Text steht bis heute unverändert online - ohne die Missbilligung des Presserats aufzuführen.

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