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Alle gegen alle? Beim Klimaschutz fehlt in der Gesellschaft (noch) das Wir-Gefühl

Der Bundestagswahlkampf hat begonnen, und eine der ersten aufgeregten Debatten drehte sich um das ökonomische Klimaschutzinstrument der CO 2-Bepreisung. Auslöser war ein Interview mit der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die das Konzept ihrer Partei erläuterte: einerseits soll unter anderem der Spritpreis schrittweise steigen, auf der anderen Seite sollen Belastungen finanzschwacher Haushalte durch ein so genanntes „Energiegeld" abgemildert werden.

Obwohl alle anderen demokratischen Parteien ebenfalls planen, fossile Energieträger zu verteuern, nutzten Spitzenleute von CDU/CSU, SPD, FDP und Linke die Vorlage, um die Grünen als unsozial zu kritisieren. Ein Spiegel-Kommentator nannte diesen Schlagabtausch „ Rückkehr der Klimaheuchler", ein Begriff, der kurze Zeit später auf Twitter trendete. Klima- und Umweltverbände schrieben einen offenen Brief an die Politik. Betreff: „Stoppen Sie unredlichen Wahlkampf auf Kosten des Klimas!"

Drei Monate vor der Wahl scheint damit festzustehen: Klimaschutz wird ein zentrales Thema des Wahlkampfs. Aber ob es auch eine Wahl wird, die dem Klima hilft ohne das gesellschaftliche Klima zu vergiften, hängt auch davon ab, ob es denn politischen Akteuren gelingt, die zunehmend polarisierend geführte Debatte in konstruktive Bahnen zu lenken.

Eine Mehrheit der Deutschen sieht Klimawandel als dringliches Problem

Der Verein More in Common hält beides für möglich: Klimaschutz könnte einen Betrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten, aber auch spalten. In einer Analyse, gefördert von der European Climate Foundation (ECF)*, ist die Organisation dem Thema nachgegangen. Dazu wurde in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Kantar in qualitativen Fokusgruppen im Dezember 2020 und einer quantitativen Online-Panel-Erhebung im Februar 2021 untersucht, wie 2.000 Menschen in Deutschland über den Klimawandel denken, was sie von Klimaschutz erwarten, wie sie ihre eigene Rolle sehen, und wie sie die öffentliche Debatte zum Thema bewerten.

„More in Common" teilt Deutschland in sechs gesellschaftliche Typen ein, die jeweils einen ganz eigenen Blick auf Gesellschaft, eigene Werte und Grundüberzeugungen haben. Darunter gibt es Typen wie „die Offenen" oder „die Involvierten", die aufgrund ihrer Überzeugungen erwartbarerweise schon zu Klimaschutz neigen. Die Studie umfasst aber auch jene Teile der Gesellschaft, die verhaltener mit dem Thema umgehen. Das umfasst das von More in Common so genannte „Unsichtbare Drittel" - die „Pragmatischen" und „Enttäuschten", die etwa die Hälfte der bekennenden Nicht-Wähler ausmachen, sowie die „Wütenden".

Ein grundlegendes Ergebnis der Befragung ist, dass Klimawandel inzwischen von einer Mehrheit der Menschen als ein dringliches Problem betrachtet wird. „In unserer Gesellschaft gibt es nicht pauschal die eine Gruppe, die vorbehaltslos, freudig und selbstlos Klimaschutz entgegensieht, während die anderen nur Besitzstandswahrer oder Verweigerer sind", sagt Jérémie Gagné, Projektmanager und einer der Studienautoren. Die Realität sei viel nuancierter, wie auch die Analyse zeige. „Die meisten Menschen haben in unseren Gesprächen klar signalisiert, dass sie bereit sind, über Vorschläge nachzudenken, wenn sie ihrer Meinung nach transparent gemacht werden und gerecht gemacht sind."

