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München möchte Zero- Waste-Stadt werden

München möchte Zero- Waste-Stadt werden - ein langer Weg

Die Türkenstraße in München-Schwabing sieht ein wenig nach Schlachtfeld aus: Aufgeweichte Burgertüten und Pizzakartons, Plastikbecher rollen über den Asphalt. Abfalleimer quellen über, der Boden liegt voller Glasscherben. An der Kreuzung steht Leergut. Es sind die Überreste von geselligem Zusammensein unter freiem Himmel. Wegen Corona sind die Clubs seit Monaten gesperrt. Deswegen treffen sich an vielen Ecken in der Innenstadt Menschen. Sie bringen Getränke und Snacks mit, feiern. Dabei entstehen Unmengen von Verpackungsmüll, der allzu oft an Ort und Stelle entsorgt wird.

Betrachtet man diese Müllhaufen, scheint die Corona-Pandemie ein ehrgeiziges Vorhaben noch schwerer werden zu lassen als es ohnehin schon ist. Denn die bayrische Landeshauptstadt möchte Zero-Waste-City werden - also müllfrei. So hat es der Stadtrat Anfang Juli 2020 beschlossen. "Zero Waste", wörtlich übersetzt "Null Müll", ist der Überbegriff einer Bewegung, die die Ursachen für wachsende Müllberge bekämpfen will. Die Zero Waste International Alliance definiert darunter den Erhalt aller Ressourcen durch verantwortungsvollen Konsum, nachhaltige Produktion und Wiederverwendung und Verwertung von Produkten und Materialien. Abfall soll, wo es geht, vermieden werden.

Die erste Stadt in Europa mit einer entsprechenden Strategie war Capannori. Die rund 50.000 Einwohner umfassende Gemeinde in der Toskana reduziert seit 2007 stetig ihren Müll. Der Abfall wird direkt an der Haustür abgeholt, es wurde eine Steuer eingeführt, deren Höhe sich nach der Müllmenge bemisst, es gibt Fortbildungen für alle. In zehn Jahren konnte die Müllmenge um 40 Prozent von knapp zwei Kilo pro Tag und Person auf knapp 1,2 Kilo gesenkt werden. Der Restmüll ging um fast 60 Prozent zurück. Über 400 europäische Städte und Gemeinden haben sich zwischen dem Netzwerk "Zero Waste Europe" angeschlossen, um dem Projekt nachzueifern.

Langer Prozess Wie kompliziert das ist, zeigt ein Blick in die Münchner Abfallstatistik. Jeder der 1,5 Millionen Einwohner produzierte 2019 rund 360 Kilogramm Restabfall. Insgesamt fielen 559.109 Tonnen Restmüll an, das sind 40 Prozent der Gesamtmüllmenge, die nicht verwertet wird. Bis 2022 soll nun der kommunale Entsorgungsbetrieb, der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM), mit Partnern ein Konzept erarbeiten, wie die Stadt das Ziel erreichen kann.

"Die 40 Prozent Restmüll werden kaum von einem Tag auf den anderen wegfallen. Das wird ein stetiger Prozess", sagt Sabine Schulz-Hammerl, Zweite Werkleiterin der AWM. Wie diese Schritte genau bemessen werden, ist noch nicht entschieden. Die Stadt Kiel, die 2019 als erste deutsche Kommune eine Zero-Waste-Strategie verabschiedet hat, will die Restmüllmenge pro Kopf und Jahr bis 2035 um 15 Prozent reduzieren, Haus- und Geschäftsabfälle um die Hälfte. Zu den vorgesehenen Maßnahmen zählen Zero-Waste-Schulen, öffentliche Trinkwasserspender und eine Baumaterialbörse. Zudem will Kiel eine kommunale Verpackungssteuer wie in Tübingen. Dort fallen 50 Cent pro Einweg-Becher und -Teller und 20 Cent pro Besteck-Set an.

Es gibt also Beispiele, an denen sich München orientieren kann. "Wir wollen diese Strategie nicht im Hinterzimmer entwickeln, sondern partizipativ", sagt Markus Mitterer, Projektleiter Zero Waste bei Rehab Republic, einer Organisation, die Projekte zur Bildung für nachhaltige Entwicklung umsetzt und gemeinsam mit dem Wuppertal Institut, Stakeholder Reporting und Prognos diesen Prozess begleitet.

Dazu wurde als erstes eine Gruppe mit Akteuren der Stadtgesellschaft ins Leben gerufen, aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Bürger:innen konnten übers Internet Vorschläge einreichen, insgesamt kamen etwa 400 Ideen zusammen, die nun strukturiert und kostenmäßig bewertet werden sollen. Viel selbstverständlicher als früher sei der Sharing- und Wiederverwendungsgedanke, sagt Schulz-Hammerl dazu.

