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Für mehr digitale Zivilcourage

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Manchmal, so scheint es, ist das Internet nichts mehr als ein sehr hässlicher Ort. Wenn man sich auf Twitter, Reddit, Facebook und den vielen anderen Kanäle umguckt, wird dort gemobbt, beleidigt, gehetzt, gelogen und politische Propaganda verbreitet. Man kann da ungläubig drauf gucken, sich seinen Teil denken und das nächste lustige Tiervideo ansehen. Oder gar nicht mehr einloggen. Aber damit drückt man sich auch ein stückweit vor der Verantwortung. Denn das Internet und die sozialen Medien sind der größte öffentliche Raum, den es jemals gegeben hat. Es kann ein Ort des Austausches, Informations- und Wissensvermittlung, Handelsplattform oder eine Dating-Börse, kurz ein Raum des netten und konstruktiven Miteinanders, sein. Oder ein Raum, in dem die Unmenschlichkeit Oberhand gewinnt. Wie sich dieser Raum entwickelt, dafür sind wir alle mit verantwortlich. Was also tun, um das positive Miteinander zu bewahren und zu gestalten?

Widersprechen und Diskutieren

Natürlich, mit Leuten die den Holocaust leugnen, kann man nicht diskutieren. Es gibt Fakten, die sind einfach nicht zu verhandeln. Aber es gibt viele Themen, die sich in vielen Graustufen besprechen lassen: Asylpolitik, Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz, Impfen, Veganismus - um nur mal einige klassische Aufregerthemen zu nennen. Wenn man etwas liest, das offensichtlich falsch oder polemisch ist, wenn man sich zufällig in diesem Themenbereich auskennt, oder gerade etwas dazu gelesen hat, kann man sich ruhig mal in eine Diskussion einmischen. Das kann sogar dann etwas bringen, wenn es sich beim Ausgangs-Poster offensichtlich um einen Pöbler handelt. Ihn wird man zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überzeugen, aber es liegt in der Natur der sozialen Medien, dass alles Geschriebene öffentlich ist. Das heißt, man erreicht mit einem Posting auch die zahlreichen stummen Mitleser, die vielleicht interessierter und zugänglicher sind als die lauten Schreier und Störer.

Auf Umgangsformen achten

Irgendwie ist das ja Internet ja ein bisschen wie Autofahren: Es bringt in uns allen die schlimmsten Seiten hervor und lässt uns gehässig werden, besserwisserisch, laut und aggressiv. So eine schnippische Bemerkung ist ja auch schnell getippt. Doch all das verändert die Diskussionskultur. Wer sich an Diskussionen beteiligt, sollte - auch wenn es manchmal schwer fällt - freundlich, respektvoll und sachlich bleiben. Das kann und muss man auch von Diskussionspartner einfordern - und zwar von jedem. Im Netz kann jeder auf Augenhöhe mit jedem sprechen - mit dem Unbekannten, dem Promi, dem Politiker, dem Medienbetreiber - und wenn der sich im Ton vergreift oder dies auf seinen Seiten zulässt, kann man darauf aufmerksam machen. Diskutieren bedeutet natürlich auch, nicht allzu selbstgefällig zu sein und zumindest hin und wieder den Gedanken zuzulassen, dass an der Position des anderen auch etwas dran sein könnte. Und es gehört ebenfalls dazu, dass man selbst nicht jeden Quatsch ungeprüft verbreitet. Tipps für mehr Gelassenheit im Social-Media-Bereich gibt es zum Beispiel unter Gegen die Panik.

Sich mit den Angegriffenen solidarisieren

Wer mitbekommt, dass jemand im Netz gemobbt oder beleidigt wird, sei es wegen seiner Religion, seines Aussehens oder einer Meinung, die derjenige kundgetan hat, kann sich mit dem Angegriffenen solidarisieren. Das geht öffentlich per Tweet oder Post - auch wenn man sich dann der Gefahr aussetzt, ebenfalls Angriffen ausgesetzt zu werden. Aber auch eine private Nachricht per Facebook oder Mail kann jemanden der gerade im Zentrum eines Shitstorms steht oder öffentlich beleidigt und gemobbt wird, gut tun. Die Geste der Solidarisierung kann mächtiger sein als man vielleicht im ersten Moment denkt, wie zuletzt zum Beispiel der WomensMarch eindrucksvoll gezeigt hat. Hin und wieder ist die Vergewisserung, dass man nicht alleine auf weiter Flur steht, sondern Menschen verschiedenster Generationen und Herkünfte gemeinsam und friedlich für Menschenrechte, Demokratie, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit einstehen, wichtig.