Vorwiegende Gefühlslage: Hilflos, wütend, enttäuscht

Die Untersuchung offenbart eine Problematik, die die Autoren „selbstverstärkendes Kooperationsdilemma" nennen. Einerseits sind 76 Prozent der befragten Menschen der Ansicht, mit ihrem persönlichen Verhalten „einen Unterschied" beim Klimaschutz machen zu können. Handlungsbereitschaft scheint im Grundsatz also vorhanden. Gleichzeitig nennen die Befragten als ihre stärksten Gefühle in Bezug auf die Klimakrise Hilflosigkeit, Enttäuschung und Wut.

Als Auslöser des Kooperationsdilemmas sei ein Punkt besonders wesentlich: Menschen achten sehr genau darauf, was gefühlt jeweils die anderen machen. In den Forschungsgesprächen habe sich herauskristallisiert, dass viele Menschen das Gefühl hätten, die Gesamtgesellschaft ziehe beim Klimaschutz zu wenig geschlossen mit.

Es droht allseitige Lähmung - weil alle meinen, die anderen täten zu wenig

Die Einzelnen registrieren den empfundenen Beitrag ihres Umfelds, der Gesamtgesellschaft sowie der mächtigen Akteure aus Politik und Wirtschaft zum Klimaschutz als zu wenig - und das Urteil darüber prägt wiederum die eigene Handlungsbereitschaft: Weil man sich inmitten einer gefühlt noch zu untätigen Gesellschaft hilflos fühlt, leidet der eigene Antrieb. Besonders fatal: Dieses Signal, von vielen verspürt, befördert das allseitige Zögern. In dieser Dynamik liege womöglich die größte Krux der Klimawende, so Gagné: Fühlen sich die Menschen voneinander befeuert - oder tritt eine kollektive „Lähmung" ein, weil man sich vermeintlich auf die anderen bzw. die Gesellschaft im Großen nicht verlassen kann?

„In den Gesprächen kristallisierte sich sehr klar heraus, dass die Menschen nicht länger Klimaschutz nur allein mit sich im Alltag ausmachen wollen", sagt Gagné. Das heißt, die ständige Frage wie soll ich mich verhalten, etwa beim Einkaufen oder Reisen, ohne dabei zu wissen, ob die anderen sich überhaupt Gedanken über eine klimafreundliche Alternative machen, ist für viele ein unbefriedigender Zustand. „Da fühlen sich viele alleingelassen, am Ende ihrer unmittelbaren Möglichkeiten, und oftmals hilflos."

Vorschriften und Regeln ja - aber bitte für alle. Und kein Klein-Klein

Ein weiteres Ergebnis: Die Bürger:innen wünschen sich einen Impuls von außen, also politisches Handeln. 66 Prozent aller Befragten befürworten „Vorschriften und Regeln", damit die Einzelnen genug für den Klimaschutz tun. Die Logik dahinter ist laut Studie eine zweifache: Zum einen steigt so die Gewissheit, dass sich niemand seiner Verantwortung entzieht. Zum anderen fühlt man sich teils auch selbst durch Regeln entlastet - sie bieten Orientierung bei Entscheidungen, die im Alltag schnell überfordern können.

Die Ergebnisse der Gespräche in den Fokusgruppen deuten darauf hin, dass politische Unentschiedenheit, die sich in sehr vorsichtiger und inkonsequent erscheinender Politik äußert, bei vielen Befragten nicht gut ankommt. Als ein Beispiel wird das Verbot von Plastik-Trinkhalmen genannt, was im Vergleich zu den Unmengen Kunststoff die produziert werden, wie Augenwischerei erscheint. Im Gegenteil: Debatten über eher kleinteilige Maßnahmen führe in den Augen vieler Menschen zu Schieflagen, weil dann nämlich die einzelnen Teilpolitiken „nicht zu Ende gedacht" seien und die Gefahr bestehe, dass sich eine soziale Unwucht entfaltet.

Die Mehrheit der Befragten wünscht sich, einen Politikansatz zu erkennen, der entschieden und vor allem umfassend gedacht ist: 71 Prozent der Menschen fordern einen klimapolitischen „Plan", während nur 29 Prozent eher auf eine Politik der „kleinen Schritte" setzen. Wesentlich dabei ist, dass diese Klimapolitik ganzheitlich dem „Vorankommen" des Landes dient.