Angebote für ein ressourcenschonendes Leben bietet der AWM schon heute: Auf der Webseite finden sich mehrsprachige Secondhand- und Reparaturführer. Ein Gebrauchtwarenkaufhaus bieten gute Waren von Wertstoffhöfen zu günstigen Preisen feil. Beim Abfallmanagement wird es darum gehen, wie Wertstoffe, also Biomüll, Glas und verwertbare Kunststoffe, besser vom Restmüll getrennt werden können. In München gibt es keine Gelbe Tonne. Hier muss man sich auf den Weg zu einer "Wertstoffinsel" machen, um den Joghurtbecher, Dosen oder Altglas zu entsorgen. Ein Weg, der vielen zu weit ist, weshalb der Plastikmüll oft im Restmüll landet und mit diesem verbrannt wird. "Aus meiner Sicht könnte eine Anhebung der Restmüllgebühren ein Hebel sein", sagt Mitterer.

Strengere Auflagen Müllgebühren sind etwas, worauf die Kommune direkten Einfluss hat. An vielen anderen relevanten Stellschrauben kann sie nicht drehen. "Der Verpackungswahn ist extrem", sagt Schulz-Hammerl. Sie wünscht sich, dass der Handel hier weniger zögerlich agiere: "Natürlich muss alles hygienisch bleiben, aber in dem Bereich lässt sich noch viel verbessern." Ein erster Impuls von höherer politischer Ebene kommt mit dem Einwegplastik-Verbot von der EU. Der Bundestag hat zudem entschieden, dass ab 2023 Gastronomiebetriebe und Einzelhändler Lebensmittel und Getränke auch in Mehrwegbehältern anbieten müssen. Das ist freilich nur ein Anfang: Natürlich können Einwegprodukte aus Plastik oder Styropor durch andere Materialien ersetzt werden, damit ist Umwelt und dem Klima kaum geholfen.

Münchens berühmtes Volksfest, die Wiesn, ist früh einen besseren Weg gegangen. Seit 1991 ist auf dem Oktoberfest ausschließlich Mehrweggeschirr und -besteck zugelassen. Der wuchtige, gläserne Maßkrug - das Aushängeschild des Volksfestes - ist das bekannteste Beispiel hierfür, aber auch Softdrinks und Wasser werden nur in Mehrwegflaschen mit einem Mindestpfand von einem Euro abgegeben. Getränkedosen sind nicht erlaubt. Auch die Behältnisse, in denen Lebensmittel und Bierkrüge angeliefert werden, müssen wiederverwendbar sein. Was auf dem Oktoberfest seit 30 Jahren selbstverständlich ist, müssen die Münchner Gastronomen erst wieder lernen. Eine Mehrweg-Beratungsstelle wurde vom Stadtrat auf den Weg gebracht.

Die Kommune selbst kann angesichts ihrer Kaufkraft Nachfrage nach langlebigen Produkten schaffen. "Die Beschaffung ist ein Hebel, wo wir als Kommune wirklich etwas bewegen können", sagt Julia Post, die seit 2020 für die Grünen im Münchner Stadtrat sitzt. Anfang Dezember soll ein Hearing zur nachhaltigen Beschaffung stattfinden. Das ist eine Art interne Fortbildung, bei der sich die Verwaltung und Stadträte austauschen. Ein Leitfaden zur nachhaltigen Beschaffung und eine Zero-Waste-Strategie versprechen nicht automatisch Erfolg, meint die Stadträtin. "Wir können uns viele Ziele setzen und abstrakte Beschlüsse fassen. Entscheidend ist letztlich, dass es umgesetzt wird." Sie plädiert für flache Hierarchiestrukturen in der Verwaltung und Fortbildungen wie Vor-Ort-Besuche in produzierenden Gewerken.

Wie zäh Transformationsprozesse sein können zeigt ein Beispiel aus dem Stadtrat. Die Stadt München verbraucht jedes Jahr sehr viel Papier - legt man alle Blätter aneinander, reicht das zweimal um die Erde. Nach zehn Jahren Debatte gibt es seit kurzem ein Pilotprojekt zur papierlosen Stadtratsarbeit; darunter die Möglichkeit, die Stadtratsanträge digital zu erhalten. Doch blickt man während der Stadtratsversammlungen auf die Tische der Kommunalpolitiker:innen stapelt sich dort bei einigen weiterhin Unmengen Papier. Der Weg zu mehr Abfallvermeidung sei kompliziert und es gebe nicht die eine, einfache Lösung, sagen sowohl Schulz-Hammerl als auch Mitterer. Aber wenn sie über die Zero-Waste-Strategie sprechen, verwenden beide ein Wort: Aufbruchstimmung.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in München.
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