Mit möglichen Konsequenzen konfrontieren

Dass Facebook und Twitter beispielsweise Mord- und Vergewaltigungsdrohungen oder Holocaust-Leugner nicht augenblicklich löschen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, ist furchtbar. Das ist ein Problem, das der einzelne Nutzer leider nicht ändern kann, sondern auf politischer Ebene gelöst werden muss. Entsprechende Posts bei Facebook und Twitter zu melden, ist deswegen eher sinnlos.

Es ist ein vergleichsweise neues Phänomen, dass im Netz derart Extremes oft unter Klarnamen geäußert wird. Manchen Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie sich damit strafbar machen können: Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sind ohnehin justiziabel. Aber auch Beleidigung, Hetze, üble Nachrede, Mobbing und Verleumdung können rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Ein möglicher Schritt wäre, von den Aussagen einen Screenshot zu machen und den Verursacher in einer privaten Nachricht damit zu konfrontieren, dass ein solcher Post reale Konsequenzen zum Beispiel beim Arbeitgeber haben oder Geldstrafen in empfindlicher Höhe nach sich ziehen kann. Bei einem solchen Vorgehen gilt natürlich, dass man immer auf seinen eigenen Schutz und der eigenen Daten achten sollte.

Anzeige erstatten

Wird der extreme Eintrag trotz Hinweis nicht gelöscht, kann man Anzeige erstatten. In vielen Bundesländern geht das sogar mit nur wenigen Klicks online. Viele diese Verfahren verlaufen zwar im Sande, aber es hat in den vergangenen Jahren durchaus auch einige Ermittlungen und Verfahren gegeben, die in Gerichtsurteilen mündeten, bei denen Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer und Aufrufe zu Gewalt und Mord rechtlich bis hin zu Freiheitsstrafen geahndet wurden.

Je öfter solche Vergehen angezeigt werden, desto mehr werden Polizei und Staatsanwaltschaft und andere Vertreter der Exekutive für dieses Problem sensibilisiert, mehr Präzedenzfälle geschaffen und auf höchstrichterlicher Instanz durchgeklagt werden. Und je öfter durchgegriffen wird, desto schneller wird in das kollektive Bewusstsein einsickern, dass das Netz keineswegs ein rechtsfreier Raum ohne Anstand ist.

Nicht verzweifeln

Ja, das ist mühselig und erscheint in weiten Teilen wie unbefriedigende Sisyphus-Arbeit. Und natürlich kann man nicht immer und ständig mit Menschen im Netz diskutieren. Hin und wieder aber geht das sehr wohl. Wie bei allen öffentlichen Räumen gilt: Das Netz ist das, was wir daraus machen. Soll das Internet ein gepflegter und freundlicher Raum sein, müssen wir uns darum kümmern. Die Erfahrung aus dem analogen öffentlichen Raum zeigt: Sobald jemand anfängt Müll in einen Park zu schmeißen ohne dass er Widerspruch erfährt, kommt bald der nächste und tut es ihm nach. Das gleiche gilt für die sozialen Medien. Für das friedliche Miteinander gibt es einerseits gesetzliche Regeln, die durch die Exekutive durchgesetzt werden müssen. Und es gibt die Zivilgesellschaft. Die darf es nicht zulassen, dass in der U-Bahn jemand angepöbelt oder gar angegriffen wird, während wir einfach stumm auf unseren Plätzen sitzen bleiben. Stattdessen müssen wir beherzt eingreifen. Zivilcourage nennt man das. Die braucht es im analogen Leben genauso wie im digitalen.

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