Ein Fazit der Analyse ist: Verbindliche Klimaschutz-Regeln würden durchaus auf Akzeptanz stoßen. Um insbesondere die eher misstrauischeren Bevölkerungssegmenten einzubinden, empfehlen die Autoren einen ergebnisoffenen Dialog, welche konkreten Maßnahmen als akzeptabel und verhältnismäßig gelten können und deshalb verbindlich gemacht werden können. Eine Option solche Standpunkte konstruktiv auszutauschen, könnte der Bürgerrat Klima sein, bei dem seit April 2021 160 zufällig ausgeloste Menschen darüber beraten, welche Klimapolitik gut für die Umwelt und gut für das Land ist. Unbedingt zu vermeiden sei, so Studienautor Gagné: ein Gefühl, dass einzelne „bestraft" werden, während andere ohne Last davonkommen.

Das Gefühl „einseitiger Belastung" vermeiden

Ganz konkret zeigt sich dieses Dilemma in der Befragung am Beispiel der CO 2-Bepreisung: Hier sackt die Zustimmung (verglichen mit anderen Maßnahmen) stark ab. Als Grund hierfür vermutet Jérémie Gagné die großen Unsicherheiten, die für einzelne mit solchen Maßnahmen behaftet sind, solange sie nicht im Detail ausbalanciert wirken: „Man kann die Kosten für einen selbst auf Anhieb nicht abschließend berechnen, und man weiß nicht, wie sich die Last, die auf einen selbst fällt, im Verhältnis zu den Möglichkeiten anderer Menschen oder der ‚großen Akteure' gestaltet. Zudem fürchten viele, am Schluss könnte noch die Wirtschaft ihre eigene Beitragslast an die Verbraucher weitergeben, womit insbesondere Gruppen hadern, die sich ohnehin schon als prekär und zurückgesetzt empfinden".

Die Studienautoren machen an dieser Stelle aber auch deutlich, dass Teile der Bevölkerung Ressentiments gegen Klimaschutzmaßnahmen hegen: Eine Gruppe zum Beispiel, die in der Studie als die „kosmopolitischen Offenen" tituliert ist, hadere erkennbar mit einem möglichen Ende ihrer regen Flugmobilität.

„Die Wirtschaft" muss ihren Teil leisten

Preissteigerungen (etwa bei Benzin) werden in der politischen Debatte oft pauschal abgelehnt - mit häufigem Verweis auf den Schutz finanziell Schwächerer. Tatsächlich scheinen die Bedenken der Bürger:innen aber eine andere Ursache zu haben. „Im Moment herrscht das Gefühl vor, dass eher die Menschen als Einzelne in die Hauptverantwortung genommen werden - und dass die Politik die Wirtschaft viel zu wenig in die Pflicht nimmt", erklärt Gagné. „Das heißt: Alle Vorschläge, die in erster Linie als Kosten für Bürgerinnen und Bürger in ihrer Rolle als Verbraucher kommuniziert werden, wecken bei vielen erstmal Skepsis." Insbesondere frustriere dies jene Menschen, die bereits unzufrieden mit der politisch-gesellschaftlichen Realität sind.

Anders liege der Fall, wenn Menschen das Gefühl hätten, Maßnahmen zielten auch auf eine strukturelle Veränderung der Wirtschaft. „Auch wenn Regeln mit einer Verpflichtung der Wirtschaft einhergehen, wird natürlich nicht automatisch jede Kostensteigerung allen Menschen gefallen", sagt Gagné. Aber viele seien bereit, sich damit auseinanderzusetzen, in welchen Fällen Mehrkosten sinnvoll sein könnten - sofern die Maßnahme als sinnvoll, fair und transparent empfunden wird.

Eine Wir-gegen-die-Dynamik hilft niemandem

Wie also kann eine „gute" Debatte über Klimaschutz gelingen? Jérémie Gagné von More in Common: „Was viele Menschen wollen, ist, dass alle Gruppen und Akteure im Land einen verbindlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten, das Gemeinwesen dadurch aber auch besser und ‚reicher' wird - und zwar auf eine Art und Weise, bei der am Schluss alle sagen können: Das war vielleicht nicht immer leicht, aber wir haben auch alle etwas dafür bekommen."

Die Herausforderung für eine gute Klimakommunikation sei also, wie man Kosten und Nutzen, negative und positive Anreize, so verbindet, dass möglichst viele Menschen das Gefühl haben, es sei eine gute Kombination. In den Fokusgruppen nannten viele Teilnehmer:innen von sich zum Beispiel eine kostenlose Nutzung von Bussen und Bahnen als eine positiv empfundene Maßnahme. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Kommunikation einiger US-Demokraten, insbesondere von Infrastruktur- und Verkehrsminister Pete Buttigieg, der nicht müde wird, die dringend nötigen Investitionen etwa in neue Bahn-Infrastruktur stets als Vorteil für ein modernes und klimafreundliches Amerika zu nennen - und dass Radfahren nicht nur gut fürs Klima ist, sondern auch Städte belebt.

Klimaschutz bedeutet zwangsläufig Stress - aber welcher Art?

Natürlich geht in der Debatte um Klimaschutz-Maßnahmen nicht darum, dass sich ständig alle einig sind. Menschen setzen unterschiedliche Prioritäten, für ihr eigenes Leben genauso wie für die große Politik. Und es gibt vielfältige Lösungsansätze. Angesichts der großen, komplexen und sehr drängenden Aufgabe bedeutet der Aushandlungsprozess über den gemeinsamen Weg fast zwangsläufig Stress.

Allerdings gibt es „guten" und „schlechten" gesellschaftlichen Stress, so die Autoren der Studie. Beispielsweise machen sich viele Menschen Sorgen um die Existenz von Landwirten, wenn sie an Klimaschutzpolitik denken. Zugleich kritisieren viele die Art und Weise, wie Lebensmittel verarbeitet und konsumiert werden. Destruktiv werde die Debatte, wenn zum Beispiel entlang von Lebensstilen gestritten wird, die schnell in „Wir-gegen-die"-Dynamiken umschlagen und so der gemeinsamen Handlungsfähigkeit schaden. Als Negativ-Beispiel wird die oft aggressiv geführte Diskussion zwischen Veganern und Fleischessern genannt. Dadurch werde das Thema individualisiert und auf die Frage reduziert: „Wer lebt richtig?"

In einem sind sich die Befragten sehr einig: Dass die gegenwärtige Klimadebatte spalte

Im Moment empfinden 80 Prozent der Befragten, die derzeitige öffentliche Klimadebatte treibe die Menschen eher auseinander. Und interessanterweise unterscheidet sich diese Einschätzung in den verschiedenen Teilgruppen kaum.

Das More-in-Common-Team sieht dabei auch die Medien in der Verantwortung. Es sei nicht hilfreich, Klimafragen vor allem als Verbraucherthemen und persönliche Lebensentwürfe zu diskutieren. Diese vereinzelnde Perspektive frustriere die Menschen, führe zu gefühlter Hilflosigkeit und befördere schlimmstenfalls Spaltungstendenzen. Stattdessen sollte das politisch-gesellschaftliche Gestaltungsbedürfnis der Bevölkerung aufgegriffen und in seinen unterschiedlichen Perspektiven beziehungsweise systemischen Zusammenhängen dargestellt werden.

„Alle Akteure sollten sich eine gewisse Offenheit bewahren für unterschiedliche Interessenlagen und Sichtweisen in der Bevölkerung", sagt Gagné. „Niemand sollte vorschnell abgeschrieben oder zum reinen Besitzstandswahrer erklärt werden. Jede Perspektive ist wichtig und in vielen Belangen womöglich auch berechtigt."

Daniela Becker *Transparenzhinweis: klimafakten.de wird ebenfalls von der European Climate Foundation gefördert.
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